“Weil er herausragt”
Koch hat verloren. An der “F.A.Z.” lag das garantiert nicht
Von Hans-Joachim Friedrichs wird nur ein Satz überliefert, der aber ist ganz gut: “Ein Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen. Auch nicht mit einer guten.”
Angenommen, die gute Sache sei Roland Koch. Dann sieht man das bei der “F.A.Z.” mit dem gemein machen wohl fundamental anders: “Folgten Landtagswahlen den Gesetzmäßigkeiten der Politikwissenschaft, dann wäre die Bestätigung der Regierung Koch am Sonntag eine Formsache gewesen.” (29.1.)
Dass Wahlen aber nicht den Gesetzmäßigkeiten der Politikwissenschaft folgen, das mussten vor der F.A.Z. schon Generation von Studenten schmerzlich erlernen. Und zum Glück ist Demokratie auch keine Formsache. Es geht um Sympathie. Um Stil. Um spontane Zuneigung oder Ablehnung. Ja, wir haben die Fernsehdemokratie. Auch, wenn man darüber in der elitären F.A.Z. - wie ja traditionell im libertären Bürgertum - die Nase rümpft.
Da hat sich also der kleine Mann einfach mal der Erkenntnis verweigert, die ihm die F.A.Z. circa drei Wochen ununterbrochen reingeprügelt hat, nämlich was der Koch für ein Wahnsinns-Mann ist:
“Koch ist in der Lage, ein fünfseitiges Papier zu einem schwierigen Thema in zehn Minuten zu lesen und anschließend die Hauptpunkte nicht nur knapp und zutreffend zusammenzufassen, sondern analytisch zu beurteilen.”
Dass Koch darüber hinaus auch noch in der Lage ist, ein Papier mit einem schwierigen Thema, vielleicht zum Thema Jugendkriminalität, so knapp und unzutreffend zusammenzufassen, nämlich so: kriminelle Ausländer raus, dass türkische Mitglieder der CDU ihm öffentlich eine Niederlage wünschen – diese Qualität ist der F.A.Z irgendwie entgangen.
“Für seine Fachminister muss es manchmal unangenehm sein, dass ihr Chef sie selbst in Wissensdetails übertrifft.”
Vor allem für den Justizminister. Den übertraf Koch mit Wissensdetails über die Verfahrensdauer bei straffälligen Jugendlichen in Hessen. Da hätte er mal bei seinem Fachminister nachfragen sollen, ehe er mit dem Thema in den Wahlkampf zieht.
Sind F.A.Z.-Autoren eigentlich im Nebenjob Redenschreiber von Roland Koch?
“Kein Zweifel, die bevorstehende Landtagswahl ist eine Richtungsentscheidung für Hessen: mehr Staat oder mehr Markt, mehr Investitionen in das Sozialsystem oder sparsames Wirtschaften und Schuldenabbau, integriertes oder gegliedertes Schulsystem, offener oder geschlossener Vollzug in den Gefängnissen, weniger oder mehr Geld für neue Straßen, radikale Energiewende oder behutsamer Umstieg auf regenerative Energien.” (Rhein-Main-Zeitung 27.1.)
Und dann der Höhepunkt des Roland-Koch-Festivals. Am Samstag vor der Wahl darf Berthold Kohler jeglichen Rest kritischer Distanz fahren lassen und ein Dokument produzieren, das alle Pathologien der deutschen Rechten zusammenfasst.
Tusch, anschwellende, bombastische Streicher, ein Rezitator betritt die Bühne, auf einmal atemlose Stille im Publikum, der Rezitator beginnt:
“Weil er herausragt”
Wahnsinn! Unfassbar!
“Die deutsche Linke in Politik und Publizistik (…) wittert die Chance, den letzten wort- und wirkmächtigen Vertreter des konservativen Flügels der CDU zum Schweigen zu bringen.”
Gähn! Die Idee der wirkmächtigen “deutschen Linken”, die das ganze Land im Würgegriff hält, scheint unauslöschbar in den Hirnen des neo- und sonstigen “Bürgertums” (ich finde diese Paranoia eher kleinbürgerlich) verankert zu sein.
Natürlich stimmt sie nicht. Wäre es so, dann wäre Koch niemals Ministerpräsident geworden. Das alles hindert Leute wie Eva Herman, Kai Dieckmann und eben Berthold Kohler nicht, die abgenudelte Schallplatte immer wieder aufzulegen: Rechte sind immer aufrechte Kämpfer. Linke zersetzen das Land und wollen Leute, die endlich mal die Wahrheit sagen, “zum Schweigen bringen.”
“Koch ist zur letzten Bastion der Konservativen in der CDU geworden, ohne selbst seinen Standort geändert zu haben.(…) Kein zweiter Ministerpräsident der Union wagt es, Missstände und Versäumnisse so offen zu benennen wie er.”
Komischerweise spricht er sogenannte Missstände immer kurz vor Wahlen an.
“Denn am Beispiel Koch kann jeder sehen, was dann passiert: Er wird zum Ausländerfeind und zu einer Gefahr für die Demokratie erklärt. Wann immer Koch darüber spricht, dass auch “Menschen mit Migrationshintergrund” - schon das Wort Ausländer wagt kaum noch ein Politiker in den Mund zu nehmen - sich an die Gesetze dieses Landes zu halten haben, fühlt sich, wie das vielstimmige Wutgeheul zeigt, die ganze deutsche Linke angegriffen.”
Nein, es fühlten sich Menschen angegriffen, die sehr genau spüren, wo das “Ansprechen” sogenannter “Missstände” hinführen kann, zum Glück aber diesmal - anders als 1999 (”Wo kann ich hier gegen Ausländer unterschreiben”) - nicht hingeführt hat. Zum Beispiel türkische Mitglieder der CDU.
“Selbst Gewalttaten wie in der Münchner U-Bahn sind dann nicht vor grotesken Umdeutungen sicher. Denn allzu oft führt die Frage nach den Ursachen solcher Fälle hin zu den Verirrungen einer verblendeten Ausländer- und Einwanderungspolitik”,
…für die im wesentlichen Helmut Kohl verantwortlich ist…
“für die schon das Wort Integration ein faschistischer Begriff war”
…irgendwelche Spinner gibt’s immer, mag schon sein, für diese Spinner kann man aber nicht Menschen in Haftung nehmen, die den legitimen Anspruch haben, Roland Koch abzulösen…
“Koch wirkt über die Grenzen Hessens hinaus als Galions- und also auch Reizfigur eines wertegebundenen Konservativismus, der, obwohl immer noch von großen Teilen des Bürgertums geteilt, kaum noch streitbare Fürsprecher hat.”
Die Missverständnisse des Modewortes Bürgertum sind Legion. Dass ein Mann, der mit den Mitteln moderner Wahlkampftechniken den Strömungen in der Gesellschaft nachspürt und genau das macht, von dem er glaubt, dass es in möglichst weiten Teilen der Gesellschaft gut ankommt – ausgerechnet der soll Bannerträger des Konservatismus sein? Und dann auch noch des “wertegebundenen”?
Um welche Werte handelt es sich hier?
Konservativ, das ist für mich, vor allem wenn man an England denkt, eine durchweg noble Haltung, die über Kampagnen wie die von Roland Koch einfach nur die Nase rümpfen würde.
Und was sagt eigentlich der Koch-Freund und Friedensfürst Dalai Lama zu diesen Werten, die dazu führen, Plakate wie “Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen” zu drucken?
Schlagworte: CDU, Medien, Roland Koch


