Von der Kulturkampfindustrie

Die Friedrich-Ebert-Stiftung blickt in die Zukunft – und produziert eine Selbstauskunft des sozialdemokratischen Milieus

Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Teil der “Kulturkampfindustrie”. So nennt der SPD-Professor Thomas Meyer, der sich in der Sozialdemokratie um die großen Linien der Programmarbeit kümmert und außerdem noch Professor für Politikwissenschaft in Dortmund ist, Menschen, die den politischen Islam für eine große Gefahr im 21. Jahrhundert halten.

Die “Kulturkampfindustrie”, das ist nach Meyers Vorstellung ein offensichtlich weltweit äußerst einflussreiches Netzwerk von Menschen, die, völlig ohne Not, den Konflikt mit der “islamischen Welt” für ihre Zwecke anheizen. Die Bibel dieser “Kulturkampfindustrie” sei, so Meyer, “Der Kampf der Kulturen”, das berühmte Buch von Samuel P. Huntington.

Das alles führt Meyer in dem Papier “Kompass 2020 – Religion und Politik: Ein neu belebtes Spannungsfeld” aus. Meyer hatte den Auftrag, für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Zukunftsprojektion über das Verhältnis der Religionen im Jahr 2020 zu schreiben.

Geschaffen hat er eine aktuelle Selbstauskunft des sozialdemokratischen Milieus, wo offensichtlich die ja berechtigte Selbstkritik des Westens längst zur ewig quälenden Frage zusammengeschrumpft ist: Sind wir letztlich nicht selbst Schuld, wenn “die anderen”, die dritte Welt, die “muslimische Welt”, uns hasst?

Meyer beantwortet diese Frage zumindest teilweise mit “Ja”. Es ist in den letzten Jahren klar geworden, dass viele Leute so denken, nicht nur in der Sozialdemokratie, deshalb ist Meyers Text ein Zeitdokument über das politische Denken des juste Milieu.
Betrachten wir es deshalb genauer: Eine große Schuld an aktuellen religiösen Konflikten trage zum Beispiel Samuel P. Huntington, das ist fast das erste, was Meyer zum Thema einfällt.

Man könnte meinen, Texte über neue fundamentalistische Gefahren müssten mit Ausführungen etwa zur Muslimbrüderschaft (gegründet im frühen 20. Jahrhundert) oder wenigstens den Taliban oder Al Qaeda beginnen.

Stattdessen prügelt Meyer erst mal auf Huntington ein, so als hätte Huntington den 11. September irgendwie mitverschuldet. Zunächst beschreibt Meyer die aktuelle Lage. Und zwar mehrfach so unscharf, dass man Methode vermuten muss. Wie beschreibt ein Denker des sozialdemokratischen Milieus neue fundamentalistische, und das heißt leider aus der Erfahrung der letzen Jahre, irgendwie durch den Islam (wie auch immer falsch verstanden) inspirierte totalitäre Tendenzen und Gewaltexzesse?

So: Es gebe “fundamentalistische Machtansprüche in allen Kulturkreisen”. Damit will Meyer sagen: ob Wahabiten in Saudi-Arabien, Taliban in Afghanistan oder George Bush, der Evangelikale in den USA: alles dasselbe. Alles verrückte Religiöse.

Aber eigentlich ist die Schuld der USA noch größer, denn der Fundamentalist Huntington hat alles angeheizt: “Einen großen, voraussichtlich lang anhaltenden Schaden hat in dieser unübersichtlichen Situation die ideologisch inspirierte These von einem unvermeidlichen Kampf der Kulturen angerichtet.”

Haben Sie die Bilder auch noch im Kopf? Die Taliban und Al-Qaeda-Kämpfer, die grimmig in Huntingtons Buch schauen und, derartig provoziert, zur Tat schreiten?

Ich nicht.
Unscharf geht es weiter. Erinnern Sie sich an die Anschläge von Madrid (aus Sicht der Islamisten ist Spanien muslimischer Boden) oder die Anschläge von London?

Meyer nennt sie “vereinzelte, aber spektakuläre Gewalttaten und Ausschreitungen von Migranten in mehreren Ländern Europas, die von Teilen der Öffentlichkeit auf religiöse Motive zurückgeführt wurden”. Zu diesem Teil der Öffentlichkeit gehöre ich. Ich habe einfach die Resolutionen der Attentäter etwa zu Madrid gelesen. Man könnte Meyers Ausführungen unscharf nennen. Besser aber noch: verharmlosend.

Über Huntington kann man wahrlich streiten. Aber wenn Meyer schreibt, warum Huntington widerlegt ist, wundert man sich doch: Weil die Vereinten Nationen in einer ihrer vielen Resolutionen, die die Welt ungefähr so zum Besseren gewendet haben wie SPD-Resolutionen es üblicherweise tun, nämlich gar nicht, das Verhältnis der Religionen längst einvernehmlich gelöst haben. Das muss man jetzt nur noch umsetzen.

“In den letzten Jahrzehnten wurden der Welt ganz andere Tatsachen vor Augen geführt. Zu nennen sind hier die Grundrechtspakete der Vereinten Nationen von 1966, die von zahlreichen Ländern ratifiziert wurden und alle großen Religionen repräsentieren”.

Dann ist ja alles gut. Meyer scheint nicht zu wissen, was Terrorregime und Diktaturen in den Vereinten Nationen schon so alles mitbeschlosen haben, aber der alte Glaube der Sozialdemokratie an die Macht der Resolutionen scheint ungebrochen.
Was also tun? Meyer ist für eine “Politik der Anerkennung”, nämlich “eine Bekundung des Werts jeder religiösen Identität – soweit diese ihrerseits den gleichen Respekt für alle anderen aufbringt”.

Kann es sein, dass unter dieser Vorbedingung der “Politik der Anerkennung” zum Beispiel gegenüber Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran, die mitnichten Respekt für andere Religionen aufbringen, gewisse Grenzen gesetzt sind?

Auf was kann man noch setzen angesichts dieser deprimierenden Gegenwart?
Auf das: einen “weltweiten Bewusstwerdungsprozess über gemeinsame und politische Grundwerte”.

Ich bin dabei, befürchte aber, dass der “Bewusstwerdungsprozess über gemeinsame politische Grundwerte” etwa bei den Taliban zurzeit ernsthaft stockt.

Doch so konkret geht’s bei Meyer nicht zu.

Im Zentrum dieses “Bewusstwerdungsprozess” sieht Meyer, quasi als heißesten Think Tank der Völkerverständigung, das “Projekt Weltethos” des Tübinger Theologen Hans Küng.

Das ist ein gutgemeinter Plauderkreis wohlgesinnter Menschen, in dem über vieles und nichts geredet wird. Meyer sieht aus jenem Theoriekreis jedoch “hochwirksame Beiträge” erwachsen, mit denen “die komplexe Beziehung zwischen Religion und Politik” geklärt werden könne. Von diesen hochwirksamen Beiträgen habe ich – und ich glaube viele Menschen mit mir – leider noch nie etwas gehört.

Oder seien wir ehrlich: Es ist nun mal so, dass viele Menschen sofort abschalten, wenn die Herren Küng, Schorlemmer, Grass und Drewermann mal wieder die Formel zur Weltrettung gefunden haben.

Genauso wie Meyer Huntington maßlos überschätzt, so tut er das also hier mit dem harmlosen, ehrenwerten Hans Küng. Da bleibt er sich treu.
Zum Schluss noch einmal zurück zur “Kulturkampfindustrie”. Meyer liefert am Ende seines Textes noch einmal eine Interpretation des sogenannten “Karikaturenstreits”. Wir lernen, welche Unterstützung wir vom Thomas-Meyer-Milieu zu erwarten haben, wenn es wieder mal darum gehen sollte, die Pressefreiheit zu verteidigen: Keine.

Meyers Interpretation bewegt sich im Reich der Verschwörungstheorien: Der Westen, respektive seine “Kulturkampfindustrie”, habe die Ausschreitungen des islamistischen Mobs quasi provoziert, um daraus Kapital zu schlagen.

Meyer: “Diese Tendenz (der Eskalation der religiösen Konflikte, J.K.) kann durch die Funktionsmechanismen einer sich einspielenden ‘Kulturkampfindustrie’ noch erheblich verschärft und von einem bestimmten Punkt an irreversibel werden. Eine Kostprobe von nahezu paradigmatischer Qualität war (…) der Karikaturenstreit. In diesem Fall bewegte sich der Zyklus der Konfliktverschärfung durch das antagonistische Zusammenwirken der Akteure der ‘Kulturkampfindustrie’ von einer rechtspopulistisch motivierten religiösen Provokation hin zu einem scheinbar grundsätzlichen Konflikt der Kulturen.”

Scheinbar? Es ist ein echter Konflikt, wenn in arabischen Publikationen antisemitische Karikaturen zur Grundausstattung gehören, was hier keiner weiß und wenn doch, dann offensichtlich zu keinen Reaktionen führt, relativ harmlose Mullah-Veralberugen in Pakistan hingegen den Mob auf die Straße bringen.

Meyer weiter: “Dadurch wurde bei den islamistischen Fundamentalisten in aller Welt die erwartete Reaktion ausgelöst.”

Nein, es war nicht die erwartete, sondern, leider, die aus Erfahrung zu erwartende.

“Die Medien vergrößerten und verschärften und verlängerten diesen Konflikt, indem sie über alle spektakulären Aktivitäten zuspitzend berichteten und dadurch die Erfolgsprämie für diese Aktivitäten ebenso erhöhten, wie die Tendenz zur Eskalation.”

Erfolgsprämie?

Haben Sie’s verstanden? Schuld am Karikaturenstreit war die “Kulturkampfindustrie” und “die Medien”, nicht etwa der außer Rand und Band geratene Mob in Pakistan und Indonesien.

So denkt es aus der Sozialdemokratie heraus und in sie hinein. Schöner hätte es ein Vertreter des islamischen Zentrums Ulm auch nicht ausdrücken können.

Nur nennt der sich nicht Sozialdemokrat. Und die Sozialdemokratie sollte ja eigentlich aufgrund ihrer Geschichte eine Idee von den Gefahren totalitärer Ideologien haben.

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