Clement ist nicht dement

Auch ein Irrer kann Recht haben – zumindest ein kleines bisschen

Wolfgang Clement ist ein Irrer, der mit Laptops wirft, joggt und gleichzeitig Kettenraucher ist. Und Clement reimt sich auf Zement und auf dement. Aus Zement wird Beton hergestellt und damit hat die fortschrittsgläubige Partei SPD das Land bis in die siebziger Jahre überzogen mit all ihren Gesamtschulen, Bildungszentren und den so genannten Mehrzweckhallen. Deshalb war der Mann an der Betonmischmaschine immer SPD-Klientel.

Zement ist also ein ganz hübsches Symbol für eine Partei, die in erster Linie immer eine Facharbeiterpartei war. Und Demenz, so könnte man meinen, ist in der überalterten Partei ein leider immer öfter auftretendes Phänomen.
Wolfgang Clement ist nicht dement, sondern offensichtlich einer der letzten aus der Betonfraktion der SPD, die letzte Erinnerung, wo diese Partei mal herkam: aus dem Facharbeitermilieu.

Das Seltsame ist, dass die SPD mit der Mindestlohnkampagne gerade einen symbolischen Schwenk in die Richtung ihrer alten Klientel gemacht hat. Wenn Clement jetzt sagt, die Politik Andrea Ypsilantis würde zur Entindustrialisierung Hessens führen, dann bewegt sich das in der Logik dieses Schwenks hin zur Facharbeiterschaft, oder dem, was davon übrig geblieben ist.

Der gute alte Facharbeiter würde sagen: Solar, Windkraft, Biomasse? Was soll das Gedöns. Arbeit muss schmutzig sein, Arbeit muss rauchen, Arbeit heißt malochen und nicht Siliziumplatten zusammenkleben.

Aus Sicht Clements, der wohl mental den “Kanalarbeitern” in der SPD nahe steht, produziert Frau Ypsilanti naive, schwärmerische Zukunftswelten. Gift für den Standort Deutschland, entstanden in der abgehobenen Welt des SPD-akademischen Weltverbesserermilieus. Den Konflikt Malocher und Gewerkschafter gegen abgehobenen Schwärmer gab es immer schon in der SPD, ja darauf wurde sie gegründet, man denke nur an den Konflikt Bernstein gegen Kautsky. Das war 1903.

Oder man denke an 1972.

Da gab schon mal einen, der für die CDU Wahlkampfhilfe geleistet hat. Der Mann hieß Karl Schiller. Gerade hatten die Jusos vorgeschlagen die Banken zu verstaatlichen und Erhard Eppler, ein pietistischer Mann mit Sozialkundelehrer-Bart aus dem protestantischen Südwesten (von Herbert Wehner zu Recht “Piet-Cong” getauft) hatte gesagt: “Wir müssen die Belastbarkeit der Wirtschaft prüfen”.

Schiller sprach den epochalen Satz: “Genossen, lasst die Tassen im Schrank” (was die unterließen), trat schließlich aus der SPD aus und engagierte sich sogar in der CDU.

Tröstlich für Clement, wie für die SPD, sollte Clement wirklich gehen wollen oder müssen: 1980 kam Schiller zurück in die SPD. Wieder hatte Wehner Recht behalten, der einst gesagt hatte: “Wer rausgeht muss auch wieder reinkommen.”

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