Selbstmord, staatlich legitimiert
Ein neuer bürgerlicher Radikalismus: der hysterische Schrei nach staatlicher “Sterbehilfe”
Montag, 10:00. Deutschlandfunk, Sendung “Kontrovers”. Wer wissen will, wie das Mittelschichts-Volk tickt, der muss hier reinhören.
Die Sendung ist schon seit Jahren Ort einer immer unverhohleneren Abneigung, ja eines regelrechten Hasses gegen “die da oben”, die “Politikerkaste”.
Am letzten Montag war das Thema Sterbehilfe dran. Der augenblickliche große Aufreger. Stargast: Roger Kusch.
Allgemeine Stimmung der durchgestellten Hörer: nicht ein einziger wendet sich gegen die von Kusch geforderte Legitimierung der aktiven Sterbehilfe.
Eine Hörerin schreit ins Telefon: “Der Staat darf uns nicht zwingen zu leben!” (so als könnte er das)
Im folgenden rast die Hörerin wie wild und zutiefst aufgebracht durch ein ganzes Bündel an Themen: Ihr behinderter Sohn (”Was macht der, wenn ich mal nicht mehr bin, kommt der ins Heim”), Unmenschlichkiet und Kälte der Welt an sich, ihr schwieriges Leben, das sie sich ganz anders vorgestellt hatte.
Was will sie sagen: Dass ihr behinderter Sohn nach Ihrem Tod in den Genuss aktiver Sterbehilfe kommen soll?
Es ist ein neuer, seltsamer Radikalismus, der eigentlich kreuzbrave Bürger befällt, wenn es auf das Thema kommt.
Wissen sie eigentlich wovon sie reden?
Wie soll ein Gesetz aussehen, das es einem Arzt erlaubt, einen Menschen ins Jenseits zu befördern?
Wie fühlt sich der Moment an, in dem man auf einen Knopf drückt und dadurch einen anderen Menschen tötet?
Ein Staat kann NIEMALS durch Gesetz legitimieren, dass ein Mensch, egal mit welcher Profession, einen anderen zu Tode bringt, egal wie der andere leidet.
Alleine die Vorstellung, wie so ein Gesetz ausgeschrieben lauten würde erzeugt Horror.
“Wenn ein Mensch ohne Hoffnung auf Besserung unheilbar krank ist, dann darf von medzinischem Fachpersonal und nach mehreren Gutachten der Tod herbei geführt werden?”
Es gibt Themen, in denen wird über das eigentliche Thema hinaus in Wahrheit der Stab über die Moderne an sich gebrochen.
Sterbehilfe ist so ein Thema. Auch Tierschutz gehört übrigens zu diesen Symbolthemen.
Und so kommen im Augenblick auch andere Tatbestände der Moderne unter die Räder: Die repräsentative Demokratie, die Marktwirtschaft, der Liberalismus, der keine Lebensentwürfe mehr vorgibt.
Das Thema ist immer dasslebe: der fremdgesteuerte Mensch.
Den Vertretern des Themas Sterbehilfe ist dabei exemplarisch gelungen, wovon PR-Fachleute träumen: Sie haben die Begriffe umgedeutet und sie haben denunziatorische Begriffe in die Welt gesetzt, die einen ganzen Berufsstand unter Generalverdacht stellen, Vollstrecker dieser als von vielen offensichtlich zutiefst unmenschlich empfundenen, von Maschinen regierten Moderne zu sein.
Der Kampfbegriff heisst “Apparatemedizin”. Diese würde aus Machbarkeitswahn Menschen am Leben erhalten, sie ist der aktuelle große Knechter der gequälten Kreatur Mensch.
Wie so oft in hysterisierten Diskussionen, werden extreme medizinische Einzelfälle zu Fragen erklärt, an denen das ganzue Thema entschieden werden soll.
Und der Begriff “Würde”, der ja schon im Namen der Killer-Organisation “Dignitas” enthalten ist, soll jetzt ganz etwas anderes sein.
Unter Würde verstehen Sterbehilfe-Fanatiker wie Kusch jetzt das Recht, “statt sich vor den ICE zu werfen” von barmherzigen Brüdern wie ihm, Dr. Roger Kusch, bzw. unter seiner mithilfe ins Jenseits befördert zu werden.
Es ist die neueste Variante unglaublicher Hybris, zu glauben, dass es möglich wäre einen Menschen so nach seinem allerletzen Willen zu befragen, dass man ihn hinterher mit gutem Recht und ethisch sauber töten könnte.
Oft heisst “Ja” in Wahrheit “Nein”. Oft heisst “Ja” nur, SO könne man nicht weiterleben.
Es widerspricht jeder menschlichen Erfahrung zu bestreiten, dass ein “Ja, ich will sterben” auch aufgrund von Druck enstehen kann.
Eingebildetem oder realem.
Die Oma, die ihren Kindern nicht mehr zu Last fallen will, ist Realität in den Niederlanden.
Dort war die mediale Hochzeit des Themas im Jahr 2005. Damals wurde das sogenannte “Groninger Protokoll” in den Niederlanden landesweit anerkannt. Seither dürfen ÄrztInnen Neugeborene töten, wenn sie “schwer leiden”, als nicht therapierbar gelten und wenn Eltern sowie zwei weitere Ärzte der Tötung zustimmen. Sind die Kriterien erfüllt, wird von einer Strafverfolgung abgesehen. Gemäß Gesetz zur “Überprüfung von Lebensbeendigung auf Verlangen des Patienten und Hilfe bei Selbsttötung” durften juristisch gesehen nur Patienten getötet werden, die mehrmals danach verlangen und als entscheidungsfähig angesehen werden. Die Praxis im Nachbarland sieht anders aus. Die Dunkelziffer dieser ärztlichen Taten wird als hoch eingeschätzt, das Meldeverhalten der MedizinerInnen als gering. Schon offiziellen Untersuchungen zufolge sind jährlich rund 1.000 Menschen ohne Zustimmung getötet worden. Eine Strafverfolgung findet in der Regel dennoch nicht statt.
Gesetze sind gut, hat Ralf Dahrendorf einmal gesagt, denn sie sind wie Spielregeln: diskutiert und gemeinsam beschlossen.
Tabus hingegen sind irrational und von unbekannter Herkunft. Gesetze machen frei, sie geben der menschlichen Entfaltung einen Rahmen. Tabus machen unfrei, so Dahrendorf weiter, “denn sie beschneiden das elementare Recht, Fragen zu stellen”.
Dem möchte man gern zustimmen, nur sind leider Infragestellungen des Selbstverständlichen nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Diese Lehre findet sich schon bei Aristoteles: “Wer sagt, man dürfe auch die eigene Mutter töten, hat nicht Argumente, sondern Zurechtweisung verdient.”
Auf zerstörerische Fragen kann ein Tabu die beste Antwort sein.
Schlagworte: Medien, Sterbehilfe



17. August 2008 um 13:42 Uhr
Das Thema ist ein bisschen komplexer, als es in diesem Beitrag dargestellt wird, und es gibt auch noch andere Personen, die nicht so effektheischend auftreten wie Herr Kusch. Es besteht zum Beispiel ein großer Unterschied zwischen Organisationen wie Dignitas (in Deutschland Dignitate) und Exit. Herr Kusch ist, wenn man so will, ein nichtrepräsentativer und mediengeiler Einzeltäter.
Außerdem erkenne ich im Text mehrere Fehlschlüsse: Man kann weder aus der Übertretung eines Gesetzes schließen, das Gesetz wäre falsch. Noch kann man die Nichtexistenz eines Gesetzes damit begründen, dass es übertreten werden könnte. Es ist einfach so, dass die neuen medizinischen Möglichkeiten auf der einen Seite und ein u.U. geändertes Menschenbild es erfordern, sich auch mit den dadurch entstandenen ethischen Fragen zu beschäftigen und vielleicht auch andere Regelungen als früher zu finden.
Als guter Einstieg in das Thema könnte man den Roman “Schlemm” von Nicola Bardola lesen. Hier wird der gemeinsame Freitod eines alten Ehepaares geschildert. Er ist krank (aber noch nicht todkrank), sie ist vermutlich sogar körperlich ganz gesund. Das Buch zeigt, dass ein schmerzfreier Freitod sogar weitab einer tödlichen Krankheit eine Option darstellt, die zum Leben gehört.
In Deutschland ist über die niederländische Stiftung Wozz (http://www.wozzstiftung.de/) ein Buch bestellbar: “Wege zu einem humanen, selbstbestimmten Sterben”. Außer dem Hauptteil des Buchs, in dem mehrere Möglichkeiten des Freitods beschrieben werden, findet man in den einleitenden und den abschließenden Abschnitten auch eine Begründung, warum die Autoren so etwas für ethisch akzeptabel halten, sowie die rechtliche Situation in den deutschsprachigen Ländern.
18. August 2008 um 17:02 Uhr
sie sollten genauer lesen: es geht darum, dass es unmöglich ist überhaupt ein solches gesetz zu formulieren, nicht daum, dass es übertreten werden könnte.
und da, wo es existiert, in den niederlanden, wird es ja nicht übertreten, die omas und opas lassen sich ja schon im vorauseilenden gehorsam ins jenseits befördern.
21. August 2008 um 10:17 Uhr
Wie auch immer die Sterbehilfe legitimiert werden wird - sie wird kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.