Die “DDR”

Unrechtsstaat, Diktatur – oder “autoritärer Sozialismus”?

Der Axel-Springer-Verlag hatte 1987 eine schlechte Idee. Er schaffte die berühmten Anführungszeichen ab und schrieb statt “DDR”, ironiefrei DDR.

Ein Fehler und noch dazu ohne Not begangen kurz vor dem Mauerfall. Springer hatte recht: Weder war die “DDR” demokratisch noch eine Republik (es sei denn man benützte das Wort, um den Gegensatz der Republik zur Monarchie zu kennzeichnen).

Nur deutsch. Ja, das war sie, die “DDR”.

Lassen wir die Springer-”DDR” für einen Text wieder aufleben.

Dankbar ist man für den neuen Mini-Historikerstreit um den Schießbefehl. Denn jetzt weiß man zum Beispiel wieder, wo die Linkspartei herkommt und was der Herr Bartsch, Bundesgeschäftsführer der Partei, für einer ist. Bartsch ist der Meinung, es könne keinen Schießbefehl gegeben haben, denn der hätte gegen geltende Gesetze der “DDR” verstoßen.

Mit derselben Argumentation könnte man der Meinung sein, Pressezensur könne es nicht gegeben haben, denn die war in der Verfassung der “DDR” auch nicht vorgesehen.
Was die “DDR” war, haben aber immer noch nicht alle begriffen. Beispielhaft gestern im Deutschlandfunk die Diskussion “Wohin treibt die DDR-Erinnerung?”.

“Treibt sie in die richtige Richtung”, fragt der Moderator. Die Antwort: absolut. Schießbefehl und mörderisches Grenzregime und Diktatur: Das sind die Themen, über die wir uns der “DDR” nähern sollten.

Es ist gut, dass durch die aufgefundenen Dokumente exakt auch wieder diese Richtung eingeschlagen wurde.

Doch nicht alle sehen das so. Die so genannte Sabrow-Kommission (Martin Sabrow ist Historiker in Potsdam) plädiert dafür, die “DDR”-Geschichte facettenreicher darzustellen, insbesondere die Mythenumwobene so genannte Alltagsgeschichte.

Damit wird jetzt wieder aufgewärmt, was schon Anfang der 80er-Jahre der damalige ständige Vertreter der Bundesrepublik, Günter Gaus, erfunden hatte: die gemütliche “Nischengesellschaft” “DDR”, die “kommode Diktatur”.

Sabrow umschreibt es so: Der Zerfall in unterschiedliche “Milieugedächtnisse” habe begonnen. Es sei nicht sinnvoll, mit der “Macht der Moral” zu predigen und so ein öffentliches Gedächtnis zu schaffen. Das öffentliche müsse mit dem persönlichen Gedächtnis gekoppelt werden.

Vulgärer und nicht so fein akademisch hat das immer schon das Volk ausgedrückt, dabei aber dasselbe gemeint:

“Es war nicht alles schlecht in der DDR (für unsere älteren Mitbürger: im Nationalsozialismus)”
Doch, es war alles schlecht. Denn auch das vermeintlich Gute, war alles Folge der Diktatur und eines sich nicht selbst tragenden Wirtschaftssystems:

- Die “menschliche Wärme”: Sie gab es nur als Reaktion auf die alles durchdringende Diktatur und niedriger Produktivität, auch war sie Folge der Schattenwirtschaft, in der gute zwischenmenschliche Beziehungen notwendig waren, um Klorollen, Trabbi-Auspuffe oder West-Pornohefte zu organisieren.

- Niedrige Preise, viele Kindertagesstätten: alles subventioniert. Und zwar indirekt von der Bundesrepublik. Hätte es die zahlreichen freiwilligen und unfreiwilligen (Häftlingsfreikauf, Transitpauschale) Zuschüsse der Bundesrepublik an die DDR nicht gegeben, wäre sie schon vorher zusammengebrochen.

In der gestrigen Diskussion kam noch ein Ost-Historiker zu Wort, der, exemplarisch für ein ganzes Milieu, mal wieder den Sozialismus retten wollte.

Siegfried Prokop schlug vor, die “DDR” statt SED-Diktatur oder Unrechtsstaat oder totalitäres System, doch bitte als “autoritären Sozialismus” zu benennen.

Der Trick ist klar: Wenn es einen “autoritären” Sozialismus gab, dann wird es doch sicher einen guten, demokratischen geben, an dem wir gefälligst arbeiten sollten.

Prokop will den “richtigen” Sozialismus retten.

Schön gedacht. Doch der Begriff “autoritärer Sozialismus” ist ein weißer Schimmel, ein Pleonasmus. Sozialismus ist immer autoritär, denn es wird immer Leute geben, die zu ihrem Glück nicht gezwungen werden wollen und alles, so wie es ist im kapitalistischen Schweinesystem im Wesentlichen ganz prima finden.

Zum Beispiel ich.

Und ich kenne mindestens noch ein paar andere Leute, denen es genauso geht. Ich würde tippen: 70-80 Millionen.

Und für uns käme dann wohl nur ein “autoritärer” Sozialismus in Frage, den wir aber schleunigst in einen “antiautoritären” also abbruchreifen zu verwandeln gedächten, so wie das die Leute in der “DDR” so vorbildhaft gemacht haben.

Und was die “DDR” angeht, bleiben wir lieber bei den guten, angestammten, historisch angemessenen Begriffen.

Diktatur.
Unrechtsstaat.
Totalitäres System.

Suchen Sie sich einfach was aus.

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