Emergenzmystiker auf dem Pfad der Spiritualität
Michael Schermer fragt auf Scientific American, ob “Emergenz den Fluch des Reduktionismus brechen und die Spiritualität zurück in die Natur bringen kann”. Wenn man Schermer glauben kann, dann öffnet Emergenz ein Einfallstor für Gott in die Naturwissenschaft. Zwar keinen richtigen, bärtigen, der Blitze schleudert, Erstgeborene dahinrafft oder Jungfrauen schwängert, sondern so einen Wischiwaschispiritualitätsgott, aber immerhin.
Was ist Emergenz überhaupt, und wie macht sie das?
Unser Weltbild besteht aus ziemlich komplexen Gegenständen, wie z.B. Gewittern, Atomen, politischen Parteien, Symphoniekonzerten, sexuellen Neurosen, Computerspielen und, hrmpf! - Fußball. Diese Gegenstände werden nicht alle auf dieselbe Weise wahrgenommen - strenggenommen können die meisten von ihnen überhaupt nicht direkt wahrgenommen werden. Selbst die Wahrnehmung zweier physikalischer Gegenstände schließt sich oft gegenseitig aus: wenn man das Wetter betrachten will, so braucht man dafür ganz andere Instrumente, als zur Beobachtung von Atomen. Dennoch hängen viele dieser Gegenstände miteinander zusammen. Beispielsweise besteht Wetter aus dem Toben bestimmter Sorten von Atomen, und Politik aus dem Toben von Leuten, und Leute aus dem Toben von Zellen. Dieses Verhältnis - die Entstehung einer Beschreibungsebene durch das Herumgetobe von Dingen auf einer anderen Ebene - benennt man mit dem handlichen Wort “Emergenz”. (Emergieren heißt soviel wie “auftauchen”.) Emergenz ist anscheinend eines der mystischsten Konzepte der Wissenschaftsphilosophie.
Kann man alle Gegenstände der Welt auf eine unterste Ebene zurückführen? Z.B. Fußballbegeisterung auf Psychologie, Psychologie auf Hirnfunktionen, die Hirnfunktionen auf Neurobiologie, die Neuronen auf Zellbiologie, diese ihrerseits auf Chemie, und die Chemie auf Teilchenphysik?
“Alle Erklärungspfeile zeigen nach unten, von Gesellschaften auf Menschen, auf Organe, auf Zellen, auf Biochemie, auf Chemie und schließlich auf Physik.” (Steven Weinberg)
Die Idee, dass man alle Beschreibungen der Welt auf eine einzige zurückführen kann, nennt man Reduktionismus. Und wenn die Physiker die Physik irgendwann mal fertigkriegen, kann man sich den Rest getrost schenken, natürlich Gott inklusive.
Nur klappt das in der Praxis nicht. Natürlich ist Wetter einfach nur Thermodynamik, die in einer bestimmten Geographie stattfindet. Leider existieren jedoch z.B. Gewitter auf der Ebene von Thermodynamik gar nicht: wenn ich mir einzelne Moleküle anschaue, finde ich keine Feuchtigkeit, keine Aufwinde, keine Cumulonimbuswolken, kein Tief “Heidi” mehr. Wenn ich die Neuronen im Gehirn einer Ratte anschaue, dann ist da kein Gedanke an Käse zu beobachten. Und wenn ich die Transistoren in meinem Computer anschaue, dann finde ich diesen Text nicht. - Diese Arten von Beschreibung der Wirklichkeit mögen zwar durch die tieferen Ebenen realisiert sein, aber sie existieren auf der tieferen Ebene nicht mehr.
Wie kommt dadurch Gott ins Spiel? - Michael Schermer hat Stuart Kauffman getroffen, und sogar seine Bücher gelesen, und er gibt ihn folgendermaßen wieder:
Wenn die Ereignisse auf der einen Ebene (z.B. der Psychologie) die Ereignisse auf der anderen Ebene (z.B. Gesellschaft, oder meinetwegen Fußball) nicht komplett beschreiben können, dann hängen sie auch nicht kausal (ursache-wirkungsmäßig) davon ab. Sie sind frei! Es gibt sozusagen Kreativität im Universum, es tut nicht, was die Physik will, sondern es ist kreativ!
Diese Phänomene können nicht aus der Physik abgeleitet werden, sie haben eigene kausale Kräfte, und deshalb sind sie emergente reale Entitäten im Universum. (…) Dieser kreative Prozess (…) ist so erstaunlich, so überwältigend, so ehrfurchteinflößend, dankbarkeitsinspirierend und respekteinflößend, dass er Gott genug für viele von uns ist. Gott, ein völlig natürlicher Gott, ist die Kreativität an sich im Universum.” (Stuart Kauffman)
Je nach Veranlagung mögen Sie jetzt vermutlich in Verzückung oder Stirngerunzel verfallen. (Michael Schermer entscheidet sich fürs Verzücken.)
Leider beruht diese ganze Geschichte auf einer klassischen Verwechslung. Die verschiedenen Ebenen verursachen einander nämlich gar nicht richtig. Der Text, den Sie gerade auf ihrem Bildschirm sehen, ist nicht von den Transistoren ihres Computers verursacht, sondern er wird von von Ihnen in die Flimmerpünktchen, die ihnen die Welt gerade zeigt, hineininterpretiert. Genauso, wie Sie gesten abend vielleicht ein Fußballspiel in das Herumgetobe von 22 Leuten hineininterpretiert haben. Bzw. in die Bewegungen von 22 voluminösen Zellhaufen. Bzw. in das Gewabere von ungefähr 176 Quadrilliarden Atomen (die Luft und den Untergrund nicht mitgerechnet). - All das sind nicht verschiedene Verursachungsebenen, sondern einfach verschiedene Beschreibungen.
Die Emergenz ist kein magisches Dingsda, kein kreativer Prozess, sondern schlicht das Verhältnis, in dem diese Beschreibungen zueinander stehen. Und einen Gott, der sich damit abgibt, mal schlecht und mal recht zwischen verschiedenen Beschreibungen der Wirklichkeit zu übersetzen - den finde ich dann doch etwas enttäuschend.
Schlagworte: Emergenz, Reduktionismus



10. Juli 2008 um 09:39 Uhr
“Wenn die Ereignisse auf der einen Ebene (z.B. der Psychologie) die Ereignisse auf der anderen Ebene (z.B. Gesellschaft, oder meinetwegen Fußball) nicht komplett beschreiben können, dann hängen sie auch nicht kausal (ursache-wirkungsmäßig) davon ab.”
Das zählt zum größten Quatsch, den ich je gehört habe. Nur weil der Mensch nicht in der Lage ist, eine Beschreibung, die er auf der Ebene eines groben Wahrnehmungsrasters leicht formulieren kann, auf eine andere Ebene mit höherem Detailreichtum zu übertragen, heißt das doch noch lange nicht, dass sie dort nicht möglich wäre. Natürlich könnte ich diesen Text auch finden, wenn ich mir die Schaltkreise meines Computers anschaue — wenn ich die richtigen Wahrnehmungsorgane (oder Hilfsmittel) habe und wenn ich in der Lage wäre die richtigen Muster in den komplexen elektrischen Verteilungen und den komplexen, unterschiedlichen Funktionen der verschiedenen Bausteine eines Computers zu erkennen.
Nur weil diese Möglichkeit eher theoretischer Natur ist, muss ich ja nicht gleich annehmen, dass das grundsätzlich unmöglich ist. Mir ist eine Erklärung völlig ausreichend, die sich damit begnügt zu zeigen, wie schwer es uns fällt Interpretationen, die unser Gehirn ganz nebenbei treffsicher vornimmt, in Algorithmen abstrakter Logik zu überführen. Die einzige wirklich wichtige Erkenntnis hier ist, dass wirklich alles “relativ” ist. Dass es keine Objektivität außerhalb des Objekts gibt, weil jegliche vermeintliche Erkenntnis über ein Objekt immer anhand eines wahrgenommenen Objekts gewonnen wird. Und dass jegliche Wahrnehmung immer mit einer bestimmten Auflösung geschieht, die (neben Fokus und Umgebung) das Wahrgenommene mit determiniert. Diese Erkenntnis ist aber wiederum auch nicht so neu, dass ich daraus gleich auf Gott schließen muss.
Ich sehe auch, wenn ich ein Auto kaufen will, plötzlich überall das entsprechende Modell auf der Straße. Ich habe aber noch nie daraus geschlossen, dass Gott seine Hand im Spiel hat.