Petting statt Putin

Der neue Ausfall des Russen-Präsidenten zeigt endgültig: Er ist ein Machtmensch schlimmster sowjetischer Art

“Undiplomatisch” – so lautete der Vorwurf an die amerikanische Außenministerin Condolleezza Rice, nachdem diese folgendes gesagt hatte: “Die Vorstellung, dass zehn Abfangraketen und ein paar Radarschirme in Osteuropa die sowjetische strategische Abschreckung bedrohen, ist schlichtweg lächerlich und jeder weiß das”. Lächerlich. In der Tat. Nur in Deutschland mag man nicht lachen.

Warum Rice bei allzeit sensiben deutschen Friedensfreunden vor allem in der Sozialdemokratie als “undiplomatisch” gilt, während das unverhohlene Drohen des russischen Staatspräsidenten gegen die ehemals unterdrückten Satellitenstaaten und den Westen als irgendwie berechtigt, zumindest verständlich angesehen wird, das muss äußerst beunruhigen.

Es zeigt, dass Putins Spiel, die blanke Machtpolitik samt Einschüchterung in Deutschland, aber nicht nur hier auf fruchtbaren Boden fällt. Der Ami ist halt tendenziell immer der böse.
Putin hat das gut erkannt, er hat erkannt, dass man mit bestimmten Assoziationen in Deutschland die üblichen antiamerikanischen Reflexe auslösen kann. Jetzt hat er die amerikanischen Abwehrraketen mit den Pershings verglichen, die 1983 in Deutschland aufgestellt wurden: offensichtlich wieder ein Putin-Volltreffer.
Zunächst: Selbstverständlich ist dieser Vergleich ebenso falsch, wie alles andere was Putin zu amerikanischen Abwehrraketen gesagt hat.

Dass Putin jetzt anfängt dreist zu lügen, zeigt, dass er glaubt im Westen auf Menschen zu treffen, die so dumm sind, ihm diese plumpen Lügen abzukaufen. Und in der Tat: Pershings gelten in Deutschland immer noch als Symbol amerikanischen Rüstungswahns. Doch wie war es wirklich?
Es ist wichtig, sich das Pershing-Beispiel anzusehen, denn wir lernen viel daraus bezüglich der Raketenrüstung Irans. Die Pershing II war die Antwort auf sowjetische Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20. Der Trick der Sowjets: diese Raketen bedrohten nur Europa, nicht die USA. So hofften sie Europa strategisch von den USA abzukoppeln, nach dem Motto: Ein rein europäischer Krieg ist möglich, was soll das also die Amerikaner interessieren? Und es wäre fast gelungen: Tatsächlich hat Helmut Schmidt die Amerikaner damals massiv gedrängt nachzurüsten, denn die Amerikaner wollten erst gar nicht. Schmidt musste Jimmy Carter regelrecht überreden.

Die Geschichte wiederholt sich: was 1979 die SS-20 waren, werden in ein paar Jahren vielleicht iranische Raketen sein: Sie werden zunächst Europa bedrohen und später evtl. dann auch die USA.

Die USA denken im Augenblick an sich: verständlich. Unverständlich ist, dass der Westen nicht die Parallee zu 1979 sieht. Eigentlich müssten wir die Amerikaner bitten mit unter den Raketenschirm zu kommen. Doch wo ist der neue Helmut Schmidt? Das sind die wahren strategischen Interessen Deutschlands. Und die Russlands?
Russland bedroht die neuen und evtl. nachrückenden Mitglieder der NATO die sich frei und aus guten historischen Gründen für eine intensive Anbindung an die USA entschieden haben. In Deutschland will das keiner wahrhaben, stattdessen gelten die Polen als neue amerikanische willige Helfer. Das angebliche Aufklärungswunderland Deutschland will in Wahrheit nichts von Geschichte wissen: Polen, das sowohl von den Russen wie von den Deutschen überfallen wurde, hat wirklich allen Grund sich Amerika als Schutzmacht auszuwählen. Soviel zum Exkurs. Und Putin?

Putin betreibt reinste Machtpolitik. Es gehört zu den schlimmsten Hinterlassenschaften der allzeit lustigen Postmoderne, dass sich offensichtlich im Westen keiner mehr vorstellen kann, was das ist: Machtpolitik. Drohungen. Schmutzige Tricks. Das gab es mal. Das war früher.

Stattdessen wird über die Seele der Russen psychologisiert, denn freies Psychologisieren ist der Sport der Postmoderne, anstatt über die kühle Taktik Putins bei der Ausweitung der russischen Machtsphäre zu reden.
Heute kamen beunruhigende Bilder aus Talinn: in der estnischen Hauptstadt sollte ein russischen Heldendenkmal in einen anderen Stadtteil verbracht werden. Der russischen Außenminister sprach daraufhin von “Schändung” sowjetischer Ehrenmale. Noch eine Lüge.

Kurz blitzt ein Alptraum auf: Der russischen Präsident begründet das Eingreifen der russischen Armee in Estland mit ebenjener Schändung und damit, die russische Minderheit müsse beschützt werden.
Unwahrscheinlich? Ja, zum Glück. Aber es war ein gespenstischer Auftritt des russischen Außenministers, der ebenfalls an alte Sowjetzeiten erinnert.

Petting statt Pershing hieß 1983 ein Slogan. Wo sind die Grafitti heute, die nur so lauten können: Petting statt Putin.

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