“Gute soziale Mischung”
“Studenten, Handwerker, Künstler, Arme”: Bürger lieben’s anti-bürgerlich
Wir lesen im “Tagesspiegel” über die Wandlung des Berliner Touristenviertels am Hackeschen Markt: Das Viertel sei früher (vor 18 Jahren) “sehr lebendig” gewesen, mit einer “guten sozialen Mischung: Studenten, Handwerker, Künstler, Arme”.
Leben Sie auch in einer solchen “guten sozialen Mischung”, also mitten unter “Studenten, Handwerkern, Künstlern, Armen”?
Ich nicht. Ich lebe in einer äußerst unguten sozialen Mischung. Ich gestehe: Ich lebe in einem Viertel, in dem, ich wage es kaum auszusprechen, das Bürgerliche die dominante Rolle spielt.
Der schlechte Ruf des Bürgerlichen und der 1a-Ruf der guten sozialen Mischung ist Legende. Unvergessen ist mir der Satz einer Bekannten, die bei den auf Partys unvermeidlichen Stadteilrankings zu meinem Wohnort sagte: “Das ist mir zu bourgeois”. Die Frau arbeitet bei der Krankenkasse. Das muss ein unglaublich revolutionäres, antibürgerliches Leben sein.
Der Abneigung gegen das Bürgerliche ist ein Privileg der Bürger und so ist auch der obige Satz natürlich gesprochen von Bürgertöchtern. Und wie immer, wenn der stolze Satz ausgesprochen wird von der “lebendigen sozialen Mischung” aus “Studenten, Handwerkern, Künstlern, Armen” ist es eine Lüge.
Wer in die angeblich so lebendigen Viertel geht, der findet Künstler, Studenten am besten in Kombination von Kunststudenten und wenn’s hochkommt ein paar Arme und Handwerker.
Woher der 1a-Ruf von Handwerkern und Armen als Mitbewohner in dieser ewigen Quartier-Latin-Kitschphantasie kommt, bleibt ein Rätsel.
Da wo wirklich Arme und Handwerker wohnen, zum Beispiel in Berlin-Wedding, will keiner von den angeblich um das echte Leben und Bodenständigkeit bemühten bürgerlichen Anti-Bürgerlichen wohnen. Zu recht.
Denn es ist die Hölle. Der einfache Mann, an den sie sich so gern heran schmeißen ist die Hölle. Ich habe mal eineinhalb Jahre in Wedding gewohnt. Es war die Hölle und ich wollte nur noch weg. Meine Idee war danach, dass das Bürgerliche eine gute Idee ist.
Rainald Goetz hat Berlin-Wedding übrigens sehr authentisch und kitschfrei in “Abfall für Alle” beschrieben und ist dabei nicht der Gefahr erlegen, das Elend zu romantisieren. Wie auch.
Das Bürgertum liebt in bestimmten Lebensphasen ein bisschen Schmutz. Das gilt als lebendig. Das Graffiti im Hauseingang. Der melancholische Alkoholiker in der Nebenwohnung. Doch es darf nicht zuviel sein und spätestens wenn die Kinder da sind, wird weggezogen, dann geht es in Viertel mit unguten sozialen Mischungen, wo man sicher keine Handwerker und Arme findet, dafür aber Privatschulen.


