68er ermordeten Romy Schneider!
Neues vom Wahn: Die Linken haben noch was angestellt – sie verhagelten uns die “Sissi”-Filme und ihre Darstellerin
In Deutschland zu leben, heißt im Irrenhaus zu leben und Berlin ist die Gummizelle: das weiß man. Wolfgang Koeppen hatte für Bonn einst das Wort “Treibhaus” gefunden, aber das war nichts gegen Berlin. Was hier im Ideen- und Thesentheater im angeblichen geistigen Zentrum Deutschlands vor sich hin und ausgedacht wird, da wünscht man sich das unaufgeregte Bonn zurück.
Zur Obsession der Nazi-Aufarbeitung hat sich hier, das ist das Thema der Berliner Republik, längst als Co-Wahn die Aufarbeitung der 68er im Allgemeinen und der RAF im besonderen gesellt.
Keine neue Erkenntnis, kein geöffnetes Archiv ist notwendig, um in immer neuen Wellen über – je nach Geschmack – die Verdienste oder die Verbrechen (darunter machen es die so genannten Neo-Bürgerlichen nicht) “der 68er” zu reden, frei projeziert auf jedes Opfer das sich anbietet.
Und da man sich automatisch auf die Seite der Schwächeren stellen sollte, möchte ich mich heute dem inzwischen nur noch unbegreiflichen Wahn der Anti-68er zuwenden.
Vorweg: Was “die 68er” alles Tolles vollbracht haben sollen – es ist natürlich Quatsch. Sogar die Bundesrepublik haben sie neu gegründet (”Wir haben die Bundesrepublik erst zivilisiert” – Antje Vollmer), vorher war das Land angeblich unbewohnbar, bevölkert von Duckmäusern und demonstriert wurde auch nicht (längst widerlegt: in Werner Faulstichs “Die Kultur der 50er Jahre. Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts”, Paderborn 2002, wird gezeigt, dass die lebendige Jugendkultur der 50er Jahre vieles vorwegnahm, was angeblich die 68er erst erfunden haben und das Image der angeblich restaurativen Adenauer-Jahre falsch ist).
Aber was sind die nostalgischen Verklärungen der “68er”-Mythologen gegen den Wahn der Anti-68er? Das neueste Beispiel ist der Spiegel-Titel über Romy Schneider. Wer ihn gelesen hat, muss zwangsläufig zu der Erkenntnis kommen, dass Romy rücklings irgendwie durch die Apo, den neuen deutschen Autorenfilm und den fiesen Rainer-Werner Fassbinder gemeuchelt wurde.
Alles steckt hier an Programm drin, mit dem die sogenannten Neo-Bürgerlichen (unbedingt zu diesem Thema lesenswert: Christian Rickens, “Die neuen Spießer”) das Land überziehen: Avantgarde, Autorenkino, kritische Kunst, Modernes Theater: alles Spießerkram. Das wirklich Spießige (z.B. “Sissi”) soll jetzt das Tolle sein.
Und deshalb wird einem erst mal erklärt, warum die “Sissi”-Filme so großartig sind: Erstens und als wichtigstes Argument, weil Alice Schwarzer sie schlecht findet (und das tut sie zurecht). Als irgendwie ewig gültige Popkultur-Klassiker müssen sie jetzt gelten, als ganz großer, heißer Pop, der “immer neue Mädchen-Generationen davon überzeugte, wie sehr sie recht haben mit ihren Poesiealben gegen die böse Welt”. (Ich kenne keine solchen Mädchen, aber vielleicht kenne ich die falschen.)
Gemacht wurden sie von Ernst Marischka, “einer jener versierten Handwerker, die dem deutschen Kino bald abhanden kommen sollten, weil es sich als Antikino neu erfinden wollte”.
(Antikino=Neues deutsches Autorenkino, ist also gar kein richtiges Kino=böse=Fassbinder, Herzog, Wenders, alles keine Handwerker sondern windige “Künstler”, also Nichtskönner)
Aber noch schlimmer. “Die 68er” haben Romy letzlich auf dem Gewissen: “Es waren durchaus auch politische Besserwisser, die sie außer Landes getrieben haben, sie und diese deutschen Fröste der siebziger Jahre mit ihrer unmusischen Ablehnung von Glanz und Charisma, ihrem Gesinnungsterror, ihrem Hässlichkeitskult.”
Und dann das schlimmste: Romy macht beim Gesinnungsterror mit, und wenn auch nur unter Drogen, findet sie dann auch noch Willy gut: “Wenn sie (die Deutschen, J.K.) mich schon nicht mehr als Sissi mögen, dann vielleicht doch als alkoholisierte Willy-Brandt-Anhängerin, die genau die richtigen ‘Mehr Demokratie wagen’-Sprüche drauf hat?”
Es ist eine Unart geworden, dass sich Texte nicht mal mehr ansatzweise bemühen, die absolut persönlichen Projektionen und das aktuelle persönliche politische Programm des Autors zu verbergen. Das Programm dieses Textes, “68er”-Bashing, muss unbedingt auch noch hier, in einer Würdigung der vor 25 Jahren gestorbenen Romy Schneider untergebracht werden. Ein Wahn.
Es hatte einmal Charme, gegen “die 68er” zu sein. Würde man in Medienkonjunkturen denken, dann müsste man schon seit geraumer Zeit längst wieder große Plädoyers für sie schreiben.
Es gibt keine Dialektik, die dafür sorgen könnte “Sissi”-Filme gutzufinden, weil “die 68er” sie schlecht fanden.
Am Ende noch einmal ein Zitat zu “Sissi”: “Wer möchte es den Kinobesuchern verdenken, wenn sie ihre Trümmerhaufen für ein paar Stunden vergessen wollen”?
Ich!


