Der Dalai labert
Was die Buddhismus-Welle über uns verrät
Für die neubürgerlichen Katholizismus-Fans muss es ein Greuel gewesen sein: Da kommt dieser in Orange-Weinrot gewandete freundliche alte Herr mit Pennäler-Brille, Jungs-Grinsen und zum Teil äußerst simpler Botschaft - und eine ganze Garnison von Studienräten, protestantischen Omas und sanftmütigem Jungvolk ist aus dem Häuschen.
Der Besuch des Dalai Lama hat vor allem eins gezeigt: Die ganze Idee, der Katholizismus, am besten samt strenger Lithurgie (gern auch auf Latein), sei auf dem aufsteigenden Ast, war ein totaler Rohrkrepierer des gehobenen Medien-Milieus, wie so vieles vorher auch. Eine Idee, erfunden von Leuten, die ihren aktuellen Gemütszustand und den des Rests schon seit langem nicht mehr auseinanderhalten können.
Der strenge Mann in Rom, von dem vor allem jene fasziniert sind, die endlich Ruhe haben wollten an der Ideen-Front, an der sie unablässig selbst mitgekämpft haben. Leute die schon links, rechts, konservativ, liberal und grün waren und damit ebenfalls nicht glücklich wurden. Für diese Leute müssen harte Sachen her. Katholische Kirche. 2000 Jahre alt. Strenger Chef. Fester Glaubenskanon. Bollwerk gegen Werteverfall. Dolle Sache. Natürlich nur rein theoretisch. Halten wolllen sie sich dann doch nicht dran. Schließlich ist kein Sex vor der Ehe keine so dolle Sache. Oder?
Der Dalai Lama hat gezeigt, wer wirklich Chef ist im Lande der unaufhaltsamen Säkularisation.
Glaube heißt jetzt Spiritualität. Und Leute glauben eben nicht, sondern fühlen sich “irgendwie” zu “irgendwas Höherem” schlichtweg “hingezogen”. Wenn Leute sich, quasi aus dem Nichts heraus, zu etwas “hingezogen” fühlen, ist Obacht angesagt. Dann stimmt irgendetwas nicht.
Ich habe mal mit einem Rabbi gesprochen in der Zeit, als die Deutschen ihre Kinder massenhaft Sara, Rachel, Esther und David nannten und sich “irgendwie” zum Judentum “hingezogen” fühlten, weil das so fröhlich und traurig zugleich sei. So wie die Klezmer-Musik, die damals zum Ohrenzwang der gehobenen Mittelschicht wurde. Einige wollten denn auch übertreten.
Denn die Verwirrten, und von denen gibt es viele in freiheitlichen Gesellschaften, ertragen die Freiheit nicht. Gegenmittel müssen her. Am besten harte Regelwerke. Die neuste Mode für die ganz Harten ist übrigens der Islam. Die Zahl der Konvertiten steigt…
Der Rabbi war damals übrigens genervt und merkte was das “Hingezogensein” wirklich Wert war spätestens beim nächsten Vergeltungsschlag der Israelis in Nahost. Da war es schon wieder aus mit dem “Hingezogensein”.
Der Dalai Lama ist nicht genervt und ein Ende des Booms auch nicht abzusehen. Das liegt wohl daran, dass die Ich-Sucher eines der wesentlichen Theoreme des Buddhismus nicht verstanden haben: Es gibt kein Ich.
Das wäre eigentlich die härsteste Botschaft für Ich-Sucher. Man muss hier erwähnen, dass die Dalai-Lama-Fans in Hamburg insofern beim Christentum viel besser aufgehoben wären, weil da das Ego ordentlich jubilieren darf, sogar in den Dialog mit Gott zu treten, ist ihm gestattet.
“Der Buddhismus” ist nicht die Modereligion der Harten, sondern setzt den Do-it-yourself-Boom der 70er-Jahre fort. Was damals Ikea war, ist heute Buddha. Die sogenannte “Spiritualität” ist die Religion zum selbst zusammenbauen. Man nimmt davon, was man braucht und den Rest lässt man getrost weg.
Der Dalai Lama selbst kann gar nichts dafür. Dass ihm die Sache nicht ganz geheuer ist, merkt man zuweilen an seinen spöttischen Bemerkungen über seine totalverwirrte, westliche Klientel.
Der Dalai Lama ist dabei nur die neueste Variante einer alten deutschen Identifikationsfigur: der edle Wilde. Der Angehörige eines Bergvolkes, das sich gegen den Invasoren wehrt, ein Erlöser vom Dach der Welt. Ein Asket, der Kritisches über unsere Prasssucht anzumerken hat. Auch für diese Projektion als edler Wilder kann der Dalai Lama nichts.
Wir hingegen schon. Der Dalai-Lama-Boom sagt uns einiges über unsere Projektionen und Wünsche. Und die sind ziemlich simpel.
Die gute Nachricht ist: Das harmlose Publikum in Hamburg, jene Mischung aus Gymnasiasten, Studienräten und enttäuschten protestantischen Omas, tut keinem was.
Heute gehen sie den Dalai Lama gucken, morgen gehts doch noch mal zum Kirchentag, Arbeitsgruppe Atheisten in der evangelischen Kirche, und übermorgen mach’s Tai Chi.
Alles wie gehabt.
Das Ganze ist vielleicht harmlos, aber eben genauso ein Zeichen dafür, dass die Segnungen der Moderne (und dazu gehört zum Beispiel das Zusammenbasteln einer Privatreligion so wie man lustig ist) gegenüber den völlig überproportional wahrgenommenen Problemen, die diese hervorruft, untergehen.
Die Moderne ist unser Glück. Nie waren wir so frei.
Es gibt aber eine tiefe Skepsis gegenüber dem Gesellschaftssystem, in dem wir leben, obwohl wir täglich von ihm profitieren.
Einige, die ganz Irren, führt diese Skepsis dazu, ihre Freiheit möglichst weit selbst einzuschränken und sich rigiden Regelwerken wie dem Islam zu unterwerfen.
Andere pilgern zum Dalai Lama.
Natürlich sind mir Letztere lieber.
Schlagworte: Buddhismus, Dalai Lama, Judentum, Katholizismus


