Der Türöffner

Dreißig Jahre nach Mogadischu – Interview mit GSG-9-Gründer Ulrich K. Wegener

Gespräch mit Generalmajor Ulrich K. Wegener, Maritim-Hotel Bonn, 5.10.2007

JOST KAISER: Ich bin mit einer Boeing 737 hergeflogen. Wenn Sie das Flugzeug sehen, denken Sie sofort: Ah ja, so und so kriegt man die Eingänge auf?

ULRICH WEGENER: (lacht) Ach nein. Ich weiß natürlich schon, wie man so was macht, wobei die jetzige 737 ja eine ganz andere Maschine ist als die älteren Versionen.

J.K.: Haben Sie noch Kontakt mit Jürgen Vietor, dem Kopiloten der Landshut?

U.W.: Ja, sehr guten. Ich sehe ihn diese Woche wieder bei der Veranstaltung der Lufthansa zum 30. Todestag von Kapitän Schumann.

J.K.: Vietor ist nie wieder eine andere Maschine geflogen als die 737. Er konnte sich nicht umstellen, und wollte auch für größere Maschinen und die Menschen darin nicht die Verantwortung übernehmen.

U.W.: Dass er da sehr mitgenommen war, ist mir klar. Diese Tage in der Maschine müssen furchtbar gewesen sein. Er musste ja alleine die Verantwortung tragen, nachdem Schumann tot war.
J.K.: Als die Bundesregierung antäuscht, dass die RAF-Leute auf dem Weg nach Mogadischu zum Austausch seien, sagt Mahmud, der Anführer der Terroristen zu Vietor, dass er jetzt gehen könne. Vietor bleibt. Ist das auch Ihre Vorstellung von Pflichtgefühl?

U.W.: Ich hätte das genauso gemacht, keine Frage.

J.K.: Wann haben Sie erfahren, dass Sie angefordert werden und was haben Sie da gedacht?

U.W.: Wir waren in Köln im Einsatz, wo wir kriminalpolizeiliche Kräfte geschützt haben, die Wohnungen durchsucht haben. Wir waren der beste Schlüsseldienst Deutschlands. Meine pioniertechnischen Dienste haben unentwegt Türen geöffnet. Ich habe einen Anruf bekommen und habe sofort zurückgefragt. “Die Bundesregierung entschließt sich, die GSG 9 einzusetzen” war die klare Ansage. Ich bin zurück, habe einen Teil meiner Leute dagelassen und bin dann mit 60 Mann losgeflogen. Vorher haben wir umgerüstet auf den neuen Einsatz.

J.K.: Vor dem Einsatz sagt ein Unterführer zu Ihnen: Das wird doch wieder nichts, die geben sicher wieder nach. Das klingt so, als wollten Ihre Kräfte unbedingt in den Einsatz, obwohl man dabei sterben konnte.

U.W.: Die waren alle scharf drauf. Es ist schwierig, eine Einheit, die hoch motiviert ist, immer wieder dahin zu bringen, dass sie ihr Bestes gibt. Man kann diese Spannung nicht unendlich aufrechterhalten. Bei der Einstellung wird gefragt: Sind Sie bereit, Ihr Leben einzusetzen. Das war selbstverständlich.

J.K.: Sie sind der Landshut hinterhergeflogen.

U.W.: Wir hatten gehofft, dass wir schon in Rom an die Maschine rankämen. Das wäre optimal gewesen, schließlich war Italien Nato-Partner. Als sie dann in den Nahen Osten flog, habe ich gesagt: Wir brauchen erst mal eine Absprung-Basis, wo wir erst mal bleiben. Und dann sind wir nach Ankara geflogen in den militärischen Teil. Als ich hörte, die Maschine sei in Dubai, bin ich mit einem Teil meines Führungsstabes in einem kleinen Jet hinterher geflogen. In Dubai war die Situation brisant, weil es ein arabisches Land war. Wir haben gemerkt, dass die nicht begeistert waren. Auf der einen Seite standen die unter Druck. Ich habe mit dem Verteidigungsminister gesprochen und der hat sich geweigert. Er wollte keine deutschen Kräfte dort. Er hatte Angst, dass die Entführer zu einer Kurzschlusshandlung kommen würden und wollte mit eigenen Kräften eine Stürmung versuchen. Wir haben das dann an einer Maschine, der Gulf Air, geübt. Aber das war so schlecht, dass ich gleich gesagt habe, hoffentlich kann ich das abwenden.
J.K.: Dubai hat eine besondere Bedeutung. Es wäre die letzte Möglichkeit gewesen, Jürgen Schumann zu retten, wie wir heute wissen. Sie kannten Schumann.

U.W.: Ja, ich kannte ihn von einem Seminar der Lufthansa zu Verhalten bei Entführungen. Wir hatten in Dubai die Möglichkeit, die Entführer zu fotografieren. Ich bin heran und habe Mahmud mit Teleobjektiv fotografiert. Gleichzeitig haben wir Informationen über die Nachrichtendienste bekommen, sodass wir wussten, mit wem wir’s zu tun haben.

J.K.: Das hat die Lage nicht gerade entspannt. Denn der Entführer hatte wenige Monate vorher in London den jemenitischen Außenminister erschossen.

U.W.: Ganz genau. Das habe ich da von den Engländern erfahren. Damit war für uns klar, dass die Ernst machen.

J.K.: In Mogadischu haben Sie sich erst mal an die Maschine herangeschlichen.

U.W.: Die Maschine stand so günstig zwischen zwei Sanddünen, dass ich von hinten einfach herangegangen bin, ohne dass man mich sehen konnte. Und ich habe den Zustand der Maschine gesehen und dass alles sehr günstig ist, um ein Aufklärungsteam einzusetzen. Dann habe ich mit dem Befehlshaber der somalischen Luftwaffe gesprochen und ihn gebeten, dass er einen Take off und Landeverkehr mit den zwei somalischen Jets macht. Ich musste ja mein Kommando mit der Boeing 707 hereinbekommen, die noch auf Kreta war und das sollte die Entführer ablenken. Nach einigem Zögern, er musste erst den Präsidenten anrufen, hat er’s dann auch gemacht.

J.K.: Haben Sie nicht überlegt: Was denkt Mahmud, wenn da ständig zwei Jets starten und landen?

U.W.: Ach, das hat man ihm erklärt. Das sei die Luftwaffe Somalias, die könne man eben nicht am Boden halten.

J.K.: Der Zufall will es, dass Sie an der Landshut trainiert hatten.

U.W.: Ja, mein Adjudant hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ja, gut, das vereinfacht halt die Sache. Wir kannten die Maschine. Wir hatten an ihr in Nürnberg trainiert.

J.K.: Es gibt sechs Eingänge: vorne zwei, hinten zwei und über den Tragflächen. Die GSG 9 ist über alle sechs rein. Das war nicht selbstverständlich.

U.W.: Das Problem bei der Flugzeugerstürmung ist, dass man in allerkürzester Zeit an jeder kritischen Stelle im Flugzeug sein muss. Vorne im Cockpit und dort, wo potentielle Entführer sein können, zum Beispiel das WC.

J.K.: Dann gibt es Probleme: Die Leitern für den Sturm sind zu lang.

U.W.: Die Leitern waren schon geeignet, die haben wir bei einer Kölner Firma extra herstellen lassen. Das Problem war, dass die Landshut auf einem alten Taxiway stand, der sehr kaputt war. Deshalb standen die Leitern nicht so gut. Das war ein echtes Problem.

J.K.: Sie müssen das Sanitätsteam nach vorne beordern, damit sie die Leitern halten.

U.W.: Wir hatten zwei Reserveteams dabei und einen Sanitätstrupp und einen Entschärfertrupp für Sprengstoff. Von denen sind zwei nach vorne gekommen und haben eine Leiter festgehalten.

J.K.: Dann geht es los. Sie sagen: “Three-two-one-go” und stürmen hinten rechts rein. Warum geht der Kommandeur mit rein? Er muss doch die Operation leiten?

U.W.: Das ist ein Prinzip bei Spezialeinheiten. Bei Spezialeinheiten können Sie nicht von hinten führen, sondern Sie müssen selbst Beispiel geben. Das Motto der GSG 9 lautet: mir nach. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das irgendwo von hinten zu befehligen.

J.K.: Jetzt sind sie drin: Was sehen sie als Erstes?

U.W.: Vor mir waren die beiden Sturmtrupps schon vorne eingedrungen. Ich stand hinten.

J.K.: Warum hinten? Ich denke es heißt: mir nach?

U.W.: Ich musste sicher sein, dass die vorn überhaupt hereinkamen, erst dann konnte ich hinein. Ich bin hinten mit einem Sturmtrupp rein und bin dann nach vorne. Inzwischen hatte ich schon von vorn die ersten Meldungen bekommen, dass Mahmud schon kampfunfähig war und die Nummer zwei ebenfalls. Plötzlich stand mir Nummer drei gegenüber. Einer meiner Leute, die mit mir durch den Mittelgang liefen, schoss. Ich habe auch geschossen und der fiel dann um. Im Umfallen konnte er leider noch eine Handgranate zünden.
J.K.: Das sagt man so leicht: Der fiel dann um.

U.W.: Wenn ich’s nicht getan hätte, dann hätte er mich erschossen, das ist keine Frage. Die GSG 9 ist dazu da, Leben zu retten. Mein Bestreben war, die Geiseln so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu bringen und dazu mussten wir die Entführer kampfunfähig machen. Sonst wäre es nicht gegangen. Das ist alles.

J.K.: Die GSG 9 in quasi in Freizeitkleidung eingedrungen, Uniformen wollte man den Somalis nicht zumuten.

U.W.: Wir hatten Splitterwesten an. Ich hatte allerdings keine. Das habe ich meiner Frau später nicht gesagt. Der Haken war, das wir nicht genügend hatten. Das hat sich erst kurz vor dem Einsatz herausgestellt.

J.K.: Das hört sich nicht gerade professionell an.

U.W.: Das kann man wohl sagen. Das war nicht unsere Schuld. Das lag an den Beschaffern. Ich habe dauernd moniert, dass unsere Westen für den Einsatz zu schwer und nicht beschusssicher waren.

J.K.: Was hatten die Entführer für Waffen?

U.W.: Russische. Eine Tokarew, eine Makarov und Handgranaten und ein Kilo Semtex-Sprengstoff.

J.K.: Alastair Morrison, ein SAS (Special Air Service, Britische Spezialeinheit)-Soldat, der Ihnen in Mogadischu geholfen hat, hat sich in Dirty-Harry-Manier gewundert, warum die Deutschen so kleinkalibrige Waffen im Einsatz hatten. Sie hatten eine P9. Die Engländer benutzten die Browning Hi Power.

U.W.: Für den Einsatz in der Maschine kommt es auf die Mannstopwirkung an, auf der anderen Seite darf die Munition nicht durchschlagen, sonst gefährdet man die Passagiere. Wir hatten ungeeignete Munition, das habe ich immer wieder moniert. Nach diesem Einsatz haben wir die Munition gewechselt, weil sie nach unserer Erfahrung nicht passend war.

J.K.: Ungeeignete Munition, keine Schutzweste. Herr Wegener: Ein Mythos wankt!

U.W.: Es ist ja alles gut gegangen und es bleibt die erfolgreichste Flugzeugerstürmung der Geschichte. Später ist ein somalischer Verbindungsoffizier zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob wir gar nicht mit den Schlangen Probleme bekommen hätten?

J.K.: Welche Schlangen?

U.W.: Es gab Schlangen in den Dünen. Ich hatte gar keine Zeit darauf zu achten.

J.K.: Ich sage etwas Frevelhaftes. Nach der Schleyer-Entführung stand es 0:4 für die RAF. Als Sie in Mogadischu aus der Maschine rausgingen, haben Sie zum 4:4 ausgeglichen.

U.W.: Das sind nicht meine Kategorien. Das interessiert mich gar nicht. Für mich war nur eine Sache wichtig: die Geiseln zu retten. Und wir haben sie gerettet. Und zwar alle. Das hat uns bisher keiner nachgemacht. Selbst die Israelis nicht.

J.K.: Nach der Befreiung sagt ein Passagier zu Ihnen: Ich kann leider kein hebräisch.

U.W.: Ja, die haben gedacht wir seien Israelis.

J.K.: Das war für Sie ein Kompliment. Die Israelis waren für Sie immer ein großes Vorbild.

U.W. Ich war ja 1972 ein Vierteljahr in Israel und später noch viele Male. Ich bewundere Israel: Man muss sich das mal vorstellen. Da ist ein Sechs-Millionen-Land, das sich erfolgreich und das über Jahrzehnte gegen eine feindliche Übermacht wehrt. Dass die Israelis daraus eine wehrhafte Demokratie gemacht haben, das ist ja kein Wunder.

J.K.: Die Amerikaner haben Sie bei Ihrem Studium der Spezialeinheiten nicht immer überzeugt. Was machen die Amerikaner falsch?

U.W. Bei einer schnellen Lageveränderung können die Amerikaner mit ihrem Prinzip der Befehlskette nicht richtig reagieren. Wenn sich die Lage verändert, muss der Kommandeur erst ganz oben nachfragen, was er jetzt machen soll. Das ist nach unserer Auffassung ganz unmöglich, ganz ungünstig, unflexibel und zeitraubend.

J.K.: Wie lautet das Befehlsprinzip der GSG 9 aber auch der KSK?

U.W.: Es ist das alte preußische Prinzip der Auftragstaktik. Das haben wir umgesetzt. Wie sie’s machen ist in erster Linie ihre Sache, aber den Auftrag müssen sie durchführen.

J.K.: Das widerspricht dem Klischee des deutschen Kadavergehorsams.

U.W.: Ja, das ist ein Klischee. Wir gehen nach Clausewitz’schen und Moltke’sche Führungsprinzipen vor. Und das sehr erfolgreich.

J.K.: Clausewitz und Moltke in der Wüstensonne von Mogadischu…

U.W.: Ich habe das bis zum Geht-nicht-mehr bei der GSG 9 durchgeübt. Ein Leutnant, der bei der GSG 9 Sturmtruppführer war, hatte völlige Freiheit, wie er das macht. Nur er musste mir danach berichten: So ist das gelaufen, ich konnte gar nicht anders. Wenn er’s hinkriegt: gut. Wenn nicht: Dann muss er dafür gerade stehen.

J.K.: Nach dem Einsatz titelt die “Daily Mail”: “The desert foxes are back”.

U.W.: Ja, das hat mich amüsiert und auch gefreut, dass die Engländer so ehrlich waren zu sagen: Das, was die gemacht haben, war in Ordnung.
J.K.: Sie haben Ihr ganzes Leben in Uniformen und in quasi militärischen Organisationen verbracht. Und zwar in einer Zeit, in der das Militärische in Deutschland schief angeguckt wurde. Aus guten historischen Gründen.

U.W.: Ich habe mich oft geärgert, dass man das Militärische und Polizeiliche in Bausch und Bogen verurteilt hat. Auch ein demokratischer Rechtsstaat braucht eine funktionierende Polizei und Armee.

J.K.: Das muss doch für Sie eine Genugtuung gewesen sein. Der Zeitgeist weht links, lange Haare und antimilitärischer Gestus. Aber um schließlich das Problem des Terrorismus konkret anzugehen, müssen Sie ran, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat, als militärisch zu denken.

U.W.: Ja, das war eine Genugtuung. Es war aber vor allem deshalb eine Genugtuung, weil ich mein persönliches Trauma von München 1972…

J.K.: … das Massaker an israelischen Geiseln und das Versagen der deutschen Polizei…

U.W.: …verarbeiten konnte. Wir haben der Welt in Mogadischu gezeigt: Wir können das und zwar so, dass keine Geiseln zu Schaden kommen.

J.K.: Hat Mogadischu München geheilt?

U.W.: Geheilt würde ich nicht sagen. Aber wir haben der Welt ein anderes Bild von Deutschland gezeigt. Das war vor allem in Israel wichtig. Die ersten, die mir gratuliert haben, waren Israelis: Einen Tag danach, am 18. Oktober brachte mir der israelische Militärattachée ein Geschenk und einen Brief von Mosche Dajan, dem legendären israelischen Verteidigungsminister.

J.K.: Der Spiegel titelt damals: “Der bewunderte Deutsche”. Zu sehen ist Helmut Schmidt.

U.W.: Helmut Schmidt war ja Offizier gewesen. Ich bin heute noch überzeugt, dass ein anderer Politiker die Sache nicht so überzeugend gemanagt und auch nicht diese Überwindung erbracht hätte. Mit Willy Brandt, der in Deutschland völlig überbewertet wird, hätten wir nie den Auftrag bekommen. Schmidts militärisches Denken war für mich wichtig. Ich habe zu Schmidt gesagt: “Herr Bundeskanzler, ich brauche von Ihnen den Auftrag die Maschine zu stürmen”. Da hat er nur gesagt: “Ich gebe Ihnen hiermit den Befehl dazu.” Ich habe mich sehr darüber gefreut. Er kannte uns ja. Deshalb war das Vertrauen da. Das ist ganz wichtig. Eben das preußische Auftragsprinzip: Wischnewski hat vor Ort nur zu mir gesagt: Sie melden mir dann, wenn die Sache erledigt ist und das habe ich dann auch gemacht. Die genaue Einsatzplanung hat weder Schmidt noch Wischnewski interessiert.

J.K.: Wie lief das Melden ab?

U.W.: Ich habe über Funk gemeldet: Springtime, Ende der Aktion, alle Geiseln befreit. Zwei Verletzte, eine Geisel und ein GSG-9-Mann.

J.K.: Dann ruft Wischnewski, “Ben Wisch”, in Bonn an und sagt die unvergessen Worte: “Die Arbeit ist erledigt.”
Wir müssen noch mal zu München 1972, Ihrem Schlüsselerlebnis kommen. Sie sind in Fürstenfeldbruck im Tower und müssen die Katastrophe mit ansehen.

U.W.: Wir waren im Zimmer des Kommandeurs. Dann fingen die plötzlich an zu schießen, ein paar Schüsse gingen in die Vitrine. Da habe ich zu Minister Genscher gesagt: “volle Deckung!”

J.K.: Helmut Schmidt hat oft davon gesprochen, dass ein Staat das Vertrauen der Bürger haben muss. Ein lächerlicher Staat, als der, dessen Innenminister angesichts der terroristischen Gewalt unter den Tisch kriechen muss, ist nicht vorstellbar…

U.W.: Was viel schlimmer war, das totale Versagen der Polizei.

J.K.: Genscher wollte sich als Geisel anbieten. Hätte er es gemacht?

U.W.: Ja, Genscher hat Mut.

J.K.: Zwi Zamir, der Mossad-Chef war auch dabei. Die Israelis denken: Die Deutschen machen das schon. Was die an militärischer Härte mitbringen, wissen wir ja aus dem 2.Weltkrieg. War das der Gedanke?

U.W.: Ja. Ich habe mich geschämt, ja mehr als das. Es war eine totale Kapitulation der staatlichen Gewalt.

J.K.: Im Hubschrauber verbrennen die Israelis.

U.W.: Es war furchtbar und die Polizei machte nichts… Ich bin schließlich zu einem bayerischen Hundertschaftsführer und habe gefragt: Warum macht ihr nichts? Er: Wir haben keinen Befehl. Ich war monatelang zutiefst niedergeschlagen. Es war der Beweis, was wir – besser gesagt: Juden und das auf deutschem Boden! – für einen Preis für das Wegdrängen deutscher militärischer Tugenden bezahlt haben. Ich war ja dann in Israel und was ich da zu hören bekommen habe, das darf man gar nicht beschreiben. Ich habe immer gesagt: Wenn ich jetzt was zu sagen habe, dann wird so was nicht mehr passieren. Davon könnt Ihr ausgehen.

J.K.: Haben Sie am Abend mit Zamir gesprochen?

U.W.: Ja, ich konnte ihm das nicht erklären. Es war eine Schande. München 1972 sollte ja zeigen, dass Deutschland ein antimilitaristischer Staat sei. Es durften keine Waffen getragen werden und es gab diese lächerlichen Fantasieuniformen in Hellblau mit weißer Schirmmütze. Ich habe gleich gedacht: Was für ein Schwachsinn. Ich habe das nicht verstanden, dass man so wenig auf das Sicherheitsdenken gegeben wurde. Insofern sind die toten Israelis ein Opfer des deutschen Zeitgeistes und eines entgleisten Liberalismus geworden.

J.K.: Wenn Schmidt Kanzler gewesen wäre…

U.W.: …wäre das nicht passiert. Mit Sicherheit nicht. Er war ein kühler, die Lage klar beurteilender Mann. Ich habe ihn oft bewundert in dieser Hinsicht.

J.K.: Sie bewundern Israel. Kann man sagen, dass die Israelis, was das Bedrohungsgefühl durch Terrorismus angeht, gezwungenermaßen Vorreiter sind, wir aber auch schon bedrohter sind als wir glauben? Übertreibt Schäuble, der das so ausspricht?

U.W.: Man tut Schäuble sehr unrecht. Ich kenne ihn noch aus seiner ersten Ministerzeit. Er war immer ein sachlich denkender Mann. Der sagt nichts ohne Bedacht.

J.K.: Unsere Bedrohung ist gestiegen, aber nicht die Wahrnehmung der Bedrohung.

U.W.: Ja, das ist eine Schwäche. Ich verstehe auch nicht, dass die Medien sich vor den Karren der Relativierer spannen lassen.

J.K.: War 1977 die gute alte Zeit des Terrorismus, wenn man bedenkt, was heute auf uns zurollt: schmutzige Bomben, Selbstmordattentäter… Hat die GSG 9 überhaupt noch einen Sinn angesichts der neuen Lage?

U.W.: Naja, die Konvertiten wurden neulich auch die GSG-9 festgenommen. Die Einsatzmöglichkeiten gibt’s also noch. Außerdem sind die taktischen Einsatzmöglichkeiten weiterentwickelt worden. Davon abgesehen wird nachrichtendienstliche Aufklärung natürlich wichtiger. Deshalb ist die Prävention heute ungleich stärker im Fokus. Und deshalb hat auch Schäuble recht mit seinen Vorstößen bei der Online-Durchsuchung.

J.K.: Es gibt ein Ungleichgewicht: totalitäre Ideologien, etwa der Islamismus zieht sich quasi in großer Zahl von selbst fanatisierte Leute heran, die bereit sind sich zu opfern. Ein paar falsche Freunde und der missverstandene Koran reichen. Das widerspricht komplett der liberalen Demokratie: Hier müssen die Leute jahrelang trainiert werden, um im schlimmsten Fall zu töten. Ein unauflösbares Ungleichgewicht.

U.W.: Wir können auch mit dem Problem des mordenden Islamismus fertig werden. Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen und dürfen die Toleranz nicht zu weit treiben. Die Nachteile des demokratischen Staates liegt darin, dass die Entscheidungswege zu lang sind. Wir können nicht zusehen, dass wir hier zum Beispiel mit der saudi-arabischen Fahd-Akademie den Terror im eigenen Land unterstützen lassen und in Moscheen Kaderschmieden haben, die zukünftige Attentäter ausbilden.

J.K.: Müssen wir, wenn man an Afghanistan denkt, offener darüber reden, dass es Tote im Kampf gegen den Terror geben kann und wir mit diesen Opfern leben müssen? In Deutschland wird die Afghanistan-Mission als besseres Entwicklungshelferprojekt dargestellt.

U.W.: Natürlich. Der deutschen Öffentlichkeit wird immer vorgegaukelt, es handele sich gar nicht um einen militärischen Einsatz. Ich verstehe durchaus, was die Politiker sagen: Wir müssen in Afghanistan mehr aufbauen, um den Afghanen zu einem vernünftigen Leben zu verhelfen. Aber das geht nicht ohne militärisches Potential, man muss die andere Seite eben gezielt angreifen. Ich glaube wir müssen endlich realistischer werden. Ich habe sehr viele Freunde in den USA und Kanada. Der kanadische Freund hat oft zu mir gesagt, er verstehe das nicht, dass wir nicht in den Süden gehen. Sie bräuchten uns dort dringend. Die Kanadier haben 71 Tote und dass die kanadische Öffentlichkeit sieht, dass einige nicht mitspielen, das wird langsam kritisch.

J.K.: Geht Ihnen der deutsche Vulgärpazifismus auf die Nerven?

U.W.: Ja, klar.

J.K.: Es gibt diesen Satz von dem heute rechts stehenden Historikers Ernst Nolte, der 1977 für ein entscheidendes Jahr hält, sozusagen für die wahre Staatsgründung: Ein wahrer Staat war für ihn nur einer, der in einer Extremsituation Härte zeigt und bis zum Äußersten geht.

U.W.: Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht, dass in so einem Rahmen zu sehen. Die ganze Anerkennung war eine große Genugtuung. Wenn ich an die ersten Jahre denke, als ich bei der GSG 9 war, gab es ja eine große Skepsis: Was machen wir denn mit denen? Es gab das Wort eines Politikers: Wenn wir die GSG 9 einsetzen gibt’s eine Furche verbrannte Erde. Und ähnlichen Quatsch. Und dann kam es anders.

J.K.: Kommen wir noch einmal auf die aktuelle Lage: Müssen wir dem Fanatismus der Demokratie-Gegner einen, nennen wir es, Fanatismus für die liberale Demokratie entgegensetzen?

U.W.: Es gibt den Ausdruck der wehrhaften Demokratie. Der reicht. Und das sollte man hin- und wieder mal unterstreichen. Ich darf sagen, dass ich diese wehrhafte Demokratie buchstäblich in die Tat umgesetzt habe.

J.K.: Sie sind proamerikanisch, proisraelisch und für die wehrhafte Demokratie. Da müssen Sie sich zeitweilig einsam vorgekommen sein in der Bundesrepublik.

U.W.: Das war mir egal. Das hat mich nie interessiert. Meine Linie war richtig. Als Staat können wir nur überleben, wenn wir die entsprechenden Möglichkeiten haben für unsere Ideale einzutreten.

J.K.: Sie haben nach Mogadischu in Saudi-Arabien eine Spezialeinheit aufgebaut. War das nicht ein Widerspruch zu Ihrer proisraelischen Grundhaltung?

U.W.: Keineswegs. Ich habe zu den Israelis gesagt: Mich kennt Ihr, Ihr wisst, was ich mache und denke. Besser ich mache den Job, als jemand anderes. Und den Saudis habe ich gesagt: Es ist ein Hirngespinst zu meinen, man käme ohne eine Übereinkunft mir Israel im Nahen Osten zurande. Ich habe Ihnen auch gesagt, dass es nicht in ihrem Interesse sein kann, Terroristen zu unterstützen. Das haben sie jetzt erst kapiert.

J.K.: Wird Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt?

U.W.: Naja, das war ein saloppes Wort. Aber wenn wir in der NATO sind, dann müssen wir diese Mitgliedschaft mit aller Konsequenz erfüllen. Es war doch klar, dass man gegen das steinzeitliche Regime der Taliban vorgehen musste. Ich halte den linken Relativismus nach dem Motto “Köpfen und Steinigen ist Folklore” für zynisch.

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