Die Juden und der “Stern”
Die guten Deutschen und das obsessive Kreisen um das Eine
Es gibt etwas, das lässt dem “Stern”, dem Flaggschiff des linksliberalen Bürgertums, der so schön die Verwirrung seiner Klientel abbildet (mal wird das Pilgern gelobt, dann war Gott neulich auf einmal tot, wie der “Stern” bewies), einfach keine Ruhe:
Wie ist das jetzt mit den Juden? Was darf gegen sie gesagt werden, ohne gleich ein Antisemit zu sein?
Der “Stern” will es unbedingt ausloten, es scheint ihm ein tiefes inneres Bedürfnis zu sein, so als gäbe es am Ende doch nichts Schöneres und Fälligeres, als endlich gegen Israel sein zu dürfen. Das allein ist schon ein wunderbares Abbild der deutschen Obsession, sich immer und immer wieder mit “den Juden” und Israel zu beschäftigen.
Mal nennen die Deutschen ihre Kinder obsessiv Sara und Esther und finden “das Jüdische” so schön melancholisch und gleichzeitig fröhlich (Klezmer!), dann ist Scharon wieder Hitler und macht das mit den Palästinensern, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben.
Im vergangenen Jahr fand der letzte Versuch des “Stern” statt, sich des Themas anzunehmen. Der “Stern” fragte damals: Israel - woher kommt dieser Hass?
Dieses Mal ist die “jüdische Lobby” dran. Ausgangspunkt der Betrachtungen des “Stern” ist das Buch von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt: Die Israel - Lobby.
Im “Stern”-Text sind nun alle Zutaten vorhanden, die immer verwendet werden, wenn das Thema aufkommt.
Vorne muss der Chefredakteur ran und fragt, die Stirn in Falten gelegt: Dürfen wir über die jüdische Lobby reden? Das dient dazu, sich zunächst selbst als Held zu positionieren: Ja, wir machen es, es erfordert Mut. Wir sind mutig.
Mutig zu sein, Tabus zu brechen (die man vorher behauptet oder sich selbst auferlegt hat) ist das nervigste aller Hobbies von Medienmachern.
Drinnen im Text passiert das, was immer passiert, wenn man sich selbst nicht traut auszusprechen, was man denkt:
Zeugen werden aufgefahren. Natürlich müssen es jüdische Zeugen sein. Einen der Zeugen (Alfred Grosser) lässt man sagen, was man sich am allerwenigsten traut, selbst zu sagen: Die Israelis sind am Antisemitismus selbst schuld.
Im Weiteren wiederholt der “Stern” das, was gute Deutsche immer machen, wenn es um Amerika geht: Es wird fein unterschieden zwischen dem liberalen Ostküsten-Amerika und dem bösen republikanischen Amerika.
Dann kommt das Homann-Argument, der einst “die Juden” zum Tätervolk erklärt hatte (weil viele Sowjet-Kommunisten Juden waren) auf linksliberal: Viele Neocons sind Juden. Also hat der Irakkrieg irgendwie mit dieser Tatsache zu tun (was, wenn man die Genese des Irakkrieges nachliest, absoluter Unsinn ist).
Dann kommen Höhepunkt und klassischer Abschluss der Betrachtung: Darf ein Deutscher “die Israel-Lobby” kritisieren?
Der “Stern” lässt wieder einen jüdischen Zeugen auffahren. Ja! GERADE wir als Deutsche und GERADE WEIL wir Freunde Israels sind. Freunde müssen Freunden doch die Wahrheit sagen.
Damit sind alle Zutaten der linksliberalen Israelkritik abgefeiert. Ein Meisterstück.
Die wichtigste Frage: Gibt es die jüdische, die proisarelische Lobby in den USA? Selbstverständlich. Man darf darüber froh sein. So viele Freunde hat das Land am Mittelmeer ja nicht.
Warum uns ausgerechnet diese Lobby so beschäftigt, weiß ich nicht, es ist wohl die Deutsche Neurose.
Ich kenne eine Lobby, die hat viel viel mehr Einfluss, der ist so groß, dass sie ganze Volkswirtschaften mit ihren Entscheidungen maßgeblich steuern kann.
Diese Lobby nennt sich Opec und ist die mächtigste Lobby aller Zeiten.


