Die Kreditkrise und das Geheimnis des Geldes


(Bild: Max von Bock)

In den USA geschieht gerade Rätselhaftes: Blühende Konsumlandschaften implodieren, und rätselhafte Schwarze Löcher tun sich auf, um urplötzlich unvorstellbare Geldbeträge zu vernichten. Keiner scheint zu wissen, wieviel genau - selbst die Zahl von 700 Milliarden Dollar (mit denen George Bush die Banken stützen will) ist frei aus der Luft gegriffen:

“Das beruht nicht auf konkreten Daten,” sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums am Dienstag zu Forbes.com. “Wir wollten einfach eine richtig große Zahl nehmen.”

Unsere Systemlenker sitzen ratlos im Führerstand eines Kraftwerks mit Unmengen rot blinkender Alarmlämpchen. Verzweifelt und erratisch werfen sie hier und da Schalter herum und gießen Treibstoff in die Turbinen, weil sie wissen, dass sonst wahrscheinlich überall gleich das Licht ausgeht. Es fehlt an Erfahrungswerten und Wissen: Es gab zwar schon mehrere Krisen, aber es ist erst das zweite Mal, dass das Kraftwerk so kurz vor dem totalen Kollaps steht - und beim ersten Mal (1929) ist es leider explodiert.

Dabei war die Katastrophe bereits seit vielen Jahren angekündigt - und spätestens seit 2005 praktisch in aller Munde. Und beunruhigenderweise ist auch manchen “Experten” unklar, warum das passiert ist; selbst unser Außenminister macht irgendwelche diffusen schlechten Emotionen bei den beteiligten Finanzmenschen als Ursache aus: er spricht von Leichtsinn, Gier und Unvernunft als den Ursachen des Debakels. Das ist vergleichsweise albern, ungefähr so, als würde man die unverantwortliche Gier der Stromkunden für einen landesweiten Stromausfall verantwortlich machen, oder den hemmungslosen Fortbewegungsdrang der Autofahrer für den Zusammenbruch einer Brücke. Das Banksystem ist eine systemische, maschinelle Angelegenheit, in der Menschen nur als lokale Nutzenmaximierer vorkommen. Und wenn deren lokale Tätigkeit zum globalen Zusammenbrechen führt, dann liegt der Konstruktionsfehler im System. Die Lösung kann weder in mahnenden Worten an Herrn Ackermann noch in einer kurzfristigen Geldspritze bestehen, sondern nur in einer Neuordnung des Wirtschaftssystems.

Zeit, mal kurz über eine der alltäglichsten Sachen überhaupt nachzudenken: das Geld.

Woher kommt es, wohin geht es? Warum strampeln sich die meisten Leute so danach ab, so dass die Produktivität jedes Jahr steigt? Und warum geht es den meisten Leuten wirtschaftlich schlechter, obwohl die Wirtschaft doch beständig wächst? Max von Bock hat das vor ein paar Jahren amüsant und anschaulich illustriert: in eins, zwei, drei extrem sehenswerten Videos auf Youtube!

(Schaun Sie das an, ich warte solange auf Sie.)

Die Banken sind weder gierig noch irrational. Auch die einzelnen Bänker haben jeder für sich, lokal gesehen, rational gehandelt. Das Bankwesen ist ein (hilfreicher) Mechanismus, um in unserer Wirtschaft die Zuteilung von Kapital an ökonomische Projekte zu lenken: wer ein Unternehmen gründen will, muß dazu in aller Regel fremdes Kapital “mieten”, z.B. indem er einen Kredit aufnimmt oder Anteile (z.B. in Form von Aktien) verkauft.

Weil Banken (und die anderen Kapitalgeber) an einem weitgehend freien Markt agieren durften, lassen sie sich die Zuteilung von Kapital durch einen Anteil am erwirtschafteten Bruttosozialprodukt vergüten: sie geben Kapital an diejenigen heraus, die etwas damit produzieren wollen, und verlangen dafür eine Rendite (z.B. in Form von verkäuflichen Unternehmensanteilen, Anrechten auf Rohstoffen und Gütern etc.). Ohne, dass sie selbst in der eigentlichen Produktion tätig sind, saugten sie in den USA zuletzt ein Drittel der Wirtschaftsleistung auf. In Deutschland hat Josef Ackermann ein Renditeziel von mindestens 25% ausgerufen. Das Wachstum der letzten Jahre war nicht groß genug, um diese Lücke zu stopfen: die Zuwächse müssen zunächst die Kapitalgeber bedienen.

Das hat natürlich den Nebeneffekt, dass das erwirtschaftete Vermögen einer Volkswirtschaft sich nach und nach bei den Kapitalgebern akkumuliert (ansammelt).

Wohlgemerkt: die Kapitalgeber sind dabei nicht gierig oder unvernünftig. Sie agieren (wie jedes andere Unternehmen auch) im ökonomisch vernünftig - sie realisieren, was der Markt hergibt. Eine Bank ist dazu beispielsweise gegenüber ihren Anteilseignern verpflichtet.

Und weil die Kapitalgeber das ganze von ihnen erworbene Vermögen unmöglich in Brötchen umsetzen oder in Matratzen stopfen können, sind sie gezwungen, es wiederum gewinnbringend an den Kapitalmärkten zu investieren. Vorzugsweise in neue Güter und Unternehmensanteile, deren Wert gerade im Steigen begriffen ist. Das konzentrierte Kapital zirkuliert nicht mehr, sondern es vagabundiert herum, auf der Suche nach neuen Vermögenswerten.

Sobald genügend suchendes Kapital durch die Märkte vagabundiert, steigen vor allem solche Werte, die für andere Kapitalgeber interessant aussehen, wodurch eine systematische Überbewertung entsteht - eine “Blase”. Und wenn eine Blase platzt, dann verlieren diese Dinge rapide wieder an Wert, und das Kapital, dieses scheue Reh, flüchtet auf grünere Weiden, wo es dann erneut zur Gärung kommt.

Die aktuelle Blase ist die größte seit 79 Jahren. Die amerikanischen Immobilienkredite (die sich mit 11 Billionen Dollar in der Größenordnung der gesamten amerikanischen Wirtschaftsleistung bewegen) sind dabei nur ein Teil des Nährbodens. Die Finanzakteure handeln schon lange nicht nur mit Anrechtsscheinen auf Immobilien, Unternehmen und Gütern, sondern zunehmend mit Anrechtsscheinen auf Anrechtsscheine. Der Markt für diese Derivate (”Ableitungen”) liegt irgendwo in der Größenordnung von einer Trillion Dollar - eine Zahl, die so absurd groß ist, dass sie die gesamte Wirtschaftskraft unseres Planeten um mehr als den Faktor 10 übersteigt.
Wenn die zugrundeliegenden Werte dieses gigantischen Kartenhauses sich aber nicht nur lokal, sondern auf breiter Front als blasenhaft erweisen, dann gerät das Bankensystem ins Wanken: die Kapitalgeber können sich gegenseitig bezüglich ihres tatsächlichen Vermögens nicht mehr über den Weg trauen.

Diese Situation ist nun eingetreten. Die Banken haben derart viel in Blasenwerte investiert, dass sie einander nicht mehr trauen können - die Märkte können nicht mehr bestimmen, was einzelne Vermögenswerte überhaupt noch wert sind, und damit gerät der Kapitalverkehr ins Stocken. Und damit geraten nicht nur die spekulativen Finanzderivate in Schwierigkeiten, sondern auch die reale Wirtschaft, in der Unternehmen keine Kredite mehr bekommen, Käufer ihr Vermögen nicht mehr einschätzen können, und Umsatzprognosen unmöglich sind.

Der Staat (also wir Steuerzahler) soll nun als Bürge einspringen. Wenn wir den Banken ihre Blasenwerte abkaufen, dann könnte das Kartenhaus vielleicht solange gestützt werden, dass für diesmal nichts passiert, und die Realwirtschaft mit einem blauen Auge davonkommt.

Dale Bougharty vergleicht die Banken mit den somalischen Piraten, die gerade ein ukrainisches Schiff mit 33 Panzern erbeutet haben:

“Wir haben einfach ein großes Schiff gesehen,” sagte Ali Sugale, Sprecher der Piraten. “Deshalb haben wir es angehalten.”
“Wir wollen nicht, dass dieses Leid und dieses Chaos sich fortsetzen. (…) Wir wollen bloß das Geld!”

Die Piraten, von denen wir uns abhängig gemacht haben, haben unsere Wirtschaft gehijacked, und nun müssen wir das Lösegeld zahlen, oder uns eine neue Wirtschaft bauen.
Leider fehlt uns dazu jedes Rezept - ein großer Teil unserer Wirtschaft wäre möglicherweise ohne das Peitschenknallen der “gierigen” Bänker nicht zustandekommen.

Umgekehrt ist aber auch völlig unklar, ob staatliche Bürgschaften und Ausfallübernahmen das Fundament unserer Finanzwirtschaft wieder kitten können. Es ist deshalb auch nicht klar, wie hoch diese Aufwendungen sein müßten. Was aber klar ist: der Konstruktionsfehler unseres Mechanismus der Kapitalzuteilung ist damit nicht behoben. Wir wissen, dass ein unregulierter Markt das falsche Rezept war, aber wir haben kein belastbares Alternativmodell in der Schublade. (Siehe z.B. Ulrich Schäfer in der Süddeutschen vom Sonnabend.)

Ökonomische Wissenschaft kann nicht nach abstrakten, ideologisch begründeten Prinzipien funktionieren, sondern muß - so wie jede andere Naturwissenschaft - auf empirisch testbaren und im Simulationsmodell prüfbaren Abhängigkeiten beruhen. Aber anders als z.B. in der Klimaforschung stecken die Simulationsmodelle der Ökonomen aber noch in den Kinderschuhen; die Debatten zwischen den Anhängern verschiedener “Schulen” werden daher selten mit wissenschaftlichen Argumenten ausgetragen, sondern nehmen oft den Charakter von Glaubenskämpfen an. Ich glaube, die Chancen stehen gut, dass das Feld nun in Bewegung gerät - ökonomische “Klimamodelle” werden ein spannendes Forschungsfeld der nächsten Jahre sein.

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4 Kommentare zu „Die Kreditkrise und das Geheimnis des Geldes“

  1. froschfilm sagt:

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Beitrag! Einzig die These, “mehr Empirie in der Ökonomik” ist etwas wohlfeil. Natürlich darf Ökonomik nicht im luftleeren Raum stattfinden. Auf abstrakte Prinzipien wird man aber nicht verzichten können, geschweige denn kann man empirische Abhängigkeiten zur Basis(!) einer Theorie machen. Die Simulationsmodelle stecken da in der Tat noch in den Kinderschuhen, weil man sich völlig uneins ist, wo und auf welche Weise die Empirie in die Modelle eingebaut werden soll. Es gibt auch tatsächlich Forscher, die maximal-empirisch arbeiten wollen, aber die erreichen weder ihr Ziel einer 1:1 Abbildung der Welt, noch verstehen sie ihre eigenen Modelle.

  2. Max Mustermann sagt:

    Es gibt mindestens zwei theoretische Modelle, wie man das Finanzsystem reformieren kann. Nicht mehrheitsfähig ist wahrscheinlich die Tobinsteuer, hier wäre z.B. nicht mal klar, an wen diese Steuer zu zahlen ist. Aber der zweite Vorschlag, jede Finanzaktion einer Bank an einen Mindestansatz an Eigenkapital zu binden, halte ich für bedenkenswert. Die Ackermannschen 25% Rendite kommen ja nur zustande, weil sie auf das Eigenkapital bezogen wird, während die Erwirtschaftung des Ertrages mit dem gesamten eingesetzten Kapital erfolgt.

    Auf jeden Fall sind in der nächsten Zeit bestimmte Dogmen der letzten Jahre mausetot: Privatisierung ist per se gut, Deregulierung, der Markt kann sich nicht irren, kapitalgedeckte Altersvorsorge, etc. pp.

    Ganz wichtig wäre es mMn auch, bei jeder eingelösten Staatsgarantie die entsprechende Bank zu kaufen, d.h. in Staatsbesitz zu überführen.

  3. bach sagt:

    @froschfilm

    Selbstverständlich brauchen wir Abstraktionen. Aber die Begründung dieser Abstraktionen kann nicht ideologisch, wie bisher, sondern nur empirisch (z.B. durch den Vergleich einer anhand der Abstraktion gebauten Simulation mit der Realität) erfolgen. Im Moment wird die praktische Ökonomie weniger von wissenschaftlicher Erkenntnis als vom Konflikt unterschiedlicher Lobbyinteressen geprägt; Arbeitgeber, einzelne Branchen, Parteien und Gewerkschaften “halten” sich jeweils ihre Institute und Thinktanks und verkaufen ihre jeweilige Wunschvorstellung als Forschungsergebnis.

    Wenn die ideologisch gefärbten Auseinandersetzungen zwischen Ordoliberalen, Neoklassikern und Neukeynesianern rein akademisch wären, dann könnten wir uns alle zurücklehnen und seufzen, dass die Herren ihre eigenen Modelle nicht verstehen.

    Wir benutzen aber die schlecht begründeten Aussagen dieser Herren, um konkrete Maßnahmen zu begründen, z.B. verlängern wir Arbeitszeiten, verzichten auf Mindestlöhne, erhöhen die Konsumsteuern, sparen 10 Milliarden bei der Arbeitslosenhilfe, stecken 65 Milliarden in die Rettung einer Bank usw. Je nach “Experte” sind alle diese Maßnahmen entweder grundfalsch oder goldrichtig. Es wäre schon ganz gut, wenn wir wüßten, was wir da tun… Stattdessen geht es zu wie bei den Geisteswissenschaftlern: die Herren bemühen sich um Anschlußfähigkeit statt um Validität.

    Naja, vermutlich haben wir keinen Dissens.

  4. bach sagt:

    @ Max

    Die Blasen entstehen anscheinend nicht dadurch, dass es zuwenig Liquidität gäbe, sondern umgekehrt: zu viel Liquidität sucht nach Anlagemöglichkeiten. Ein Ausdruck davon war die Housing-Bubble: Kapital wird in Immobilien angelegt, und damit das funktioniert, wird über freizügige Kreditvergabe ein Wachstumsmarkt geschaffen. Über diesem Markt schweben dann wie überall die Meta-Anlagen und Derivate. Wenn die Kredite nicht bedient werden können, implodiert der Markt, und durch die Meta-Anlagen reißt es gleich eine Größenordnung Anlagevermögen mehr in den Orkus.

    Witzigerweise kann man weder den Kreditnehmern noch -gebern einen Vorwurf machen: alle taten jeweils das, “was alle tun”, und fuhren soweit sie sehen konnten gut damit; die Bank folgte dem Ruf des Marktes nach Krediten, und die Verbraucher nahmen die Kreditangebote der Banken an. Eine strengere Kreditvergabe hätte zwar die Ausfallrisiken verringert, aber an der Blasenbildung nichts geändert - irgendjemand muß die Zeche zahlen, wenn das eingesetzte Kapital sich wundersam vermehrt.

    Die Tobinsteuer würde die Kapitalflüsse etwas bremsen. Wenn das Getriebe der Börse den Sand der Tobinsteuer überwinden müßte, vergrößert sich die Schwelle zur Kapitalflucht; die Asienkrise wäre deutlich milder ausgefallen. (Es gibt auch konkrete Vorschläge, wie und wohin sie abgeführt werden könnte.) Insgesamt scheint der Nutzen die Nachteile zu überwiegen, aber es ist kein Allheilmittel.
    Daran, die Finanzderivate zu regulieren und die Eigenkapitalquote der Privatwirtschaftlichen Banken zu erhöhen, führt kaum ein Weg vorbei, wenn sich etwas ändern soll.

    Die grundsätzlichen Probleme der Vermögensasymmetrie sind damit aber auch noch nicht behoben: großes Geld wächst schneller als kleines Geld, und ab einem bestimmten Punkt wächst es schneller als es Werte aus der Realwirtschaft absaugen kann. Wenn die Kurse im großen Stil schneller steigen als die Produktivität, dann ist etwas faul.

    Vielleicht sollten wir uns grundsätzlich erinnern, dass wir den ganzen Wirtschaftszirkus, mit Arbeitszwang, Hungerhartz, Umweltverschmutzung, Reklameterror, Müllbergen, Rohstoffkriegen und Dritte-Welt-Ausbeutung ja nicht zum Spaß veranstalten, oder um ein paar reiche Säcke noch reicher zu machen, sondern um uns alle in möglichst guter Qualität mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Wir sollten regelmäßig innehalten und fragen, wie ein Wirtschaftssystem beschaffen sein muß, dass das auch tut.

    Im Moment läuft es leider auch dann schief, wenn gerade keine Krise ausgerufen wird: jedes Jahr steigern wir die Produktivität, aber die Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Leute verschlechtern sich.

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