Morgen, 15.00 Uhr: elektrische Terminkalender versklaven die Menschheit

In seiner 1962 erschienen Erzählung The Creature from Cleveland Depths beschreibt der amerikanische Science-Fiction-Autor Fritz Leiber eine interessante Erfindung: Den “Tickler”. Weil der Held seiner Erzählung seine Lieblingssendung im Fernsehen verpaßt, ersinnt er eine raffinierte Vorrichtung: eine “mechanische Sekretärin”. Und damit sie wenig Platz verbraucht, handelt es sich einfach um ein kleines, handliches Elektrogerät, das direkt am Körper getragen wird, und seinen Besitzer durch einen Vibrationsalarm (Leiber spricht von einem “Zwicken”) an zuvor markierte Verpflichtungen erinnert. Aber nachdem jemand auf die Idee kommt, dass sich dieser Terminkalender mit seinesgleichen zu einem sozialen Netzwerk synchronisieren kann, sind die Pforten zu einer Weltuntergangskatastrophe geöffnet. Ob Leiber die globale Bedrohung durch Google Calendar und Microsoft Exchange vorausgeahnt hat?

Leibers Tickler stellt eine überraschende (und aus heutiger Sicht inkonsequente) Mischung aus Computertechnik und einem Tonbandgerät dar. Das Band (Leiber verwendet einen magnetisierbaren Draht) ist lang genug, um eine ganze Woche lang laufen zu können. Um einen Termin zu notieren, gibt man Wochentag und Uhrzeit ein, und der Tickler spult das Band an die entsprechende Position vor. Nachdem man seinen Termineintrag ins Mikrofon gesprochen hat, spult der Tickler wieder zum aktuellen Zeitpunkt zurück und geht in den Abspielmodus über.
Wenn das Band dann einen der aufgesprochenen Termine erreicht hat, macht sich der Tickler durch ein Zwicken bemerkbar und gibt das Memorandum durch ein unauffälliges Headset wieder.

Eigentlich funktioniert der Tickler gar nicht viel anders als ein moderner Terminkalender. Leiber war jedoch überzeugt, dass für den massenhaften Erfolg noch eine wichtige Funktion fehlt: kaum jemand würde die Selbstdisziplin haben, sich selbst all die notwendigen Termine vorzugeben und aufs Band zu sprechen! Und Leiber erfand… tadaa!!! - den vorbefüllten Terminkalender! Statt sich selbst auszudenken, wann man aufstehen, frühstücken, am Arbeitsplatz erscheinen, zur Pause gehen usw. möchte, erwirbt man einfach ein vorgefertigtes Band, das zu eigenen Lebenswandel, zur Berufsgruppe usw. paßt.

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In genau definierten Arbeitsgängen wird das Band zunächst vom Hersteller, dann vom Arbeitgeber und schließlich vom Psychologen des Vertrauens mit motivierend formulierten Standardterminen versehen. Und die Leerstellen zwischen den Terminen müssen nicht ungenutzt bleiben, sondern werden mit motivierendem Suggestionsgeflüster aufgefüllt.

Bereits kurze Zeit nach der Markteinführung trägt fast jeder Amerikaner einen Tickler am Leib. Der Tickler euphorisiert (durch sein Motivationsgeplapper), er entspannt (weil man endlich von der Notwendigkeit, seinen Tag zu gestalten, befreit wird), und er erhöht die Effizienz dramatisch, was ja bekanntlich zu Wirtschaftswachstum im Speziellen und Fortschritt im Allgemeinen führt.

Der Tickler ist so nützlich und beliebt, dass er weitere Funktionen erhält. Er kann bald auch Medikamente verabreichen, Videos der Umgebung aufzeichnen, zwischen konkurrierenden Terminen auswählen. Ab der dritten Generation stehen die Tickler miteinander in drahtlosem Funkkontakt (Leiber benutzt elektrische “Telepathieschaltkreise”) und können ihre Termine miteinander abstimmen. Und das Folgemodell vermag sogar, Briefe und Memos, die für den Besitzer bestimmt sind, zu lesen, zu verarbeiten und entsprechende Entscheidungen zu treffen.

StartUp-Gründer aufgepaßt! Geschäftsidee: Verbindung von Google Calendar mit dem Mailprogramm, SMS und Instant-Messaging zur automatischen Generierung und Abarbeitung von Termineinträgen (iPhone-Unterstützung nicht vergessen!!!)

Leider kommt es, wie es kommen muss. Die Tickler sind bald kein Werkzeug der Menschen mehr. Umgekehrt: die Menschen sind bloß noch die Träger der Tickler, die beginnen, ihre eigenen Pläne zu verfolgen. Längst sind es die Tickler, die die Konstruktion der neuen Tickler-Generation in die Hand genommen haben. Und als die Erfinder erkennen, was sie da angerichtet haben, ist es zu spät: in ihrem Terminkalendern ist bereits notiert, wann das Tragen und Benutzen von Ticklern verpflichtend wird: Morgen nachmittag, 15.00 Uhr.

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1 Kommentar zu „Morgen, 15.00 Uhr: elektrische Terminkalender versklaven die Menschheit“

  1. Joscha Bach - Blog - L’Homme Machine - Netzkultur - VANITYFAIR.DE» Blogarchiv » Die Singularität der Künstlichen Intelligenz sagt:

    [...] Übrigens findet Wikipedia, dass das Konzept (nicht der Name) 1965 vom Statistiker I.J. Good erfunden wurde, aber aufmerksame Leser dieses Blogs kennen schon die 1962er Geschichte von Fritz Leiber… [...]

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