Die Sache mit den Wahlcomputern

Wer weiss jetzt schon, wie die Wahlen in den USA ausgehen werden? - Die Wahlcomputerfirma Diebold weiss es!

Diebold, inzwischen umbenannt in Premier Election Solutions, wird von vielen Amerikanern der vorsätzlichen Wahlfälschung in den Jahren 2000 und 2004 verdächtigt. Kürzlich wurde die Firma wegen des “Verlierens” von Wählerstimmen im Bundesstaat Ohio verklagt. Zur Entschuldigung wurde vorgebracht, dass es ein Problem mit der Anti-Virus-Software der Wahlmaschinen gegeben hätte…


- Warte mal: “Anti-Virus-Software”?! Auf Wahlcomputern? Da läuft was falsch!

- Wieso? Sicherheit ist doch gut, oder?
- Natürlich. Aber…

- … stell Dir vor, Du bist bei der Elternsprechstunde beim Klassenlehrer, und der Lehrer versichert, dass er beim Unterrichten immer ein Kondom tragen wird.

- Ah. Strenggenommen besser als die Alternative…
- Aber jemand macht seinen Job offensichtlich furchtbar falsch.

XKCD bringt das Problem auf dem Punkt: Antivirensoftware hilft Windows-Usern, die eine Verbindung zum Internet haben, oder öfter mal Software unklarer Herkunft installieren. Auf einem Wahlcomputer, der ein speziell abgesichertes Betriebssystem und ein keinen Netzzugang hat, wird dergleichen nicht benötigt.

Wahlcomputer sind grundsätzlich problematisch für die Demokratie, denn praktisch alle denkbaren Schutzmaßnahmen helfen nicht gegen Manipulationen durch Machthaber und Hersteller. Beispielsweise wurden die Fälschungen in der DDR-Kommunalwahl 1989 durch den Vergleich der manuellen Auszählungen in den Wahllokalen mit den offiziellen Ergebnissen bekannt. (Das Bekanntwerden der Fälschung hat viel zum Ende der DDR beigetragen.)
Hätte die DDR Wahlcomputer von Diebold gehabt, dann hätte es keine Möglichkeit gegeben, diese Fälschungen zu entdecken, denn:

- Die Stimmen wurden nicht zusätzlich in Papierform protokolliert, sondern lediglich am Ende der Wahl entsprechend dem gespeicherten Stand ausgedruckt. Das Nachzählen ermöglicht daher nur den Vergleich zwischen übermittelten und zentral zusammengezählten Stimmen, nicht das korrekte Abspeichern einzelner Stimmen. (In der Praxis sind viele von den Papierausdrucken verlorengegangen, weggeworfen oder geschreddert worden.)
- Es wurde ein Betriebssystem eingesetzt, das keinen Schutz gegen das Installieren (und anschließende Selbst-Löschen) von zusätzlichen Programmen bietet. Es war sogar möglich, automatisch neue Programme von Speicherkarten zu installieren.
- Die Wahlcomputer waren teilweise mit Modems ausgestattet, und es war möglich, während der laufenden Wahl von außen auf sie zuzugreifen und Daten zu verändern.
- Die Programme des Wahlcomputers wurden nicht von unabhängigen Experten überprüft, sondern als Geschäftsgeheimnisse behandelt.
- Die Festplatten vieler Wahlcomputer wurden direkt nach der Wahl von Technikern der Firma Diebold ausgetauscht.
- Die Speicherkarten, auf denen die Abstimmungsergebnisse abgelegt und transportiert wurden, waren nicht ausreichend gegen Manipulation geschützt.
- Das Zusammenrechnen der Abstimmungsergebnisse erfolgte auf ungeschützten Windows-PCs mit einer Microsoft-Access-Datenbank, so dass Manipulationen sehr einfach waren und nicht hätten nachverfolgt werden können.
- Die Firma selbst ist nicht politisch neutral, sondern durch ihr Management stark mit einer politischen Partei assoziiert.

Selbstverständlich heißt das nicht automatisch, dass Diebold absichtsvoll Wahlfälschungen begangen hat. Aber es bedeutet, dass niemand beweisen kann, dass es in den beiden letzten US-Präsidentenwahlen mit rechten Dingen zuging. Und darin besteht eine große Gefahr für das Funktionieren einer Demokratie.

Computer lassen sich grundsätzlich immer manipulieren, wenn ein Insider ein paar Minuten mit ihnen allein ist - notfalls durch Austauschen eines Speicherbausteins. Deshalb meinen unabhängige Computerexperten, dass Wahlcomputer grundsätzlich eine schlechte Idee sind. Und weil Wahlstimmen üblicherweise ehrenamtlich ausgezählt werden, machen sie die Wahlen sogar teurer.

Schlagworte: ,

Kommentieren