72512 neue Götter in 24 Stunden
Seit einem Tag ist das Schöpfungslabor von Maxis’ langerwartetem Spiel “Spore” online. Spore macht die Spieler zu fröhlichen kleinen Evolutionssteuerungsgöttern. Wir beginnen mit Einzellerzucht, arbeiten uns zu schwimmenden Vertebraten hoch und scheuchen unsere Kreaturen sodann aufs Festland. Nachdem diese sich ein paar Generationen den Freuden des Fressens und Gefressenwerdens hingegeben haben, erfinden sie die Zivilisation, und wir dürfen sie mit Architektur und fahrbaren Untersätzen ausstatten. Und weil das erst der Anfang ist, erkunden wir anschließend das Sonnensystem, die Galaxis und ferne Sternennebel - standesgemäß im selbstgebastelten Raumschiff, mit Kreaturen-Entführungsstrahler, Terraforming-Sonden und Planetenpulverisierungskanone.
Was Spore besonders macht: das Universum kennt hier keine Grenzen - es ist mathematisch, prozedural definiert. Spore ist angetreten, die Welt des Spieledesigns zu revolutionieren: durch Spielinhalte, die von den Benutzern selbst geschaffen werden können.
Anstatt die Position jedes Planeten im All vorzugeben, haben sich die Spore-Programmierer allgemeine Gesetze der Planetenverteilung ausgedacht. Anstatt auf jedem Planeten Berge, Täler, Krater, Flüsse, Wälder, Wüsten anzulegen, haben sie allgemeine Beziehungen zwischen Sonnenabstand, Geologie, Geographie und Vegetation definiert. Und anstatt jede Schuppe und jeden Höcker auf dem Rücken einer siebenbeinigen Echse einzeln festzulegen, haben sie allgemeine Regeln für die Verteilung und Färbung von Schuppen gefunden.
All diese Regeln und Beziehungen geben einen Rahmen vor, der praktisch unendliche, sich nicht wiederholende Vielfalt erlaubt. Mit wenigen Mausklicks kann ein Spieler eine neue Tierart erschaffen - eine Wirbelsäule mit einem Rumpf umgeben, eine beliebige Anzahl von Extremitäten anflanschen, Gelenke und Sinnesorgane positionieren, Haut und Fell einfärben. Der Spieler konzentriert sich auf seine Ideen, der Computer sorgt dafür, dass alles zusammenpaßt. Schon nach ein paar Minuten watschelt, kriecht, hüpft oder schreitet eine frischgebackene Kreatur durch die Spore-Welt.
Bisher verwendeten die Programmierer und Designer von Computerspielen einen großen Teil ihrer Arbeit darauf, ihre Welten mit möglichst vielfältigen Details und Figuren zu füllen. Im Gegensetz dazu hat Maxis die Arbeit mehrerer Jahre in extrem einfach zu benutzende Entwurfswerkzeuge, und die “Naturgesetze” des Spore-Universums investiert. Diese Investition zahlt sich aus. Nachdem die Demoversion im Internet verfügbar wurde, dauerte es nur wenige Stunden, bis zehntausende Spieler sie heruntergeladen hatten. Und bereits nach einem Tag luden diese Spieler über vierzigtausend verschiedene, neu erschaffene Kreaturen auf die Website von Maxis.
Die Kreativität, die Energie und die Ideen, die Computerspieler in ihren Medienkonsum stecken, ging bis heute zumeist ungenutzt und unwiederbringlich verloren. Das muß nicht so sein - schon Anfang der Neunziger Jahre gab es Internetrollenspiele (sogenannte “MUDs” - Multi-User-Dungeon Adventures), in denen von den Spielern neue Figuren, Gegenstänge, Fahrzeuge, Gebäude und Landschaften erschaffen werden konnten. Aber diese Rollenspiele bestanden ausschließlich aus Text, und um sie zu verändern, mußte man eigens eine Programmiersprache lernen. Das ist für Spore nicht nötig - und es wird vermutlich nicht lange dauern, bis sich auch die Programmierer von “ernsthaften” 3D- und Architektur-Editoren von der Intuitivität und Spielfreude, mit der Spore bedient werden kann, inspieren lassen.
Spore erscheint im September - aber das Spore-Kreaturen-Labor kann ab sofort (und kostenlos) heruntergeladen werden. Frohes Experimentieren!
Update: Es ist einen Tag später, und die Geschwindigkeit, mit der die Spore-Community wächst, nimmt rasant zu. Inzwischen sind eine Viertelmillion Teilnehmer online, und sie laden derzeit mehr als 70000 neue Kreaturen am Tag auf den Server. Wer keine Lust hat, das Kreaturen-Labor zu installieren, findet auf Youtube jeden Tag zahlreiche neue Viecher, vom Drachen über die naturgemäß ungemein populären Penismonster bis zum Pikachu…
Schlagworte: 3D-Editor, Spore, User Generated Content



