Computergrafik im Tal des Grauens

(Diese Dame ist computergeneriert: Image Metrics)

Die Schöpfer von “Emily” hoffen, einen wichtigen Durchbruch gemacht zu haben: ihre Animationen sehen so menschenähnlich aus, dass der Betrachter sich nicht mehr an eine gespenstische Wachspuppe oder einen Zombie erinnert fühlt.

Computergrafik (und Robotik) hat nämlich einen irritierenden Effekt - wenn sie abstrahiert und cartoonhaft bleibt, wirkt sie oft überzeugender als wenn sie sich dem Aussehen realer Menschen stark annähert. Diesen Effekt hat der japanische Robotiker Masahiro Mori “das gruselige Tal” (uncanny valley) getauft.


(Kokoros Actroid DER2 Fembot)

Woran liegt es, dass menschenähnliche, aber nicht komplett menschliche Roboter so irritierend und abstoßend wirken? Mori vermutet, dass wir bei Menschen einfach viel genauer hingucken als bei Puppen. Während wir wissen, dass Puppen lediglich einen Menschen symbolisieren, schauen wir bei Menschen nach, ob sie krank, behindert, unaufrichtig, müde oder aufgeregt sind. Abweichungen bei subtilen Merkmalen nehmen wir besonders stark wahr.

Wenn man die Glaubwürdigkeit einer Figur mit ihrer Menschenähnlichkeit ins Verhältnis setzt, dann erhält man deshalb keine Eins-zu-Eins-Relation. Vielmehr nimmt die Glaubwürdigkeit mit zunehmender Ähnlichkeit erst zu, und dann plötzlich stark ab - ein fast menschenähnlicher Roboter ist viel unglaubwürdiger als ein Cartoon. - Dieses “Glaubwürdigkeits-Tal” ist das uncanny valley.

Emily versucht, diesem Tal zu entkommen, indem viele Feinheiten des Gesichts, z.B. asymmetrische Muskeln, die genaue Blickfolge und dergleichen nachgebildet werden. Sobald man es daran fehlen läßt, wirkt Computeranimation vielleicht beeindruckend, aber trotzdem krude oder sogar verlogen:

(Pendulums Alter-Ego Animation)

Auch Image Metrics’ Emily ist von der Perfektion noch ein Stück entfernt. Die Macher von Animationsfilmen haben sich jedoch gut mit dem Grusel-Tal arrangiert. Sie gestalten ihre Figuren einfach weniger photorealistisch und finden einen eigenen Stil.
Beispielsweise sahen die Charaktere im Film Final Fantasy II (2001) noch aus wie untote Wachsfiguren, obwohl sie extrem detailliert gestaltet und animiert waren. Final Fantasy VII verzichtet auf menschenähnliche Perfektion, und gewinnt dadurch einen eigenständigen, frischen und lebendigen Ausdruck.

(Via BoingBoing, Dave Bryant, Engadget)

Schlagworte: ,

1 Kommentar zu „Computergrafik im Tal des Grauens“

  1. Max Mustermann sagt:

    Ich habe mir zuerst das erste Video angesehen und erst danach den Text gelesen. Beeindruckend. Mein Gedanke war: “Eine verdammt hübsche Programmiererin haben die da zum Interview geschickt.” Es ist nicht nur das Gesicht, es sind auch die Bewegungen des Körpers und vor allem der Hände und die Stimme.

    Eine Assoziation zum theoretischen Background: Ich habe mal gelesen, dass Babys genauso gut Menschen- und Affengesichter unterscheiden können. Das verliert sich im Laufe der Zeit bzgl. der Affen, während es für Menschengesichter immer weiter ausdifferenziert wird. Andersherum wäre es auch merkwürdig.

Kommentieren