Hirne aus Marzipan
Der größte Kitsch: Kinder als Politiker. Warum die Welt garantiert nicht in Kinderhände gehört
Von den vielen schlimmen Irrtümern vor allem geschmacklicher Art, die Herbert Grönemeyer angerichtet hat, ist einer nahezu epochal. Es gibt bei Erwachsenen des linken Milieus die immer wieder vorgetragene Wahnvorstellung, Kinder seien die besseren Menschen und wenn die Kinder “das Kommando übernehmen”, würde alles gut. Grönemeyer blieb es vorbehalten für diesen Kitsch den Schlüsseltext zu verfassen:
die armeen aus gummibärchen
die panzer aus marzipan
kriege werden aufgegessen
einfacher plan
kindlich genial
es gibt kein gut, es gibt kein böse
es gibt kein schwarz, es gibt kein weiß
es gibt zahnlücken
statt zu unterdrücken
gibt’s erdbeereis auf lebenszeit
immer für ‘ne überraschung gut
gebt den kindern das kommando
sie berechnen nicht, was sie tun
die welt gehört in kinderhände
dem trübsinn ein ende
wir werden in grund und boden gelacht
kinder an die macht
sie sind die wahren anarchisten
lieben das chaos, räumen ab
kennen keine rechte, keine pflichten
ungebeugte kraft, massenhaft
ungestümer stolz
Dass Kinder nicht nur Panzer aus Marzipan haben, sondern zuweilen sogar Hirne, dass sie sehr wohl und Gut und Böse kennen, dass Kriege nicht nur aufgegessen werden, sondern auch ausgetragen werden, bis das Blut spritzt, das wird einer wie Grönemeyer nie kapieren.
Leider auch sonst viele nicht.
In Wahrheit glauben natürlich nicht mal die Kinder-Kitschiers an ihre eigene These von den Kindern als besseren Menschen. In Wahrheit handelt es sich bei dem Hineinwerfen der Kinder in die politische Arena um eine besonders eklige Version des Kindesmissbrauchs.
Kinder werden immer dann vorgeschickt, zum Beispiel auf Demonstrationen gegen Kriege des US-Imperialismus, wenn sie das ausdrücken sollen, was sich die Alten so blöd nicht zu sagen trauen, weil ihnen das zurecht als Infantilität angerechnet würde.
Deshalb wurden Kinder in den Golfkriegen immer wieder mit Plakaten wie “Ich habe Angst” gesichtet.
Natürlich wussten die ihnen das einflüsternden Eltern ganz genau, sowohl 1991, wie auch 2003, dass niemand in Deutschland Angst haben musste. Angst haben mussten 1991 Kinder in Israel vor Scud-Raketen und 2003 bis heute Kinder in Irak.
Und so müssen Kinder immer wieder herhalten als Lautsprecher für Erwachsene, am liebsten eben mit allerlei völlig irrationalen “Ängsten”, die sie nicht vorher eingeredet worden.
Kinder werden auch eingesetzt, um Meinungen unangreifbar zu machen. Wer will schon widersprechen, wenn Kinder letzte Wahrheiten formulieren und dies – weil sie ja “nicht berechnen, was sie tun” und “Armeen nur aus Gummibärchen” haben, frei vom üblen Machtkalkül der erwachsenen “grauen Herren” (Kinder-Kitsch-Standardwerk “Momo” vom Kitsch-Großmeister Michael Ende).
So wie jetzt in Bali beim Klimagipfel. Da wurden auch wieder Altklug das von Erwachsenen erdachte vortragen: “Bedenkt, dass ihr die Erde nur von uns geliehen habt” und ähnlich Abgeschmacktes war da zu hören, auf das die dort Hingestellten selbst gar nicht gekommen wären, es sei denn die formulieren den Schleim schon selbstständig in dem Wissen, was im Kinder-Kitsch-Milieu gut ankommt.
Jetzt esse ich erst mal meine Panzer aus Marzipan und Armeen aus Gummibärchen auf, nachdem ich sie gegen Taliban aus Lakritz in die Tortenschlacht geworfen habe.
Schlagworte: Herbert Grönemeyer


