60 Jahre deutsche Neurose

60 Jahre Israel: zwischen Schwärmerei und brüsker Ablehnung. Kurze Geschichte einer Obsession

2003 gab die EU-Kommission eine Umfrage in Auftrag, die nichts anderes ergab, als dass Israel wohl so etwas wie eine Großmacht sein muss. Offensichtlich allerdings nur eine Fernsehgroßmacht, die unablässig den Fernsehkasten vollmacht.
Das kleine Land am Mittelmeer beschäftigt die Deutschen unablässig. Das Wirken der philosemitischen Kitschiers wie Iris Berben und Lea Rosh hat offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung. Längst gibt es eine Paralellwelt der Sonntagsreden mit Vollpfrofis wie Rosh und Berben an der Spitze und dann gibt es eben das: In der zitierten Umfrage kam heraus, dass 65 Prozent der Deutschen sich von Israel bedroht fühlen. 45 Prozent wiederum von den USA.

Wie kann das sein? So ein kleines Land mit sechs Millionen Einwohnern, so groß wie Hessen, von dem man sich unter der Führung von Roland Koch aber eher bedroht fühlen kann als von Israel?

Wiglaf Droste hat einmal völlig zutreffend gesagt, dass viele Deutsche wohl unter Meinungsfreiheit verstünden, endlich wieder etwas gegen Juden und Israel sagen zu dürfen. Und so handelen viele Geschichten zu Israel davon, wie man das bloss anstellen kann.

Bis heute beschäftigt die Deutschen das obsessiv. Selbst Großmeister wie Heribert Prantl lässt das Thema nicht los. Wie es gemacht wird, hat Prantl 2006 gezeigt. Mit dem ältesten aller antisemitischen Tricks, nämlich dem, man dürfe nichts gegen Israel sagen (um es dann ausführlich zu tun).

“Bomben auf Beirut, Krieg im Gaza-Streifen, Hunderttausende auf der Flucht. Welche und wie viel Israel-Kritik ist in diesen Tagen in Deutschland erlaubt?”

Natürlich ist jede Kritik erlaubt. Nur dass Menschen wie Prantl sie sich selbst wohl immer verkneifen (zum Glück), um sich dann irgendwann als heldenhafte Rebellen gegen ihr eigenes Ich zu präsentieren, diesen Kampf für allgemeingültig erklären.

Prantl steht in einer langen Reihe deutscher Israel-Rezeption, die einmal ganz anders angefangen hat. Doch egal, worum es ging: Immer war Israel Projektionsfläche. Reden die Deutschen über Israel, dann reden die Deutschen immer nur über sich selbst.

Bis in die sechziger Jahre hinein gab es in der Bundesrepublik ein schwärmerisches Israel-Bild: Das Land der Pioniere und Kibuzzim, das fand der Deutsche, Erfinder des Gensossenschaftsgedankens, sympathisch.

Militärisch fühlten sich die Deutschen mit ihrer seltsamen Armee (Landser-Schnack: “Die Bundeswehr ist dazu da den Feind aufzuhalten, bis eine richtige Armee kommt”) seltsam angezogen von den Heldentaten einer richtigen Armee: Der israelischen.

So schrieb der Spiegel 1967 begeistert über “Israels Blitzkrieg”: “Mit einer Musterdemonstration stählernen Sodatentums – für die Deutschen seit jeher die imponierendste aller Eigenschaften – schossen sie sich in die Herzen jenes Volkes, in dessen Namen einst alle Juden ausgerottet werden sollten. Ausgerechnet Juden, die deutsche Nazis für feig, faul und verkommen hielten, gewannen im Gegensatz zu den deutschen Herrenmenschen schon zum dritten Mal den Krieg gegen eine erdrückende Übermacht.”

Das war wohl tatsächlich damals so etwas wie eine weitverbreitete Meinung im auslaufenden Wirtschaftswunderdeutschland, das seine militärischen Phantasien aufs Mini-Land am Mittelmeer projezierte.

Diese Projektion gibt es bis heute: So behauptet der Ex-GSG-9-Kommandant Ulrich K. Wegener in einem Vanity Fair-Interview, die Israelische Armee hätte unter anderem die Guerilla-Methoden der SS-Einheit “Brandenburg” studiert und übernommen – was ja wohl für die Qualität der Nazi-Truppe spreche.

(Und es steckt ja auch in solchen und ähnlichen Bemerkungen bösartigerer Geister als Wegener, die Idee, die Nazis und die Israelis würden sich kaum unterscheiden und die Palästinenser die “Juden der Juden”, wie es in den siebziger Jahren in linksterroristischen Kreisen formuliert wurde)

Zeitgleich mit der Israel-Begeisterung, die Ende der Sechziger Jahre/Anfang der Siebziger ihren Höhepunkt erreichte (auch abzulesen zum Beispiel an der Popularität israelischer Künstler wie Abi und Esther Ofraim oder Daliah Lavi), kam ein anderer Ton auf, der, entstanden ganz links heute zum verdrängten, aber untergründig grummelnden Gefühl vieler Deutschen geworden ist.

Die Sympathie für die Pionier- und Kibbutz-Nation Israel wurde von der Idee des edlen Wilden in Form vom unterdrückten Palästinenser (und später dieser wiederum vom Lateinamerikaner und Kurden) abgelöst.

Das “Pali”-Tuch wurde Mode. Der Kommunarde Dieter Konzelmann hatte schon in den sechziger Jahren davon gesprochen, die Deutschen sollten ihren “Judenknacks” überwinden. Er selbst hatte vorgehabt dies zu tun, in dem er eine Bombe im jüdischen Gemeindezentrum von Westberlin platzierte.

So radikal sind die Deutschen nun nicht in ihrer Mehrheit: Doch das mit dem “Judenknacks”, den sie sich selbst attestieren und deren Therapie viele offensichtlich für vordringlich halten – das beschäftigt die Deutschen.

Eine deutsche Neurose. Eine Neurose die zum Beispiel darin besteht, dass kaum ein Land in Deutschland so hart kritisiert wird wie Israel – und dann gleichzeitig behauptet wird, “man darf nichts gegen Israel sagen”.

Eine Neurose, die darin besteht, dass der Großkommentator aus München nur unzureichend verpackt ein paar von den antisemitischen Knallern zünden kann, die jedes antisemitische Feuerwerk erst richtig schön macht. Zum Beispiel: Die Juden schaffen sich durch ihr Verhalten ihre Gegner selbst:

“Derer bedarf man nicht, um Israels Aggression im Libanon zu kritisieren, die sich als Rekrutierungshilfe für die Hizbollah erweisen wird. Man darf, muss es beklagen, dass Israel sich seine Feinde selbst züchtet und zur Verewigung eines mörderischen Konflikts beiträgt.”

Israel Aggression – dabei war es umgekehrt, Israel wurde angegriffen. Nein, natürlich ist Israel selbst schuld.

“Gegen islamistischen Fanatismus hilft israelische Selbstfanatisierung nicht. Und das Recht auf Selbstverteidigung kann nicht dazu führen, internationale Regeln wie den Schutz der Zivilbevölkerung außer Kraft zu setzen.”

Selbstfanatisierung Israels – diese Infamie des Hobby-Psychologen aus München muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Unnötig zu erwähnen, dass Prantl damals Zustimmung erhalten hat. Nein, nicht Zustimmung. Hymnische Zustimmung.

Den Israelis kann das egal sein. Sie sind es gewöhnt.

Anders als die Deutschen, die den ganzen Tag über Israel nachdenken, denken die Israelis nicht den ganzen Tag über Deutschland nach.

Ähnlich verhält es sich mit den Amerikanern, denen Deutschland auch komplett schnuppe ist und die längst eher nach Asien schauen als ins verkorkste Europa.

Die Israelis vertreiben sich die Zeit lieber mit der Entwicklung von Software und der Fortentwicklung von Biotechnologie, ein Gebiet auf dem sie führend sind.

Und wir machen hier einfach noch mal 60 Jahre weiter mit der Frage “Was darf, was muss man gegen Israel sagen dürfen?”

Ohne mich und viel Spass dabei.

Herzlichen Glückwunsch Israel!

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1 Kommentar zu „60 Jahre deutsche Neurose“

  1. Rüdiger Helm sagt:

    Dem Glückwunsch an Israel schließe ich mich gerne an,

    Rüdiger Helm

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