Berliner mit Fahne

In der deutschen Hauptstadt legt Obama den Grundstein für seine Niederlage im Herbst

Wenn die Straße des 17. Juni in Berlin abgesperrt wird, Würstchenbuden, Bierstände und Fernsehleinwände aufgebaut werden, gibt es immer sympathische Verlierer zu feiern.

Verlierer, die für die große Emotion sorgten, von denen man aber immer befürchtete und wusste, dass sie es eigentlich nicht schaffen können.

Zur Abwechslung kam dieses mal nicht die deutsche Fußballnationalmannschaft – diesmal kam Barack Obama, der kommende Präsident der Herzen, der Mann, der im Herbst deutlicher als erwartet die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten verlieren wird.
Obama hat seit dem Auftritt in Berlin alle Elemente zusammen, die man braucht, um in den USA als Zweiter ins Ziel zu gehen:

Richard Gere, ein Mann, der sonst einem buddhistischen Wanderprediger sein Herz schenkt, liebt ihn.

New York, San Francisco, Boston und San Diego liebt ihn.

Und jetzt lieben ihn auch noch 99,75 Prozent aller Deutschen, ein undemokratischer Wert, der uns zutiefst beunruhigen müsste, und den in Deutschland sonst nur Erich Honecker erreichte.

Präsidentschaftskandidaten, die vor allem von Europäern, Hollywood und Liberals geliebt wurden, waren in den USA jedoch immer schon nur für eines gut: eine saftige Niederlage.

Bill Clinton zählt übrigens nicht: Er kam 1992 nur ins Amt, weil der eigentlich zutiefst konservative schräge Vogel Ross Perot George Bush die Stimmen wegnahm.

Das also ist die Regel: wer solche Freunde wie Obama hat, der braucht in Präsidentschaftswahlen keine Feinde mehr.

Das ist übrigens kein amerikanisches Phänomen und es hängt mitnichten mit seiner Hautfarbe zusammen: Die Abneigung des Landes gegen die Stadt, der verlachten Provinz gegen die abgehobene, liberale Metropole, in der man komisch redet, exklusive Hobbies hat und teuer Essen geht, aber sich selbst mit dem Rest der Welt verwechselt – das sind universelle Themen in repräsentativen Demokratien, das ist der Stoff, mit dem auch Helmut Kohl jahrzehntelang Wahlen gewonnen hat.

Obama wäre also in deutschen Kategorien so etwas wie Björn Engholm: ein Frauenschwarm, ein Schöngeist, ein Abgehobener, eine Plaudertasche.

Ich habe im Tiergarten viele Berliner mit Fahne gesehen: besoffen von Obama, Schulle-Bier und sich selbst.

Das gute ist: Das macht nichts. Denn: es war großartig. Es war ein deutsches Happening, das wenig mit amerikanischem Wahlkampf zu tun hat und viel mit einer wunderbaren Wiederentdecktung.-

Schnitt:

Ich bin auch so einer, der für Obama ist. Deshalb tut es mir so weh, dass er evtl. unter Preis im November geschlagen wird und ich hoffe inständigst, dass er doch gewinnt.

Ich habe im Tiergarten ein Phänomen gesehen, von dem ich nicht mehr glaubte, dass es existiert: es gibt einen unangetasteten Kern der deutschen Amerikabegeisterung, die nicht im engeren Sinne mit Politik zu tun hat und doch hochpolitisch ist.

Ich rede von einer Politikdefinition, in der auch Michael Jackson vorkommt.

Wie kommt es, dass Deutsche, vor allem junge Deutsche, die ich eher im Kreuzberg-Milieu und im deutschen Vulgärpazifismus verorten würde, auf 10 Meter hohe Laternenpfähle klettern, um das Star spangled Banner zu hissen? (so geschehen im Tiergarten)

Wie kommt es, dass Tausende mit glücklichen Gesichtern und Fähnchen schwänkend gen untergehender Sonne entschwinden?

Amerika hat uns nicht nur militärisch befreit, Amerika hat uns Lässigkeit und – kein Wunder, dass es für dafür keine deutschen Begriffe gibt – Coolness und Smartness geschenkt.

Zu dieser Coolness gehörte im Wesentlichen eine Körperlichkeit, die den Stechschritt-Deutschen eine ungeheuerliche Befreiung bedeuten musste und die – Antiamerikanismus hin oder her – seitdem nie wieder verschwand aus Deutschland.

Es zieht sich eine Linie vom die Showtreppe runterstolpernden Sinatra, über Elvis the Pelvis bis hin zu Michael Jacksons Moonwalk und Justin Timberlakes lässigen Tanzschritten – Obama hat mit Michael Jordan genauso viel zu tun wie mit der schlacksigen Körpersprache John F. Kennedys.

Auch der weitgehend in Deutschland verachtete Ronnie Reagan hatte eine starke, lässige Körperpräsenz und gehört somit in die Linie.

Von Obama häten wir uns nur Ronnies politische Schlagfertigkeit gewünscht. Was wäre diese Mikrofonprobe für ein Brüller an der Siegessäule gewesen: “Meine Damen und Herren, ich freue mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass in fünf Minuten der Angriff auf Iran beginnt.”

Whatever, wie der Amerikaner sagt: Es war ein grossartiger Tag im Tiergarten. Und ich habe es nicht wirklich fassen können: Für einen Abend wehte über Berlins Mitte das Sternenbanner, geschwenkt von ganz normalen Berlinern, von Leuten, die etwas verstanden haben von Frank Sinatra, John F. Kennedy, Justin Timberlake und Obama.

Es war die wenigstens stundenweise Heilung vom Irrtum des deutschen Antiamerikanismus.

Und für ein paar Stunden konnte ich sogar Helmut Schmidt vergessen:

“Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft”.

An diesem Tag war nur eines: Begeisterung.

To your Service, Mr. President.

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2 Kommentare zu „Berliner mit Fahne“

  1. Fatima sagt:

    Obama ist im Grunde genommen die reale Wiedergeburt von President Palmer aus 24. Wie sonst könnten die Berliner einem amerikanischen Politiker abnehmen, daß er die klimaverseuchenden Fabriken in China schließen und das Schmelzen der Polkappen aufhalten kann?
    Aber wo ist bloß Jack Bauer? Wird der noch in China gefoltert oder wurde er bei der Ortsbegehung in Bethlehem diesmal nach Saudi-Arabien verschleppt?

  2. Nepumuk sagt:

    @Fatima:

    Dachte ich auch zuerst, aber er ist es nicht. David Palmer ist ein Politiker mit Prinzipien, der was riskiert. Das kann man von Obama nun wirklich nicht sagen.

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