Das Gift der RAF

Auch 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst fordert die Terrortruppe Opfer: wenn auch nur intellektuelle

Vor dreißig Jahren wurde der Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet. Normalerweise würde es jetzt losgehen, das deutsche Erinnerungstheater. Indes, es läuft schon. Schuld daran sind Klar und Mohnhaupt. Und weil die Talkshows schon seit Wochen heiß laufen, kann man inzwischen schon eine Zwischenbilanz des RAF-Erinnerungsjahrgangs 2007 ziehen. Die letzen zwei Opfer der RAF heißen Gerhart Rudolf Baum und Claus Peymann. Von beiden wird gern in diesen Tagen gesagt, auch 30 Jahre danach sei die Zeit nicht aufgearbeitet. Wie immer verwechseln die Protagonisten ihre spezielle Befindlichkeit mit der allgemeinen. Baum und Peyman haben IHRE Siebziger noch nicht aufgearbeitet. In Wirklichkeit gibt es nichts aufzuarbeiten. Die meisten Deutschen sind wahrscheinlich der Meinung, und das zurecht, die RAF sei eine Mörderbande gewesen, und zwar von Anfang an. Irre, die wirklich geglaubt haben, und zwar ausgerechnet in der glücklichsten Ära der Bundesrepublik (ach käme sie wieder!), diese sei ein faschistischer Staat. Peymann findet wohl tatsächlich immer noch: Ja, das hat man damals tatsächlich glauben können, denn: Klar, aber auch er selbst, Peymann, seien Angehörige einer “tragischen Generation.” Was meint er damit? Tragik, das klingt nach unausweichlicher Verstrickung, nach Verlust der Entscheidungsfähigkeit, nach griechischem Drama, nach düsteren Kräften, gegen die man nichts ausrichten kann und die einen in den Untergrund hätten ziehen können. Was aber war an der Generation Klar/Peymann tragisch? Die Antwort lautet selbstverständlich: nichts.

Christian Klar hatte, wie alle anderen Menschen auch, die freie Entscheidung, was er tun wollte. Nichts, aber auch gar nichts, mußte ihm zwangsläufig und durch irgendeine Tragik den Blick darauf verstellen, dass die Bundesrepublik in den 70er Jahren zwar ein Land war, das, wie alle anderen westlichen Länder, mit den üblichen Verwerfungen der Moderne zu kämpfen hatte: Arbeitslosigkeit (damals minimal), Sinnsuche, die Unmöglichkeit, in einem modernen Industriestaat absolute Gerechtigkeit herzustellen. Nichts, aber auch gar nichts, konnte es im damaligen bundesrepublikanischen sozialdemokratischen Paradies rechtfertigen, zu den Waffen zu greifen. Minimal Aufgerundete 100% der Deutschen erkannten das und ließen es bleiben, darunter Claus Peymann. Wo ist da die Tragik? Auch die Peymann-These, die erste Generation der RAF, das seien fehlgeleitete Idealisten gewesen, die dann furchtbar über die Stränge geschlagen hätten, irgendwie auch durch die Fehler des Staates dazu getrieben, ist ein Mythos, mit dem endlich aufgeräumt werden muss.Schon 1972 bejubelt Ulrike Meinhof das Massaker an israelischen Sportlern bei der Olympiade in München als Schlag gegen das “faschistische” Israel. Was kann es Enthemmteres, Brutaleres geben, als der Meinhof-Satz vom “Typ in Uniform, der kein Mensch ist, sondern ein Schwein”, “und natürlich kann geschossen werden”? Alles Sätze der angeblich idealistischen frühen RAF. Das alles wäre Geschichte, würde diese fatale These von fehlgeleiteten Idealisten nicht heute wieder auftauchen: Nicht wenige sogenannte Globalisierungsgegner sind der Meinung, islamistischer Terror, das sei eine verirrte, im Kern aber verständliche aus den Fugen geratene Anti-Globalisierungsbewegung gegen Coca-Cola, Madonna und George Bush - also mit den falschen Mitteln gegen das Richtige. Das andere späte Opfer der RAF heißt Gerhart Rudolf Baum. Baum ist offensichtlich ein Traumatisierter des Jahres 1977. Baum will Versöhnung und beklagt noch heute eine “Überreaktion des Staates”, an der er beteiligt war und offensichtlich bis heute schwer leidet. Gab es sie? Selbstverständlich nicht. Die Wahrheit ist, dass der Staat damals im wesentlichen besonnen reagiert hat. Nur: Die RAF hatte die bessere PR. Die Fehler, die gemacht wurden, waren Fehler der Öffentlichkeitsarbeit, wie man heute sagen würde. Es gab keine “Isolationsfolter”, aber man ließ keine Presse nach Stammheim, um zu zeigen, welche Sonderrechte die RAF-Häftlinge in Wahrheit genossen. Der völlig aus dem Ruder gelaufene Prozess in Stammheim, und dann in der Tat, Abhörmaßnahmen und zweifelhafte Einschränkungen von Verteidigerrechten: Hilflos und kopflos hat der Staat in Wahrheit reagiert auf die gezielte Obstruktion durch die PR-Profis der RAF. Aber haben diese Fehler denn jemals dazu führen können, den Blick auf den in Wahrheit leidlich funktionierenden Rechtsstaat so zu verstellen, dass man unvermeidlich zur Waffe greifen und Leute umbringen muss? Selbstverständlich: Nein. Es bleibt dabei. Sie waren Irre, Mörder, von Anfang an. Fall RAF erledigt. Und Peymann und Baum können ja gern noch weitere 30 Jahre aufarbeiten, wo es nichts aufzuarbeiten gibt.

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