Ethik kontra Hirnforschung

Der Neurobiologe Andreas Kreiter leistet großartige Grundlagenforschung an der Uni Bremen, aber wenn es nach der Bremer Gesundheitsbehörde geht, wird er sich bald umstellen müssen: er bohrt dazu nämlich Kabelanschlüsse in Primatenköpfe, um die Aktivität der Gehirne bei Wahrnehmungsprozessen zu messen. Durch sogenannte Einzelzell-Ableitung kann gemessen werden, was einzelne Neurone tun, was wesentlich aufschlußreicher ist, als die heutigen fMRI-Scanner es zulassen. Soll er das dürfen?

Es ist nicht abzusehen, dass durch Kreiters Experimente jemals lebensrettende Medikamente oder Operationsmethoden entdeckt werden (ausgeschlossen ist es aber auch nicht). Kreiter betreibt Grundlagenforschung - er bohrt seine Affen gewissermaßen aus reinem Erkenntnisdrang auf. Der Bremer Bürgerschaft ging das zu weit, und sie hat deshalb beschlossen, die Experimente auslaufen zu lassen, wogegen sich die Universität heftig wehrt (sogar das Argument gefährdeter Arbeitsplätze muss dazu herhalten).

Die Bremer stehen sowohl mit ihren Experimenten als auch mit ihren Vorbehalten nicht allein; ich persönlich, finde die Frage, ob und was für Versuchstierleiden sich um der Grundlagenforschung willen rechtfertigen lassen, sehr interessant, weil so überaus schwierig zu beantworten.

Die Süddeutsche Zeitung nimmt die Bremer Diskussion zum Anlaß, um eine ziemlich ungeeignete Umfrage aufzumachen. Der geneigte Leser möge entscheiden, ob die Experimente a) nutzlos, b) interessant und daher zu genehmigen, c) grundsätzlich zu genehmigen, wenn sie den Menschen Nutzen bringen, d) grundsätzlich zu verbieten sind. Diese Umfrage geht am Thema leider völlig vorbei, weil die Skala keinen Raum für das eigentliche Problem läßt - die Abwägung. Nicht jedes interessante Ergebnis rechtfertigt automatisch jedes Experiment.

Die Süddeutsche Zeitung wirft nebenbei noch eine andere Frage auf (allerdings offenbar, ohne sich dessen bewußt zu sein): ist es Aufgabe der Wissenschaftler, zu bestimmen, was und wie sie forschen wollen, oder ist das die Aufgabe der Gesellschaft (z.B. in Form der Bremer Bürgerschaft und der Gesundheitsbehörde)? - Dass beide sich im konkreten Fall irren können, ist menschlich.

Ich selbst habe auf solche Fragen übrigens keine gute Antwort. In meiner Uni-Zeit haben mich die großartigen und nützlichen Katzenexperimente der Bremer und Frankfurter sehr irritiert - es ging dabei u.a. darum, betäubten Katzen den Schädel zu öffnen, das Innere mit Nadeln zu spicken und die durch ihre geöffneten Augen einströmenden Daten aus dem Gehirn auszulesen, um daraus so etwas wie Kamerabilder zu errechnen. (Was von der Katze übrigbleibt, landet nach dem Experiment im Plastiksack.) Ich finde die Resultate ja toll, und ich habe großen Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung, und ich bin ein extrem neugieriger Mensch, aber ich habe dennoch ein persönliches Problem damit, wenn die Befriedigung meiner Neugier vermeidbares Leiden verursacht.

Die einzelnen Wissenschaftler(innen) gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Arbeit um. Manche teilen meine Irritation, manche unternehmen beträchtliche Anstrengungen, ihre vorhandenen Irritationen auszublenden, manche treffen eine adaptive Abwägung, mit der sie gut leben können, und manchen ist es völlig gleichgültig, ob den Katzen Leid zugefügt wird.

Ich bin übrigens ziemlich sicher, dass die Bremer ihre Tiere mit Sorgfalt und Rücksichtnahme behandeln - abgesehen von den durchaus erheblichen Unannehmlichkeiten, die Hirn-OPs, mögliche Entzündungen usw. mit sich bringen, wird es den Bremer Makaken nicht schlechter als im Zoo gehen. Die dortigen Zustände sind keinesfalls mit denen auf chinesischen Pelztierfarmen, in russischen Hundeexperimenten der 30er Jahre oder in der ganz normalen industriellen Tierhaltung und -schlachtung zu vergleichen. (Übrigens: nein, Sie möchten die beiden eben angeführten Links nicht! aufrufen, vertrauen Sie mir.) Die Tiere haben zwischen den Experimenten Auslauf, sie werden nicht durch Gewalt, sondern allenfalls Langeweile und Appetit zur Teilnahme an den Experimenten gezwungen und so weiter. Vielleicht sind die Bremer Forscher daher nicht die allerbeste Zielscheibe für die Attacken energischer Tierschützer.

Trotzdem: ein Unwohlsein bleibt mir. Mit dem Argument, dass es sich bei den Affen nur um Tiere handelt, mit denen man daher alles tun könne, tue ich mich sehr schwer. Für mich begründet sich der Wert des einzelnen Lebens, der Würde und der Unversehrtheit in dem (positiven oder negativen) Wert, den die betreffenden Individuen selbst darauf legen (und ist daher eng mit dem kognitiven Niveau des Individuums verbunden), und andererseits in dem (hier nur dem positiven) Wert, den andere, persönlich verbundene Individuen damit assoziieren - z.B. Eltern mit ihren Kindern, Liebende mit ihren Partnern, Haustierhalter mit ihrer Katze usw. Das juristisch codifizierte Wertesystem wird dem nur in groben Unrissen gerecht - beispielsweise ist das Leben und die Unversehrtheit eines geistig behinderten Neugeborenen oder eines suizidalen, krebskranken Greises vor dem Gesetz mehr wert als das eines lebenslustigen und schlauen Gorillas. Warum ist das so?

Übrigens: falls ich mal an Kopfkrebs erkranke und daher in die Verlegenheit komme, mein Gehäuse von kundigen Händen abnehmen zu lassen, dann würde ich diesem Umstand überaus gern dadurch Sinn verleihen, dass ein paar Experimente mit Einzelzell-Ableitung gemacht werden (ich bin wirklich sehr neugierig und hätte auch ein paar Ideen). Leider ist das verboten…

(Via Süddeutsche Zeitung)

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9 Kommentare zu „Ethik kontra Hirnforschung“

  1. Stralau-Blog — Schöner sterben am Wasser » Blog Archive » Links von Mittwoch, 19. November 2008 sagt:

    [...] Joscha Bach: Ethik kontra Hirnforschung [...]

  2. Balbina sagt:

    Alles, was die Gehirnforschung macht - ist der Versuch, die Software zu verändern, in dem sie die Hardware studiert und eventuell verändert. Das ist natürlich ein Unternehmen, das zum Scheitern verurteilt ist. Deshalb sehe ich absolut keine Notwendigkeit, empfindende Tiere so grausam leiden zu lassen. Das ist einfach barbarisch und dass andernorts ebenfalls Tiere leiden, macht die Sache nicht besser.

    Übrigens… Deine Gefühle noch an der Uni entsprechen mehr einem menschlichen Wesen

    … und ich würde die Wahrscheinlich eines “Kopfkrebses” lieber nicht in Betracht ziehen und durch angenehmere Gedanken ersetzen

    …und Neugier kann sehr viel umfassender befriedigt werden als mit diesen altertümlichen und irrigen Methoden. Jeder Mensch hat alle Mittel, Methoden und Schlüssel in sich, um das Universum (sämtliche Universen) zu verstehen.

    Gruß B.

  3. Max Mustermann sagt:

    @Joscha
    Für mich begründet sich der Wert des einzelnen Lebens, der Würde und der Unversehrtheit in dem (positiven oder negativen) Wert, den die betreffenden Individuen selbst darauf legen (und ist daher eng mit dem kognitiven Niveau des Individuums verbunden), und andererseits in dem (hier nur dem positiven) Wert, den andere, persönlich verbundene Individuen damit assoziieren - z.B. Eltern mit ihren Kindern, Liebende mit ihren Partnern, Haustierhalter mit ihrer Katze usw. Das juristisch codifizierte Wertesystem wird dem nur in groben Unrissen gerecht - beispielsweise ist das Leben und die Unversehrtheit eines geistig behinderten Neugeborenen oder eines suizidalen, krebskranken Greises vor dem Gesetz mehr wert als das eines lebenslustigen und schlauen Gorillas.

    Tiere haben kein Konzept von der Zukunft und die Katzen haben sicherlich keine Schmerzen gelitten und es waren auch nicht die Lieblinge von Katzenfreunden, die in den von dir beschriebenen Experimenten daran glauben mussten. Insofern würden diese deine Einwände hier logisch nicht greifen. Trotzdem hast du hier (und ich auch) gefühlsmäßige Bedenken. Ich vermute, dass wir uns selbst in die Katzen hinein projizieren oder aber Verantwortung für sie empfinden - weil sie von uns so abhängig sind. Wenn eine Katze von einem größeren Tier gefressen würde, hätten wir weniger Probleme damit.

    Das Peter-Singer-Argument am Ende finde ich schrecklich. Meiner Meinung nach darf man diesen Vergleich nicht vornehmen. Man muss beides unabhängig voneinander betrachten. Relativierung menschlichen Lebens abzulehnen ist für mich eine a priori Überlegung. Der notwendige Schutz aller anderen Lebewesen ist unbestritten, aber davon unabhängig.

  4. bach sagt:

    Relativierung menschlichen Lebens abzulehnen ist für mich eine a priori Überlegung.

    Ihnen persönlich ist das unbenommen, aber in der Praxis trifft jede Gesellschaft Abwägungen, z.B. bei den Ressourcen, die für medizinische Versorgung aufgewendet werden, oder beim Versenken von Flüchtlingsbooten an der europäischen Außengrenze, beim Festlegen von Obergrenzen für Schadstoffe und Strahlung, oder bei der Durchführung von Polizei- und Militäreinsätzen.

    Auch wenn Sie bei all diesen Punkten vielleicht im Einzelnen eine andere Abwägung treffen würden: der Wert menschlichen Lebens ist eine gute Zielvorstellung, aber weder singulär (da gibt es z.B. auch noch die Würde, die ggf. wichtiger sein kann), noch absolut. Der Wert von Leben, und der Wert der Vermeidung von Leiden muß jeweils in ein Verhältnis gesetzt werden, wenn Leben und Leidensfreiheit nicht umsonst zu haben sind. Und ins Verhältnis setzen - das heißt relativieren.

    Das Thema ist natürlich sehr knifflig; wir gehen in der Zivilisation (wohl zu Recht) davon aus, dass der größte Teil der Menschen nie in im Leben eine Entscheidung über das Leben und die Unversehrheit anderer Menschen treffen wird und sollte, und daher setzen wir hohe Schwellen und sogar Tabus wie das Ihre. Dennoch spiegeln diese Tabus die Realität nicht wieder.

    Die Peter-Singer-Debatte finde ich wichtig, weil eine Begründung des Wertes menschlichen Lebens natürlich eine Beantwortung der Frage erfordert, was genau menschliches Leben ausmacht. Diese Frage läßt sich nicht so einfach beantworten: Genetik taugt dafür m.E. nicht, ebenso wenig wie Aussehen. Für mich ist das Entscheidende die mit Vernunft ausgestattete Empfindungsfähigkeit, und die Einbettung in soziale Bezüge. Beides sind graduelle Angelegenheiten - und in diesem Sinne finde ich es plausibel, dass ein erwachsener Orang Utan menschlicher sein kann als ein neugeborenes Kind oder ein dementer Greis.

  5. Max Mustermann sagt:

    Weitgehende Zustimmung. Das Unbehagen bei Peter Singer rührt vielleicht daher, weil er Situationen konstruiert, die praktisch nicht vorkommen und deshalb dort niemals Entscheidungen zu treffen sind. Bei den Berggorillas zum Beispiel geht es nicht um die Entscheidung zwischen ihrem Lebensraum und dem Lebensrecht eines dementen Greises, sondern um die Abwägung zwischen hungrigen Indiokindern und den Gorillas. Hier können wir aber eine Win-Win-Situation schaffen, indem wir die Entwicklungshilfe mit der Erhaltung des Lebensraums der Gorillas verknüpfen. Und in unserem Land konkurriert eine neue Einrichtung für Demente vielleicht mit einer neuen Kindertagesstätte aber nicht mit einem Regenwald.

    Wir hatten a.a.O. doch mal eine Diskussion über den Metzler-Fall und das Folterverbot. Da war der Konsens gewesen, dass bestimmte Tabus aufrecht erhalten werden müssen und der Einzelne sich dann vielleicht in Einzelfällen gegen das Gesetz (=das Tabu) entscheiden muss.

    Ich habe einfach Bedenken, dass man Relativierungen, die man aus Ressourcenknappheit oder wegen unserem begrenzten Kenntnisstand vielleicht nicht vermeiden kann, ethisch zu begründen versucht. Das ist doch genau der Vorwurf, den man den so genannten Liberalen (Neo~, Markt~) machen muss.

  6. bach sagt:

    Im Falle der Affen-Experimente ist die Abwägung kein bißchen theoretisch, sondern sehr konkret: Ist es ethisch akzeptabler, ein medizinisches oder wissenschaftliches Experiment eher an einem schlauen, lebensfrohen Gorilla vorzunehmen als an einem lebensmüden Alzheimer-Greis? - Diese Frage mag Ihnen harsch erscheinen, aber vergessen Sie nicht, dass Singer sie nicht nur verneint, sondern die Experimente sowohl am Gorilla wie am Greis ablehnt.

    Das Problem mit den Neoliberalen ist kniffliger, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Das neoliberale Gedankengebäude ist ja nicht unbedingt eine Ethik, sondern zunächst mal ein System von Annahmen über die optimale Ressourcenallokation. Diese Annahmen haben in sich schon Probleme genug… Unter den Anhänger eines Marktextremismus gibt es in ethischer Hinsicht mehrere Fraktionen: jene, die “marktunwertes Leben” einfach ausmerzen oder in Slums sperren wollen (die Ayn-Rand-Fraktion, sozusagen), dann diejenigen, die glauben, dass das freie Spiel der Marktkräfte auch automatisch am besten für die Schwachen ist, und somit das größte Glück für die größte Zahl garantiert, und es gibt welche, denen ethische Fragen ganz egal sind, und schließlich noch eine Fraktion, die das Marktwirken für ethisch problematisch halten, aber die Alternativen sämtlich schlechter finden.

  7. Max Mustermann sagt:

    Vielen Dank für deine Antwort, die für mich vor allem zwei neue Gesichtspunkte enthält:

    Zum einen die Klarstellung bzgl. Peter Singer. Wenn man ihn so interpretiert, dass er die Konsequenzen für den Menschen aufzeigt, wenn man a) annimmt, dass wir auch bloß Tiere sind und b) die anderen Tiere schlecht behandeln, dann passt es gut zusammen. (Man kann dann aber immer noch für sich die Frage verneinen, ob wir eine besondere Verpflichtung gegenüber den Tieren haben, weil wir im Gegensatz zu ihnen die Zusammenhänge durchschauen.)

    Und zweitens war der Name Ayn Rand für mich neu. Allerdings glaube ich nach erstem flüchtigen Überfliegen von ein paar Links nicht, dass man aus ihren Überlegungen die Notwendigkeit der Einrichtung von Slums etc. ableiten kann. Aber es lohnt sich in jedem Fall, wenn man irgendwo mit den Schlussfolgerungen nicht einverstanden ist, zu schauen, ob man schon mit den Prämissen nicht übereinstimmt oder erst mit den damit konstruierten Ableitungen.

  8. bach sagt:

    Man kann dann aber immer noch für sich die Frage verneinen, ob wir eine besondere Verpflichtung gegenüber den Tieren haben, weil wir im Gegensatz zu ihnen die Zusammenhänge durchschauen.

    Klar kann man, aber wie gesagt mit der Konsequenz, dass man dann gegenüber Menschen, die die Zusammenhänge nicht durchschauen (z.B. Kleinkinder) ebenfalls keine besondere Verpflichtung hat.

    Ganz grundsätzlich ist Ethik sowieso eine schwierige Sache. Wir haben mit der Geburt ja nicht automatisch einen Vertrag unterzeichnet, der uns verpflichtet, unsere Mitgeschöpfe (tierisch oder menschlich) nett zu behandeln. Das ist immer etwas Zusätzliches. Wenn wir versuchen, dass anders als gefühlsmäßig zu begründen, brauchen wir zusätzliche Prämissen.

    Ayn Rand ist die Galionsfigur einer sozialdarwinistischen Denkschule, bei der der Wert des Individuums in seiner relativen [ökonomischen, sozialen, intellektuellen] Fitness gemessen wird. (Das wird u.a. damit begründet, dass jegliche Metaphysik abzulehnen sei — sie nennt ihre Philosophie deshalb “Objektivismus” — und alles Erkennen und Handeln an natürlichen Fakten auszurichten ist. Die Evolution ist z.B. ein natürlicher Fakt, der kategorische Imperativ Kants ist es nicht. Moralische Werte müssen objektiv, z.B. durch evolutionäre Fitness, begründbar sein.) Es ist daher unmoralisch (Raub!), von den wertvollen Individuen Güter oder Geld einzufordern (z.B. über Sozialabgaben), die dann den wertloseren Individuen zugutekommen. (Allerdings steht es den Begüterten frei, auf Wunsch einzelnen Bedürftigen Almosen zu geben oder sonstige Unterstützung zukommen zu lassen — das muß aber freiwillig bleiben.) Ayn Rand betont dabei den besonderen Wert des Ausnahmeindividuums, des Angehörigen der Elite, gegenüber der dumpfen, gierigen und stumpfen Masse, die den Genies und Begabten die Ergebnisse ihrer Leistungen wegnehmen will. Es ist kein grosser Zufall, dass Ayn Rand unter sowohl unter Neocons als auch unter Neoliberalen viele Sympathisanten findet!

  9. Holger sagt:

    Ich habe absolut kein Verständniss für diese angebliche Forschung und wünsche allen Beteiligten daran nur eines , den Tod ! und das möglichst qualvoll !

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