Nicht links, antiwestlich

Sommerlochsensation: Selbst CDU und FDP sind angeblich rot

Die “Zeit” hat kürzlich in einer Umfrage etwas herausgefunden:

Deutschland hat einen Linksdrall: 86 Prozent der Deutschen ordnen sich in der Mitte und links davon ein. Als rechts wollen nur elf Prozent gelten. Bei den Unionsanhängern hat die bekennende Linke (25 Prozent) die bekennende Rechte (22 Prozent) überflügelt. Ein interessantes Detail für Gender-Forscher: Frauen neigen noch etwas mehr nach links als Männer.

Woran liegt das?

Hans-Magnus Enzensberger hat in seinem Essay “Schreckensmänner” ein Paradoxon beschrieben, das wohl auch in dieser Umfrage seine Wirkung entfaltet hat: Es gibt die Tendenz in reichen und sehr reichen Gesellschaften (also Ländern wie Deutschland), das, was an Armut verbleibt, in überproportionaler Weise wahrzunehmen und dieser Wahrnehmung mit großem moralischem und empörtem Gestus Ausdruck zu verleihen.

Das Anklagen der angeblich untragbaren Zustände ist immer Hobby der Mittelschicht gewesen. Und es gilt als “links”.
Sich als “links” zu bezeichnen ist wohl eher diffuses Unbehagen an unserer Gesellschaft, ja an der Moderne.

Denn das Seltsame ist, dass viele “Linke” keineswegs die Probleme, die wir haben, als lösbar betrachten, sondern dass daraus gleich eine Skepsis gegenüber “der Marktwirtschaft” oder “dem Kapitalismus” überhaupt resultiert.

Tief in uns haben wir wohl den “langen Weg nach Westen” (Heinrich-August Winkler) noch nicht abgeschlossen.

Und insofern ist wohl tatsächlich eine Mehrheit der Deutschen “links”. Man sollte allerdings nicht dieses politisch-geografische Wort benutzen. Ich würde in die Vollen gehen und es so nennen: Es ist die alte Moderne-Skepsis der Deutschen, es sind anti-westliche Unterströmungen, die 60 Jahre rheinischer Kapitalismus keineswegs hat abschaffen können.

60 Jahre im Großen und Ganzen sensationell funktionierende Marktwirtschaft haben nicht ausgereicht, den Deutschen die letzte Skepsis gegenüber dieser Wirtschaftsform auszutreiben. Das ist paradox.

Denn es kann keinen Zweifel daran geben, dass wir die freiheitlichste und reichste Gesellschaft haben, die es jemals auf deutschem Boden gegeben hat. Dennoch ist die Lafontaine-Polemik gegen die angebliche Massenverelendung in Deutschland in einem überraschenden und auch erschreckendem Ausmaße erfolgreich und ich denke, dass diese Tatsache in erwähnter Umfrage zum Ausdruck kommt.
Dasselbe gilt für die Globalisierung: Diese hat China und Indien in die erste Liga der Industrienationen gespült. Die Globalisierung ist doch eigentlich das, wovon Linke immer geträumt haben: Die so genannte “Dritte Welt” wird gleichberechtigter Mitspieler in der Weltökonomie. Alle? Nein, nicht alle, denken wir nur an Afrika. Dennoch muss insgesamt die Globalisierung als Erfolg bezeichnet werden. Aber die Probleme und auch die Verlierer, die sie hervorbringt, werden in Deutschland in völlig überproportionaler Weise wahrgenommen. Siehe oben.

Es ist Oskar Lafontaine, der nicht nur bei Linkswählern, sondern ganz tief in ihrem Innern, die antiwestliche Seite bei CDU- und sogar FDP-Wählern zum Klingen bringt. Parteigrenzen sind hier völlig irrelevant, insofern ist die zitierte Umfrage alles andere als überraschend.

Mir war das Phänomen des partei- und milieuübergreifenden Unbehagens an der Moderne immer schon aufgefallen beim Thema des Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten, dem Heimatland des Kapitalismus. Die Amerika-Frage ist und bleibt der Lackmus-Test für die Verwestlichung Deutschlands: Und es sieht nicht gut aus.

Es mag sein, dass FDP-Funktionäre oder CDU-Wirtschaftsleute offiziell liberale Positionen vertreten, die SPD-Leute ablehnen und Linke sowieso. Aber fragen sie nach Amerika, dann werden sich alle einig sein: Nein, so wie es da ist, wollen wir es nicht haben.

Ich behaupte, dass die Bruchlinien in dieser Frage in etwa so verlaufen, wie in der oben zitierten Umfrage. In Wahrheit ist “links” zu sein, nicht parteipolitisch definiert, sondern beschreibt die immer noch vorhandene antiwestliche Unterströmung in unserer Gesellschaft.

Als Trommler dieser Bewegung ist Lafontaine die eigentliche Gefahr.

Sind wir nicht alle ein bisschen Lafontaine?

Ich bestehe darauf, dass ich es nicht bin. Aber mich hat niemand gefragt.

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1 Kommentar zu „Nicht links, antiwestlich“

  1. Wolfgang Scheide sagt:

    Ja, es gibt dieses schreckliche Unbehagen an allem, was mit dem Kapitalismus zusammenhängt, trotz der unbestreitbaren Erfolge, die ein 50%-Kapitalismus in Deutschland hervorgebracht hat, wie Sie richtig bemerken. Ich denke, es hat damit zu tun, dass es keine Intellektuellen gibt, die diesen wirklich verteidigen. Die Verteidiger des Kapitalismus in Deutschland sind Leute wie der Ökonom Hans-Werner Sinn, die dem Kapitalismus in der durch ihre Argumente nur einen Bärendienst leisten.Warten wir auf die neuen Intellektuellen…

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