“Text nicht gelesen, aber…”

In Bezug auf den Iran erklingt mal wieder deutsches Triumphgeheul

Wer eine deutsche Universität schon mal von innen gesehen hat, der kennt den Klassiker unter den Seminaristensätzen: Ich habe den Text nicht gelesen, aber…

Meistens folgen dann umfangreiche Ausführungen, die irgendwie mit dem Thema zusammenhängen. Soweit ich weiß, geht nichts über das gute alte Quellenstudium. Offensichtlich ist es aber genau das, was für die deutschen Großkommentatoren vor allem wenn es über Amerika geht – und über heisst immer: gegen – völlig überflüssig ist.

Jörg Lau von der Zeit etwa kann offensichtlich eine ganze Zeit-Seite vollmachen, ohne eine Zeile des CIA-Berichts über die iranische Atombombe gelesen zu haben.
Diesen Eindruck jedenfalls macht sein Text “Puh, doch kein Weltkrieg”. Das wichtigste für den Kommentator ist, dass Bush wieder mal unrecht hatte. Ausserdem erfahren wir von ganz neuen Zügen der iranischen Politik, von denen wir noch gar nichts mitbekommen hatten: “Die Politik der islamischen Politik war meist defensiv ausgerichtet. Das Regime war seit der Revolution meist damit beschäftigt, sich selbst an der Macht zu halten.”

Da passt der Bericht der CIA gut ins Bild. Er scheint das zu bestätigen. Dabei ist der Text der CIA nur taktisch zu verstehen. Hier will sich eine Organisation, die ordentlich hat einstecken müssen, nicht noch mal sagen lassen, sie sei ein Handlanger der Regierung in Washington.

Will also Iran die Bombe? Selbstverständlich. Das linksliberale Milieu hat sich wieder einmal zu früh gefreut. Deshalb ist es viel interessanter die Ausführungen des Israelis Dan Schueftan zu lesen, der in der Lage ist, taktisch statt ideologisch wie die Deutschen an die Sache ranzugehen.

In der Zeit Online lesen wir ein interessantes Interview, das uns über die iranischen Bestrebungen sehr viel mehr Bedenkenswertes mitzugeben hat als die ideolgisch eingefärbten Ausführungen deutscher Triumpfheuler, die immer nur eins zu sagen haben: was für ein Finsterling George Bush ist.

Schueffler: “Es gibt überhaupt keinen Beweis dafür, dass Teheran den Versuch aufgegeben hat, Nuklearwaffen zu bauen. Ich werde das anhand einer logischen Erklärung des Berichts versuchen. Der wichtigste, schwierigste und langwierigste Prozess beim Bau von Nuklearwaffen ist die Urananreicherung. Alles andere kann in relativ kurzer Zeit fertiggestellt werden. Selbst wenn es so wäre, dass alle anderen Vorbereitungen eingestellt worden sind, was ich nicht glaube, wäre es für das Endziel, den Besitz von Atomwaffen, zunächst einmal nicht weiter bedeutend. Warum? Wenn man den Plan hat, Nuklearwaffen herzustellen und dabei nicht von einem Militärschlag unterbrochen werden will, ist es logisch, mit den Dingen fortzufahren, die am schwierigsten sind und die am längsten dauern. Alles andere lässt sich verstecken oder auch verschieben. In dem Fall wäre der Plan, eines Tages Nuklearwaffen zu besitzen, nicht gefährdet. Gleichzeitig würde es auch keinen merklichen Negativeffekt auf den Zeitplan haben.”

Deutschland, träum’ weiter. Und wenn du wirklich was über die Gefahren in der Welt des 21. Jahrhunderts wissen willst, frag in Israel nach. Die wissen alles ein bisschen früher.

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