Der Lückengott schlägt wieder zu

Im unaufgeklärten Christentum (d.h. vor allem im Mittelalter, in den USA und den Lesern des Onlineforums der Zeitung “Die Welt”) gibt es das Bestreben, die Wirkungsmacht Gottes in diejenige Bereiche zu verlegen, die wissenschaftlich nicht abschließend bearbeitet sind. Dazu gehören beispielsweise der Urknall, die Quantenphysik und die Entstehung des Lebens auf der Erde.

Das hat zwei Effekte:

1. Gott wird mit zunehmendem Wissenszuwachs immer kleiner und machtloser.
2. Die Religionsanhänger fühlen sich verpflichtet, die Lücken zu verteidigen und den Wissenschaftsfortschritt zu bekämpfen, weil das Schließen von Wissenslücken einer Vertreibung Gottes aus der Welt gleichkommt.

Bekanntestes Beispiel ist der erbitterte Kampf amerikanischer Konservativer gegen die Evolutionstheorie: Der nimmt manchmal so lachhafte Formen an, dass Wissenschaftler spotten, dass mit jedem neuen Fossil, das eine angebliche Lücke in der Evolution zwischen zwei Arten schließt, für die Kreationisten zwei neue entstünden (nämlich eine vor und eine hinter dem Fossil).

Aber ist die Evolutionstheorie nicht nur eine Theorie, die gleichberechtigt neben der Schöpfungslehre der Kreationisten stehen sollte? - Natürlich nicht. Die Aerodynamik, mit der sich der Vogelflug erklären lässt, erfüllt ihre Aufgabe nämlich in derselben Weise wie die Evolutionstheorie (und für beide gibt es praktisch unwiederlegbare Evidenz).
Selbstverständlich könnte man auch postulieren, dass Vögel von Gott in der Luft gehalten werden, aber wozu? Wir können die Entwicklung von Spezies durch Mutation und Selektion nahezu ebenso gut beobachten (und modellieren) wie das Flügelschlagen und die Luftströmungen beim Vogelflug.
Und selbst dann, wenn es gelänge, ein wissenschaftliches Gegenargument gegen Evolutionslehre (oder halt Aerodynamik) zu finden, dann ließe sich aus diesem Argument kein Gottesbeweis ableiten.

Die Katholische Kirche ist zwar noch nicht so weit gegangen wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der sich mit den Worten “Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht” vom ontologischen Gottesbegriff verabschiedete, aber sie hat sich vom Gott der Lücken verabschiedet. Ein katholischer Gott veranstaltet keine Urknälle - jedenfalls nicht so, dass er das nicht mehr täte, sobald die Kosmologen ein schlüssiges Urknallmodell auftischen. Die Katholische Kirche hat ihre Galilei-Lektion gelernt! Allerdings behalten sich die Katholiken vor, dass Gott (und sein riesiger Wanderzirkus aus Heiligen) durchaus wundertätig ins physikalische Weltgeschehen eingreifen, wenn es darum geht, die Seinen zu prüfen, zu beschützen oder zu erleuchten. Sie tun das dann aber so, dass die Physik nicht verletzt und die Arbeit der Wissenschaftler nicht beeinträchtigt wird. Es kann also durchaus passieren, das die Jungfrau Maria sich einer Schar Gläubiger in strahlendem Licht offenbart, aber es ist ausgeschlossen, dass die Strahlungsmesseinrichtungen des örtlichen Physikinstituts im normalen Fortgang der Welterklärungsexperimente davon beeinflußt werden. Der katholische Gott wird sozusagen nur an Wochenenden und nach Feierabend tätig.

Die amerikanischen Religionsfundamentalisten sind weit davon entfernt, sich der katholischen Feierabendreligion anzuschließen. Die Lückensucher sind vielmehr entschlossen, sich neben dem Kampf gegen Molekularbiologen, Genetiker und Paläontologen ein ganz neues Betätigungsfeld zu eröffnen: sie wollen sich gegen Neuro- und Kognitionswissenschaft in Stellung bringen.

Die Idee besteht darin, auf der Nicht-Materialität des Geistes zu bestehen: Bewusstseinsprozesse sind dieser Doktrin zufolge nicht durch materielle, sondern nur durch spirituelle Prozesse erklärbar. Ein neubelebter Cartesianischer Dualismus soll behaupten: nicht durch die koordinierte Aktivität von Milliarden von Neuronen kommt ein Geist zustande, sondern durch den Atem Gottes, der das Hirnkästlein umweht. Als KI-Wissenschaftler finde ich die Aussicht, gegen Religionsfundamentalisten anzutreten, ziemlich unerbaulich. Dualismus ist nämlich philosophisch schwer haltbar, aber er entspricht den Intuitionen vieler Menschen in der westlichen Welt. Der Angriff der Religiösen auf die öffentliche Meinung wird damit noch erfolgreicher verlaufen als im Falle der Schöpfungsdebatte.

Siehe NewScientist (Via BoingBoing)

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4 Kommentare zu „Der Lückengott schlägt wieder zu“

  1. Balbina sagt:

    Vielleicht ist es ganz anders… Ich denke, die Evolutionisten und die Kreativisten haben eine Art Schieflage. Beide “Philosophien” verteidigen etwas ganz Absurdes, nämlich im Fall der Evolutionstheorie, dass sich das Bewusstsein aus der Materie entwickelt hat und im Fall der Kreationisten, dass der Geist nicht-materiell ist, was voraussetzt, dass es die sogenannte “Materie” in der wahrgenommenen Form überhaupt gibt. Das nenne ich in beiden Fällen naiver Realismus.

    Wenn man voraussetzt, dass Alles Schwingung ist, dann entspricht das Wahrgenommene den Frequenzen, die man eben fähig ist, wahrzunehmen, d.h., dass die Materie gar nicht so felsenfest ist, wie sie scheint und dass sie für ein Wesen mit höheren Schwingungen wie Knete sein kann. Wenn man selber anders wahrnehmen kann - die Frequenzen verändern kann, dann verändern sich auch die materiellen Formen - falls man das wünscht.

    Also, ich würde sagen, dass es Materie in der Form, wie es wohl die Meisten glauben, gar nicht gibt und dass Alles Bewusstsein ist, das von den verschiedensten Wesen im Universum, die ebenfalls Bewusstsein sind, in Formen “gegossen” wird, die ihrem aktuellen Bewusstsein entsprechen. Die 3D Realität, in der wir leben, hat eben sehr langsame Vibrations und deshalb ist es relativ schwer, die Formen zu ändern.

    A propos Aerodynamik… Sie ist sicher ein Teil des “Designs” der Erde und der aktuellen Vibrations. Das heisst aber nicht, dass sich das nicht ändert, wenn sich die Wahrnehmung aufgrund höherer Frequenzen ändert. Die sogenannten Naturgesetze sind schließlich auch nur Überzeugungen - ein Ausgangspunkt für die Menschen, gewissermaßen, müssen aber nicht über alle Maßen festgeschrieben werden.

    Und auch die Aerodynamik erklärt nicht, warum es den Vogel überhaupt gibt und warum ich ihn so wahrnehme. Alle bekannten Erklärungen führen zu nichts, wenn man nichts über sich SELBST weiß. Deshalb bleibt nach wie vor: Erkenne dich selbst, dann erkennst du Gott (AllesWasIst).

    Übrigens denke ich, dass die Religionen ausgedient haben. Ihr Weltbild ist zu verzerrt und möglicherweise blüht das auch der Wissenschaft, wenn sie ihre Parameter nicht auf den Menschen an sich ausdehnt.

  2. Max Mustermann sagt:

    Arithmetische Berechnungen a la “Gott wird mit zunehmendem Wissenszuwachs immer kleiner und machtloser” funktionieren nicht, weil mit zunehmendem Wissen auch die Zahl der offenen Fragen immer größer wird. Man könnte also genauso gut behaupten, Gott würde immer größer. Was sich überlebt, sind bestimmte Ausprägungen von Glauben, z.B. eine wörtliche Auslegung der Bibel.

    Mir erscheint es eher so, dass Wissenschaft selbst an ihren Grenzen neue Metaphysik generiert (heute Urknall oder Paralleluniversen). Das ist wohl ein gesetzmäßiger Prozess, der schon die gesamte Menschheitsgeschichte andauert, als bedeutender Alchemist gilt z.B. Newton. Das, was die Wanderprediger zu Jesus’ Zeiten den Menschen erzählt haben, lag damals sicherlich genauso an den Grenzen des Wissens, war für die zu seiner Zeit Lebenden genügend glaub-haft. Die Mythen unserer Zeit stehen stattdessen in den Schlusskapiteln der populärwissenschaftlichen Bücher über Astrophysik, Quantentheorie, der Neurowissenschaften, usw.

  3. bach sagt:

    @Max

    Die “Lücken”, in denen Gott tätig werden kann, werden in der Praxis nicht zahlreicher - Gott soll ja kein Lückenbüßer sein, der sich z.B. nur noch um die Synthese eines speziellen Proteins kümmert. Ein befriedigender “Lückengott” ist nicht für Details, sondern für ein ganzes Genre zuständig - z.B. die Erschaffung des Universums, die Entstehung des Lebens, die Entstehung der Arten, die Entstehung des Bewußtseins usw. - Drunter lohnt es kaum. Deshalb wird jeder Erkenntnisfortschritt in eines der “Rätselgenres”, z.B. die Entstehung der Arten, von den Fundamentalisten nicht mit der Absicht kritisiert, Gott ein einzelnes Detail (sagen wir, den Gleichgewichtssinn der Fruchtfliege), sondern es geht darum, die Wissenschaftler komplett aus dem jeweiligen Genre zu vertreiben.

    Es ist leider auch nicht so, dass sich die wörtlichen Bibelinterpretationen überlebt hätten. Sie sind vor allem in den USA und Großbritannien auf dem Vormarsch.

    Die Idee, wissenschaftliche Erklärungen irgendwie mit religiösen in einen Topf zu werfen, finde ich interessant, aber ich glaube, sie führt nicht sehr weit. Wissenschaftliche Theorien (selbst grobe Vereinfachungen in populärwissenschaftlichen Büchern) gehen von der Möglichkeit des Irrtums und dem Ziel des zukünftigen Erkenntniszuwachses aus, und ihre Berechtigung liegt stets in der Güte ihrer Argumente. Der Mythos bedarf nicht des Arguments - er ist einfach eine Erzählung, die einer Frage beigestellt und sozial (z.B. durch eine religiöse Autorität, einen Text, ein Erweckungserlebnis) begründet wird.

    Dass Newton Alchemist war, hat möglicherweise etwas mit der Rolle der Alchemie im Kanon der Wissenschaften des 17. Jahrhunderts zu tun.

  4. bach sagt:

    @Balbina

    Also, ich würde sagen, dass es Materie in der Form, wie es wohl die Meisten glauben, gar nicht gibt und dass Alles Bewusstsein ist

    Die Vermutung, dass alles Bewußtsein ist, scheint mir zumindestens nicht weniger plausibel als die, dass alles Materie ist. Ich habe aber zwei Schwierigkeiten:

    1. Es ist zwar vielleicht nicht ganz klar, was Materie ist, aber wir haben ja meistens zumindestens eine vage Übereinkunft, wovon wir reden: sowas wie extrem kleine Kügelchen, die umeinanderhuschen und aus denen alle fassbaren Dinge gemacht sind, und die Energie entsprechen, und die nicht wirklich Kügelchen sind (sondern vielleicht Quarks oder Strings oder was noch Verrückteres), und die auch strenggenommen nicht umherhuschen usw. - aber bei Bewußtsein haben keinen solchen einheitlichen Begriff. Was meinen wir genau mit Bewußtsein?

    (Ich vermute, dass Bewußtsein keine Substanz (”res cogitans”), kein Stoff ist, sondern eine Tätigkeit, die bestimmte Systeme ausüben können.)

    2. Selbst wenn wir uns auf die Eigenschaften von Bewußtsein einigen können, und darauf, dass wir uns tatsächlich entscheiden können und müssen, ob die Welt entweder aus Materie oder aus Bewußtsein gebastelt ist - aufgrund von welcher Methode sollen wir diese Entscheidung überprüfen und rechtfertigen? Möglicherweise ist Ihr Weltbild geschlossen und widerspruchsfrei, aber ich vermag nicht zu sehen, warum es der Wahrheit näher kommt als jedes andere geschlossene und widerspruchsfreie Weltbild.

    Als Esoterikerin, also mit innerem, geoffenbartem Wissen begabter Mensch, haben Sie mein Problem natürlich nicht. Aber ich kann Ihnen natürlich nicht folgen, solange ich Ihren Bewußtseinszustand nicht teile.

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