Böller von Möller

Offensichtlich darf man eines nicht sein, um das Naheliegende zu Afghanistan zu sagen: intellektuell

Wenn es um Afghanistan geht, ist es eine vornehme Aufgabe des Journalismus, der Peter-Scholl-Latourisierung Deutschlands entgegenzuwirken.

Der Talkshow-Haudegen müsste das Feindbild aller Linken sein, die zumindest immer vorgaben, Universalisten zu sein: Es gibt nur einen Menschen und der hat bestimmte Rechte – überall.

Stattdessen ist er ihr Freund und Kronzeuge, denn er sagt auch: Raus aus Afghanistan.

Peter Scholl-Latours Erzählungen führen eine anti-universalistische Figur ein, die immer gewinnt: Der mythische Wilde.
Der mythische Wilde ist der dunkle Bruder einer wichtigen romantischen Figur: des edlen Wilden.

Er sitzt in den Bergen Afghanistans. Sobald ein Fremder das Land betritt, nimmt der mythische Wilde die Kalaschnikow, oder früher den Säbel und metzelt alles dahin, was ihm vor die Waffe läuft, denn er hat einen unbändigen Stolz, der ständig verletzt wird und den wir nicht verstehen können.

Der mythische Wilde agiert nicht nach unseren Wertvorstellungen und erst recht will er keine Freiheit, keine Menschenrechte und keine sonstigen Werte die “westlich” sind und aus Scholl-Latours (und übrigens auch aus der Sicht Helmut Schmidts) dort nicht hingehören.

Am mythischen Wilden, einer neuen Variante des Vietcong, zerschellen alle Ideen von universalistischen Werten, denn er lebt zwar auf derselben Erde wie wir, aber im Grunde doch auf einem anderen Planeten.

Wenn es um die unwiderstehliche, archaische Kampfkraft des mythischen Wilden geht, werden immer die gescheiterten Versuche Englands, der Sowjetunion und des Kaiserreichs angeführt, das Land am Hindukusch dauerhaft zu besetzen. Und deshalb würde ebenfalls der aktuelle Versuch scheitern. Der mythische Wilde wird auch die NATO besiegen.

Kein Wort darüber, dass die NATO keine Besatzungsarmee ist. Aber dem mythischen Wilden wird jede Distinktionsfähigkeit abgesprochen. Er kann gut und böse nicht unterscheiden, dafür hat er ein Übermaß an der Ressource Stolz.

Mit dieser Scholl-Latour-Figur des mythischen Wilden (die auch vom Gross-Denker Helmut Schmidt ständig verbreitet wird) hat die ehemals universalistische Linke, die dieses Menschenbild auch vertritt, ihre Bankrotterklärung abgegeben.

Was in Karl-May-Romanen zur Unterhaltung beiträgt, taugt nicht als Politikgrundlage. Denn so ein Menschenbild ist reaktionär.

Natürlich können auch Afghanen unterscheiden zwischen den Sowjets, die einen imperialistischen Eroberungskrieg führten und den Amerikanern, die die Bluttrinker der Taliban aus dem Land geschmissen haben. Wer ihnen diese Unterscheidungsfähigkeit abspricht, ist ein Rassist.

Es sind eher die Nicht-Intellektuellen, die das Richtige tun und sagen: Diese Idee ist zwar selbst schon der reinste Kitsch, aber ich kann nichts dafür, dann ist halt die Realität kitschig.

Der Bodybuilder und Schauspieler Ralf Möller jedenfalls war in Afghanistan und hat etwas getan, was im vulgärpazifistischen Deutschland Hochverrat gleichkommt: Er hat den deutschen Truppen Mut zugesprochen.

In einem Interview mit der Süddeutschen sagte er, was man halt so sagt und was eigentlich nahe liegend ist, wenn Menschen für Andere ihr Leben aufs Spiel setzen:

Möller: “Ich hatte das Gefühl, dass man sich um die Soldaten mal kümmern muss. Unsere Männer und Frauen dort haben einen harten Job und riskieren ihr Leben. Ich will nicht pathetisch klingen, aber es war an der Zeit, mal dorthin zu fahren.”

SZ: Sie sind der erste deutsche Schauspieler, der zu Bundeswehrsoldaten ins Ausland fliegt. Bei den Amerikanern gab es seit dem Zweiten Weltkrieg die Tradition, populäre Entertainer und Filmleute an die Front zu schicken, von Marilyn Monroe und Bob Hope bis zu George Clooney und Julia Roberts.

Möller: So sind die Amerikaner! Die sprechen sich gegenseitig Mut zu, und wenn sie Erfolg haben und dafür gefeiert werden, geben sie etwas zurück an andere.

Das Video, das Möller in Afghanistan beim Ballern und posieren zeigt, und mit dem der Ruhrpott-Mann stilistisch versucht, den Bruce Willis zu machen (der ja auch gern auf Truppenbesuch fährt), ist – gelinde gesagt – sehr fremd für deutsche Sehverhältnisse.

Möller im Tank-Top, Möller beim Ballern und Möller beim Panzerfahren.

Aber vielleicht hat Möller das Verdienst, etwas zu verdeutlichen, über das die deutsche Politik schweigt: Es ist Krieg. Und wir sind dabei. Mit allen Risiken.

Und vielleicht schulden wir den Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan den Kopf hinhalten, doch ein bisschen mehr als die 92,03 Euro zusätzlichen Tagessatz.

Intellektuelle werden die Nase rümpfen. Aber Möller spielt in seinen Filmen nur den mythischen Wilden. Die Linke und Groß-Schreiber wie Scholl-Latour glauben auch an ihn. Keine Frage, wer für mich sympathischer ist.

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