Stammeln in Stammheim
Auch ein Opfer der RAF: die Sprache
Es gibt die Basement Tapes von Bob Dylan, die White-House-Tapes von Richard Nixon und jetzt auch noch die Stammheim-Tapes von Andi Baader.
Wirklich Neues vom RAF-Wahnsinn erwartet niemand. Die Bänder “historisch” zu nennen, darauf kommt nur, wer sich tief in den RAF-Schrott hineingewühlt hat, so dass er alleine nicht mehr heraus findet. Dass “Ulrike”, damals sagte, man vertraut nur dem Vornamen, und sich mit Ensslin überworfen hatte - hier ist für Historiker noch ein Beweis. Doch welche Historie ist das? Wozu wird sie braucht?
Offensichtlich gibt es bereits eine Art Binnengeschichtsschreibung der RAF, betrieben von hochspezialisierten RAF-Archiv-Wühlern, die so etwas interessiert.
Es werden sich im RAF-Historien-Fetischismus, der sich immer mehr dem Nazi-Geschichtsschreibungs- Fetischismus nähert, sicher noch viele neue Fragen ergeben. Was der Führer vor seinem Selbstmord aß, wissen wir. Spaghetti mit Tomatensoße. Was aß eigentlich Baader vor seinem Untergang?
Immerhin legt der Zuhörer wenigstens mit einer neuen Erkenntnis seine Kopfhörer ab, nachdem er den Stammheim-Tapes im Internet gelauscht hat: So dünn und dumpf die RAF-Theorien auch waren - die RAF-Geschäftsführer in Stammheim sind nicht einmal in der Lage, das Dürftige in halbwegs verständlicher Sprache zum Ausdruck zu bringen.
Es ist ein Gestammel und Gestottere, ein verkopfter Sprachmanierismus, angereichert mit üblem Jugendsprech. Der gesammelte Sprachschrott aus Therapie-, Psycho und Seminar- sowie Sozialwissenschaftsdeutsch zeigt, dass Form und Inhalt eben doch eng zusammenhängen. Wer die Form nicht beherrscht, der hat in Wahrheit nichts zu sagen.
Da beschwert sich “Ulrike” im besten Udo-Lindenberg-Slang, die Bundesanwaltschaft habe das Ziel, Andis Anwälte “wegzuknallen” und “rauszufeuern”.
Natürlich muss auch “Scheisse” gesagt werden (so wie Andi gerne “Fotze” sagte, denn Verkopfte konterkarieren ihre Verkopfung gern mit Wörtern der Gossensprache).
“Das Ziel hat eben mit all diesen albernen und lächerlichen Begründungen, Bundesverfassungsgericht und so ‘nem Scheiß, überhaupt nichts zu tun.”
Bundesverfassungsgericht und so’n Scheiss - ja, damit konnte Ulrike natürlich nicht viel anfangen.
Dann will sie sagen: Dies hier ist kein rechtsstaatliches Verfahren. Gesetze werden gebeugt. Das aber kann “Ulrike” nicht sagen. Sagen kann sie nur das: Es ginge nur noch um die “Exekution bestimmter, oder um die Durchsetzung bestimmter Ziele, die Rationalität überhaupt nirgendswo mehr haben, in irgendeiner Form, höchstens in der Absurdität, noch als irgendwie rechtsstaatlich behauptet zu werden.”
Viele Bücher hatte “Ulrike” bekanntlich auf ihrem Nachttisch. Das Buch “Sag’s treffender” war leider nicht darunter.
Ebenso konnte “Andreas” zwar gut Autos aufbrechen, Zigaretten drehen und Frauen beschimpfen - klare Gedanken zu fassen, und sie hinterher in ebenso klare Worte zu fassen, war indes seine Stärke nicht.
Andi will sagen: Hier ist alles abgesprochen. Das kann er aber nicht. Stattdessen sagt er:
“Das infame Ritual hier wird sich über die Argumentation wälzen, als wäre sie überhaupt nicht gesprochen werden. Und auch nicht gesprochen worden, so sehen wir sie nämlich, als ein Reflex, wenn auch ein schwacher, des globalen Klassenantagonismus, der das gesamte politische Leben in den kapitalistischen Metropolen und wesentlich in der Bundesrepublik seit sechs Jahren militarisiert”.
Haben Sie’s verstanden? Setzen, Baader. Sechs.
Nur einmal, da werden sie dann doch deutlich. Und zwar da, wo ihre Väter schon deutlich waren.
Schuld daran, dass Andi hier sitzt, anstatt in Samthosen im Porsche, ist ein alter Bekannter. Da ist Andi ganz auf der Linie der Vorväter und da ist die NPD heute wieder ganz einig mit Andi:
“Der Gegenstand dieses Verfahrens ist (…) die totale Bestimmung, Kontrolle und Verfügung dieses Staates nach innen und außen, Verfügbarkeit dieses Staates nach innen und außen für die Weltinnenpolitik, des Hegemonialen, des US-Kapitals.”
Früher hätte man gesagt: Das internationale Finanzjudentum. Gemeint gewesen wäre dasselbe.
Ansonsten scheint Baader fasziniert zu sein von der Jurisprudenz. Gern nimmt er deren Floskeln in seinen Wortschatz auf, seltsam aufgesogen und fasziniert scheint er von der Welt der Roben:
“Ich stelle fest”, sagt Baader gern in ätzender Staranwalt-Manier, so wie Anwälte das gern sagen. Er hatte ja ein leuchtendes Beispiel von Staravokaten in der Merhrzweckhalle vor Augen: Otto Schily, der, ob als bester Anwalt alller Zeiten oder bester Innenminister aller Zeiten nur eine Kontinuität kennt: Brennenden Ehrgeiz und den Druck, der Beste sein zu müssen.
So einer lädt schon mal schnell Nixon als Zeugen vor (auf den Bändern ist zu hören, wie Schily-Boss Baader ihn gnadenvoll gewähren lässt).
Groß fühlte sich Klein-Andi, dass so viel Terz gemacht wurde um ihn.
Und dann gibt es noch mein Lieblingswort: “Staatsschutzküche”.
Was das ist? Fragen Sie doch im Staatsschutzküchenkabinett.
Die Andi-Baader-Stammheim-Tapes. Zurück bleibt die Frage bis heute: Wie haben diese Analphabeten eine ganze Generation so faszinieren können?
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