Abschied vom Sonderweg

Knapp sechzig Jahre gibt es inzwischen die Bundesrepublik Deutschland. Wie stabil ist sie?

Wir, die Verteter der absoluten Zeitgenossenschaft, wie wir einmal in anderem Zusammenhang genannt wurden, haben ein Problem. Wir sehen die knapp sechzig Jahre, die es die Bundesrepublik gibt, als Beweis genug, dass es sie immer geben wird. Und zwar so: leicht langweilig, eine Weltprovinz, ein wenig ängstlich, aber hochstabil. Acht Bundeskanzler hatten wir in sechzig Jahren und neun Bundestrainer. Da fragen Sie aber mal in Italien nach!

Wir sind Anhänger der, wie der Ökonom sagt, adaptiven Erwartungen: Die Zukunft wird so, wie die Vergangenheit schon war.

Aber, um beim Fussball zu bleiben: Dieses Land mag gut sein im oberen Tabellendrittel, aber wie sieht es im Abstiegskampf aus?
Diese Frage stellt sich angesichts der von Demoskopen und Ökonomen festgestellten Erosion der Mittelschicht. Aus der Geschichte wissen wir, dass Abstiegsangst und tatsächlicher Abstieg dieselben Folgen haben können: Die Mitte bricht weg. Und für Stabilität sorgt niemand in diesem Land. Außer der Mittelschicht.

Im Spiegel steht, dass der Anteil der mittelverdienenden Bevölkerungsschichten von 64 auf 52 Prozent gesunken ist. Wir erfahren seit Monaten, dass die Zustimmung zur Demokratie stabil abnimmt.

Gleichzeitig ist mit Lafontaine ein Politiktypus aufgetaucht, wie es ihn in der alten Bundesrepublik so noch nicht gegeben hat.

Parteipolitische Auseinandersetzungen in repäsentativen Demokratien enthalten ein Paradoxon: Jede Seite tut so, als wäre es theoretisch das Beste, wenn die jeweilige Gegenseite ganz verschwinden würde. Denn man selbst ist im Recht, die anderen stören da nur. Dabei sind die politischen Gegner natürlich auf sich angewiesen: Gegenseitig schärfen sie ihr Profil, nur so kann die politische Dialektik funktionieren.

Mit Oskar Lafontaine ist ein Politikertypus aufgetaucht, der dieses Spiel durchbricht. Er will die SPD tatsächlich vernichten. Er will dieses Land sturmreif schießen.

Die SZ hat zurecht einmal geschrieben, dass Lafontaine mit seiner brutalen Rhetorik, mit seiner Anmutung eines Volksredners in dampfenden Sälen ein Hauch von Weimar umwehe. Dieser Mann hat das politische Spiel wie wir es kannten aufgekündigt. Und er hat damit Erfolg.

Wir sind damit aufgewachsen, dass in der Langweiler-Republik Deutschland alle paar Jahre der Notstand beschworen wurde. Das ging mit den Notstands-Gesetzen los, setzte sich fort mit den Irren der RAF, denen Helmut Schmidt zu Recht entgegensetzte “Wir lassen uns von Ihrem Irrsinn nicht anstecken” und setzte sich fort, eine bereits vergessene Episode, als die Helmut-Kohl-Regierung das Streikrecht ändern wollte.

Wir werden zugebombt mit Extrem-Rhetorik. Ohne An-die-Wand-Malen vom Ende der Demokratie machen es Männer wie Gerhart Baum nicht. Das haben wir wieder bei der Online-Durchsuchung gemerkt.

Bei all der Alarm-Rethorik wird es uns vielleicht nicht mehr auffallen, wenn es wirklich ernst wird. Und wenn die Mittelschicht in alte, fatale deutsche Reflexe zurückfällt mit Lamentieren gegen “Die da oben” und gegen Bonzen, die das deutsche Volk aussaugen, dann ist wirklich Gefahr in Verzuge.

Der Blick der absoluten Zeitgenossenschaft ist also trügerisch. Immer mehr wird einem klar, was für ein Glücksfall und unter welchen unglaublich glücklichen Umständen die Bundesrepublik über Jahre so stabil war. Und gleichzeitig wird einem klar, dass dies vielleicht ein Sonderweg war, von dem in der deutschen Geschichte so gern die Rede ist.

1970 schrieb Richard Löwenthal: Es sei eine fatale deutsche Radikalität, ein fehlerhaftes System, wie es der Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie ist, in Gänze zu verwerfen, anstatt kontinuierlich und in kleinen Schritten an seiner Verbesserung zu arbeiten.

Das schrieb er an die Adresse der Studentenbewegung. Hoffentlich erweist sich seine Befürchtung nicht als relevant fürs gesamte Land.

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