Alptraum Bahn

Wie ich einmal fast in Uwe-Karsten Heyes Alptraum endete

Ich bin in letzter Zeit viel Zug gefahren. Ich war in Baden, im Allgäu und im Oldenburgischen.

Der Zug will ja nicht mehr Zug sein, sondern Flugzeug, weil die Bahn einen Minderwertigkeitskomplex hat. Jetzt tragen sogar die Schaffnerinnen sogenannte Pillboxes, das sind Kopfbedeckungen aus den 50er-Jahren. Gerade hat die Lufthansa sie wieder eingeführt. Prompt hat sie auch die Bahn.

Dass der Zug nicht mehr Zug, sondern Flugzeug sein wollte, begann wohl in den späten 70er-Jahren mit dem Großraumwagen, der die Intimität des Abteils samt Butterbrotgeruch ablöste und bereits die Funktionalität der mobilen Angestelltenwelt vorwegnahm: Alle sassen in der gleichen Richtung und ausklappbare Tische für Laptops gabs ebenfalls, nur eben noch keine Laptops. Ein Großraumbüro auf Rädern.

Seit einiger Zeit werden auch Ansagen auf Englisch gemacht. Es ist ein Wahn der Bahnchefs zu meinen, man müsse Internationalität dergestalt unter Beweis stellen, dass beim jeweiligen nächsten Halt jeder Anschlusszug samt Stationen außerdem auf Englisch zu verkünden sei. “Next Stop Hannover Main Station, you have connecting trains to Münster via Osnabrück” - so geht das die ganze Zeit.

Bahnfahren sollte Ruhe sein. Doch Ruhe gibt es keine mehr. Ständig “erwartet” einen irgendein “freundliches Team”, das einen unbedingt mit einem Teller Suppe aus dem Sommerangebot “verwöhnen” möchte. “Team”, “verwöhnen”. Probieren Sie doch mal, kommen Sie, in den Bordtreff, wo unser “Service-Team Sie gern erwartet”. Es ist ein Graus.
Es ist die Sprache der Werbung aus den 60er-Jahren, da befindet sich die Bahn zeitlich im beginnenden Jet-Zeitalter. Aber nur zeitlich. Denn in Flugzeugen wurde und wird man nie mit Sprachschrott genervt.

Derartig vom “freundlichen Service-Team” malträtiert, wurde ich dann doch schwach und nahm einen der Hinweise ernst. Ich stieg in Berlin-Spandau statt Hauptbahnhof aus, denn der Zugansager hatte ja gerapt: “Local train to Nauen via Bahnhof Zoo and Charlottenburg”.

Theoretisch stimmte das. Nur hatte der Zug natürlich die Stationen Zoo und Charloittenburg zum Zeitpunkt seines Abfahrens längst hinter sich gelassen. Aber das freundliche Service-Team wollte mir diese Information, dass er über besagte Bahnhöfe hierhergekommen war, nicht vorenthalten. So ist das mit dem Service der Bahn.

Ich stieg im Nichts aus, Station Albrechtshof und musste daran denken, was Uwe-Karsten Heye vergangenes Jahr gesagt hatte: Da gäbe es Regionen in Brandenburg, da würde ein Schwarzer vielleicht nicht lebend wieder wegkommen.

So sah es da aus.

Ich bin nicht schwarz und ganz so schlimm war es nicht. Aber auch dort lungerten progromfreudige Jugendliche herum. Ich schaffte es schließlich, mit dem Leben davonzukommen.

Und so hatte der Bahnansager es geschafft, mir einen Teil unseres Landes zu erschließen, welches 24 Stunden am Tag da rumsteht und von dem man zwar geahnt hatte, dass es das gibt, aber doch gehofft hatte, man könnte sich täuschen.

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1 Kommentar zu „Alptraum Bahn“

  1. Stadtkurier sagt:

    Mit den Preisen versucht die Bahn wohl auch der Fliegenden Zunft Konkurenz zu machen. Wo früher noch große Unterschiede bestanden, kann man heutzutage auch mal das Glück haben zum selben Preis in viel weniger Zeit am selben Ort zu sein (mit dem Flieger).

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