Schwarz-Weiß-Denken

Vielen fällt es schwer zu sagen: Ich hatte Unrecht, der andere hatte Recht. Ganz besonders vielen fällt es schwer, wenn der Rechthaber Ronald Reagan heißt

Der wie immer unterhaltsame Sprecher begann seine Ausführungen, wie so oft, mit einem Witz, ein “underground joke” aus der Sowjetunion: “Warum würde die Sowjetunion auch bei freien Wahlen Einparteienstaat bleiben?” Die Antwort: “Weil jeder der Oppositionspartei beitreten würde.”

Im Verlauf der Rede führt der amerikanische Präsident Ronald Reagan aus, dass Länder, die “nicht auf die Bedürfnisse ihrer Bürger reagieren, obsolet werden”, dass die Sowjetunion gerade dabei sei, eine technologische Revolution zu verpassen. “In einem ironischen Sinne hatte Karl Marx Recht mit seiner Behauptung einer revolutionären Situation. Doch diese findet nicht in den freien, demokratischen Ländern statt, sondern in der kommunistischen Welt.”

Schließlich prophezeit Reagan, dass der Marxismus-Leninismus auf “dem Müllhaufen der Geschichte” landen würde.

Gerade begehen wir den 20. Jahrestag der Rede Reagans vor dem Brandenburger Tor. Doch das, was er dort sagte, hatte er schon fünf Jahre vorher gesagt. Und zehn Jahre vorher. Er hatte es eigentlich sein ganzes politisches Leben lang gesagt und eben auch an jenem 8. Juni 1982 vor dem britischen Parlament. Die Rede ist als “Evil Empire”-Rede in die Geschichte eingangen, denn einmal bezeichnet Reagan die Sowjetunion als “totalitarian evil”.

Reagan hatte Recht. Seine hysterischen Kritiker hatten Unrecht. Daran muss man heute erinnern.
Heute ist das, was Reagan sagte, Common Sense: Die Sowjetunion als totalitäres, verbrecherisches System, die unwiderstehliche Freiheit, die das kommunistische System im Osten zum Einsturz brachte. Damals, 1982, als Reagan Berlin zum ersten Mal besuchte, gab es schwere Ausschreitungen, denn nicht die Sowjetunion, die West-Berlin bedrohte, war in den linken Kreisen der Stadt der Feind, sondern Reagan galt als gefährlichster Mann der Welt. Die “taz” titelte: “Ein Hauch von Tränengas liegt über der Stadt.”

Wohlgemerkt, das war 1982, nicht 1968. 1982 hätte man durchaus sehen können, dass es nicht zum Besten stand mit der kommunistischen Welt.

Doch noch 1982 war die Schriftstellerin Luise Rinser in das kommunistische Steinzeitreich Nordkorea gefahren, hatte ein kitschiges Pamphlet erstellt und darin den großen Führer bejubelt: “Selbst wer nur sagt ‘Kim Il Sung‘ oder ‘der Präsident‘, spricht das mit Respekt und Liebe aus. … Warum eigentlich nicht? In einer Zeit der rüden Respektlosigkeit von Mensch zu Mensch haben Gesten der Höflichkeit Zeichenwert und können formend wirken.” Und Luise Rinser, später Bundespräsidentschaftskandidatin der Grünen, war durchaus exemplarisch für den völligen Realitätsverlust der deutschen Linken. Deren Hassobjekt: Ronald Reagan.

Ebenfalls 1982 fühlten sich die Entspannungspolitiker der SPD von der polnischen Solidarnosc in ihrer Stabilitäts- und Entspannungspolitik gestört, während Reagan die freien polnischen Gewerkschaften durch die CIA unterstützen ließ.

Es ist eben ein Sündenfall der deutschen Linken, sich nie wirklich für die Oppositionsbewegungen im Osten interessiert zu haben, sondern – auch hier ganz staatsgläubig – nur mit den Regierungen an der Entspannungsstatik gebastelt zu haben (von diesem Vorwurf sind die Grünen auszunehmen).

Kann es sein, dass der SPD, von Figuren wie Luise Rinser ganz zu schweigen, genau das fehlte, was man damals Reagan vorwarf: “Schwarz-Weiß-Denken”, nämlich die Fähigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden?

Kann es sein, dass dies heute noch so ist?
Wenn man heutzutage die Reagan-Reden liest, kann man überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie dieser Mann zum Hassobjekt einer ganzen Generation werden konnte. Reagan bewegt sich im vollkommenen Mainstream der geschichtlichen Betrachtung.

Es war wohl vor allem eine Sache, die Reagan-Hysteriker provozierte – teuflische Diktaturen eben auch so zu nennen: teuflisch. Reiche des Bösen eben auch so zu nennen: böse. Wie aber hätte man ein Land, das Millionen von Menschen umgebracht hat, anders nennen sollen? Wie soll man heute ein Land nennen, in dem 13-jährige Mädchen gesteinigt werden, nämlich Iran?

Es war das sogenannte “Schwarz-Weiß-Denken” des “primitiven Cowboys”, das die deutsche Linke in Zeiten der Friedensbewegung auf die Straße brachte.

Das passte überhaupt nicht (und passt heute bei Bush wieder nicht) ins Konzept eines Milieus, das unter dem Slogan der “differenzierten Betrachtung” vor allem verbergen will, dass es offensichtlich keine Werte kennt, die es bereit wäre, absolut zu setzen.

Bis heute ist Ronald Reagan ein Alptraum für die deutsche Linke. Denn er hatte in Bezug auf die kommunistischen Regime Recht. Und sie hatte Unrecht. So einfach ist das. Da gibt es nichts zu differenzieren.

P.S. Joey Ramone war Ronald-Reagan-Fan, der Nashville-Hippie Willie Nelson ebenso. Auch so etwas, was Deutsche nie verstehen werden, für die Punk immer und ewig nur sein wird, dass jemand mit einem Köter in der Fußgängerzone sitzt.

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1 Kommentar zu „Schwarz-Weiß-Denken“

  1. Roland sagt:

    Joey Ramone war nie Reagan-Fan! Das war Johnny Ramone!

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