German Angst

Selbstkritik war einmal die größte Stärke des Westens – übriggeblieben davon ist ein leeres Ritual

Ich kenne Menschen, die mit großer Distinktionsfähigkeit ausgestattet sind. Mit Bestimmtheit unterscheiden sie in ihrem täglichen Leben zwischen Gut und Böse, zwischen dem, was sie wollen und dem, was sie ablehnen. Sei es bei Filmen, Turnschuhmarken, Musik, Jeans, Freunden. Ein kleines fehlerhaftes Detail: Und diese Jeans geht nicht mehr, oder dieser Mensch hat ausgespielt und wird nicht als seinesgleichen akzeptiert. Komischerweise versagt bei diesen Menschen, es handelt sich zumeist um großstädtische Milieus um die 30, in der Politik dieses hoch ausdifferenzierte Bewertungssystem völlig. Nicht nur einmal musste ich mir auf Berliner Partys Weltsichten anhören, die mich erschaudern ließen, und zwar von Menschen, die ich sonst schätze. Diese Weltsicht geht so: Ja, vieles ist von Übel auf der Welt, Kriege, Hunger, Ungerechtigkeit. Es gibt Kim Jong-Il und Ahmadenidschad und George Bush. Aber irgendwie hängt alles mit allem zusammen und letztlich sind alle die gleichen Banausen, große Unterscheidungen zwischen den Weltbanausen lohnen nicht. Ahmadenidschad=Bush. Im Zweifelsfall aber ist Bush noch schlimmer als Ahmadenidschad. Atomwaffen für Iran? Wieso? Israel hat doch auch welche. Iran=Israel. Ahmadenidschad ist gefährlich? Wieso? Bush doch mindestens genauso.

Diese Weltsicht, die dann auch noch mit der unbeirrbaren Gewißheit vorgetragen wird, eine ganz und gar kritische, nonkonforme Weltsicht zu verbreiten, ist nichts anderes als das ans gehobene Milieu angepaßte dumpfe politische Glaubenbekenntnis des viel zitierten kleinen Mannes: Ja, die da oben. Alles dasselbe Pack. Die machen eben doch was sie wollen. Da kann man nichts machen. Und weil das so ist, weil alles irgendwie dasselbe ist, lohnt es sich auch nicht, sich weiter damit zu beschäftigen. Diese Haltung ist weitverbreitet: Gerade kam bei einer Umfrage heraus, dass über die Hälfte der Deutschen die USA als größere Gefahr für den Weltfrieden betrachten als Iran. Jegliche Unterscheidungsfähigkeit scheint versiegt zu sein. Fundamentale Selbstkritik war einmal die große Stärke des Westens. Dass wir von ihr profitieren, sehen wir daran, wenn wir uns mit Ländern vergleichen, wo sie nicht üblich oder verboten ist. Der insgesamt jämmerliche Zustand vieler arabischer Länder hängt eng damit zusammen. Doch irgendwann seit den sechziger Jahren, ist die Selbstkritik als Kraftquelle des Westens versiegt. Es ist nur noch ein leeres Ritual, das von Leuten so betrieben wird, wie das tägliche Zähneputzen. Wahrscheinlich betrachten es auch viele Menschen als Pflicht und Privileg ihres Milieus und ihres Alters, Politik als ewiges Gebiet der Ironie zu behandeln. Offensichtlich ist es für einen 30-jährigen Kreuzberger Künstler aufgrund von Milieuzwang und Altersfreigabe unmöglich Ahmadenidschad statt Bush als das zu begreifen und zu bezeichnen, was er ist: eine Gefahr.

Das größte Wunder jedoch ist, dass in Deutschland das ritualisierte Bush-Bashing immer noch als edelste und intelligenteste Form der Kriitk verstanden wird, obwohl man doch längst sagen muss: etwas Konformeres und Angepaßteres und etwas, das noch weniger mutig wäre, ist in Deutschland nicht vorstellbar, wenn man denn Meinungen nach diesen Kriterien bewerten würde.

Aber wie das immer so ist in Deutschland: die Stimmungen wandeln sich schnell. Gestern noch hieß es bei seriösen deutschen Politikern: Ja diese US-Raketen in Polen und Tschechien, die bedrohen doch Russland, man muss viel Verständnis für Putin haben, dass er das nicht so gut findet. Dieselben Leute wollen heute von denselben Raketen vor Ahmadenidschads kommender Bombe beschützt werden. Seit gestern haben wohl einige verstanden, wen iranische Atomrakaten als erstes bedrohen würden, wer von den Iranern erpressbar würde: wir, nicht Amerika. Und so habe ich auch Hoffnung für meine lustigen Kreuzberger Freunde, für die Ahmadenidschad und Bush dasselbe ist. Auch bei denen wird irgendwann eine andere, ältere deutsche Eigenschaft, tief aus dem Urschleim der deutschen Seele die Oberhand gewinnen: German Angst. Ab wann ist die eigentlich erlaubt? Ab vierzig?

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