Archiv für November 2008

Klar

Freitag, 28. November 2008

Resozialisierung ist eines der Ziele des deutschen Strafvollzugs. Nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss ein Häftling die Chance sehen jemals wieder auf freien Fuß zu kommen – auch der mit lebenslänglicher Strafe, oder – wie im Fall von Christian Klar – mehrfach lebenslänglicher Strafe.

Von dem Claus Peymann hat der Klar einen Praktikumsplatz und eine Ausbildung zum  Bühnentechniker zugesagt bekommen. Das ist in Ordnung, Claus Peymann macht sich das Ziel des deutschen Strafvollzugs zu eigen: Resozialisierung.

Die Frage ist: Warum ist Peymann nie bei einem – wie soll man sagen – normalen Mörder auf die Idee gekommen, mit Praktikumsplatz und Ausbildung zu winken? Wäre man Zyniker, dann könnte man sagen: Um im Berliner Ensemble zu reüssieren, ist eine Verurteilung wegen achtfachem Mord und elfachem versuchten Mordes nicht hinderlich. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich – aus Sicht des Mörders – um poltische Morde gehandelt hat.

Auf geisterhafte Art taucht man mit Peymann wieder in die Gedankenwelt der siebziger Jahre ein: Peymann gibt deshalb einem Raubmörder keinen Praktikumsplatz, weil der aus purer Habgier gehandelt hat.

Es ist genau diesselbe Diskussion wie in den siebziger Jahren und eigentlich war sie schon mit den Worten Helmut Schhmidts erledigt: “Die Tat von Köln ist Mord. Die Täter sinid Mörder. Ein Mord bei dem behauptet wird, er diene einem politischen Zweck bleibt nichtdestoweniger Mord.” (15.9.1977 im Bundestag)

Keine Frage: Für Peymann ist Klar kein normaler Mörder.

Das Leben eines deutschen Intelektuellen wie Claus Peymann kreist um den Staat. Einerseits ist man traditionell (und das gilt ja für das deutsche Bürgertum in seinen Anfängen, das ja vor allem Beamtentum war insgesamt) auf Hinwendungen des Staates angewiesen und nimmt sie zum Beispiel im Subventionstheater selbstverständlich hin.

Auf der anderen Seite fühlt man sich auf diffuse Art zu Staatsfeinden und schweren Jungs hingezogen. Der radical chic ist immer noch da. Das beginnt bei der Faszination – etwa von Dichtern wie Wolf Wondratschek – für das Boxer und St.-Pauli-Milieu und endet eben mit Claus Peymanns Staatssubventionstheater und dem Staatsfeind Christian Klar.

Man könnte sagen: Was interessiert mich der Peymann. Könnte man. Wäre da nicht der Film “Baader-Meinhof-Komplex”, in den Sozialkundelehrer ihre Klassen gleich reihenweise reinschleppen und der die Botschaft verbreitet: Ja, in dieser Zeit, da konnte man schon aus purer Verzweiflung zum Schnellfeuergewehr greifen.

Konnte man? Die Zumutung eines Peymann liegt nicht nur in diesem ganzen spätexistenziellen Gehabe inklusive der schwarzen Kluft, in der der Mann rumläuft. Die Zumutung liegt darin, dass solange diese Generation da ist, wir immer wieder um denselben Unsinn kreisen werden, dieselben Fehlurteile, dieselben diffusen, unausgesprochenen Faszinationen.

Übrigens: Ich gehe gern ins Berliner Ensemble, auch wenn Christian Klar da den Beleuchter macht und es soll auch subventioniert werden. Sonst wäre mir das zu teuer.

Worte, die ich leider nie gesagt

Donnerstag, 20. November 2008

Ich bin Mitglied in einem Fitnessclub. Bekanntlich sind das keine Orte des Geistes und sie sind keine politischen Orte. Oder eben doch. Ich sah jedenfalls einen Mann mit dem T-Shirt-Spruch: “Don’t panic, I’m islamic.”

Lieber Yussuf, lieber Mustaffa, lieber Ahmed, lieber Tonguc! Ihr denkt Ihr werdet in Deutschland diskrminiert, weil Ihr Muslime seid? Meint Ihr das ehrlich? Das T-Shirt ist witzig, aber es ist ein Gratismut. Keinen interessiert es, ob Ihr Muslime seid. Kann sein, dass sich der Verfassungsschutz für junge Männer interessiert, die im Keller mit Nitroglyzerin experimentieren. Oder für ein paar Jungs, die im pakistanischen Grenzgebiet Urlaub machen. Kann sein. Und wenn diese auch noch Muslime sind, nehmen die das zur Erkenntnis. Muslimsein ist kein Straftatbestand. Mitgliedschaft in einer ausländischen kriminellen Vereinigung hingegen schon. Es gibt keinen Generalverdacht gegen Muslime, im Gegenteil: es gibt ein Gerede von Islamophopie, das schon einsetzt, ehe überhaupt jemand den Zusammenhang zwischen dem Terror der letzen Jahreb und einer wie immer missbrauchten (oder auch nicht missbrauchten) Religion hergestellt hat, den es leider gibt.

Lieber Yussuf, lieber Mustaffa, lieber Ahmed, lieber Tonguc! Ihr tragt das lustige T-Shirt und haltet es für eine Provokation. Irrtum: Ihr dürft in einer liberalsten Gesellschaft leben, die es auf dem Erdball gibt.

Lieber Yussuf, lieber Mustaffa, lieber Ahmed, lieber Tonguc! Um herauszufinden, wo es Probleme mit Religionsfreiheit und Religionsphobien auf diesem Erdball gibt, mache ich Euch einen Vorschlag. Ihr zieht Euch ein T-Shirt über mit der Aufschrift: “Don’t panic, I’m a christian” an. Und damit geht Ihr dann durch Riad/Saudi-Arabien. Allerdings geht ihr nicht lange, denn nach spätestens fünf Minuten wird Euch die Religionspolizei verhaften. In Saudi-Arabien ist, wie im Jemen, wie in Afghanistan kein anderer Glauben erlaubt als der Islamische.

Lieber Yussuf, lieber Mustaffa, lieber Ahmed, lieber Tonguc! Worte, die ich leider nie gesagt. Ich ging dann lieber zur Beinpresse.

Obamas Schicksal

Donnerstag, 13. November 2008

Irgendwann, wenn klar ist, dass Obama doch nicht erst bei Günter Grass nachfragt, wie die Dinge in der Welt zum Besseren zu wenden seien, wenn die Flugzeugträger doch nicht eingemottet und die B-52 doch nicht auf dem Flugzeugfriedhof in Nevada endgelagert sind. Dann, wenn Obama gemerkt hat, dass Ahmadenidschad ihn genauso zu verarschen gedenkt wie die Europäer mittels “kritischem Dialog”, dann also, wenn klar ist, dass der Aiußenpolitiker Obama dem Außenpolitiker Bush mehr gleichen wird als dem Messias Jesus Christus – dann wird in der Süddeutschen oder in der Krankenakte der deutschen antiamerikanischen Neurose, dem Stern, ein Artikel erscheinen mit der Überschrift “Der schlechte Präsident”. Darin wird einer der Großkommentatoren und Dröhnköpfe mit theatralischer Geste dem Phänomen Obama den Garaus machen. Und in bewährter Lautsprecher-Manier wird es eine Spalte lang darum gehen, dass er, der Großkommentator und Dröhnkopf das hier und jetzt sage, was gesagt werden muss, nämlich dass Obama ein schlechter Präsident sei. Und dass erst in dem Moment, in dem das gesagt sei, obwohl nicht weil Obama schwarz sei, das Ende des Rassismus gekommen sei, dank ihm dem Großkommentator und Rebellen, denn nur die Leistung zähle und nicht die Hautfarbe und er, der Großkommentator und Lautspecher wage es das auszusprechen. Er habe das mit Bauchschmerzen getan, aber musste sein.

Die Nation an sich: USA.

Donnerstag, 6. November 2008

Bräuchte man für die USA einen Werbeslogan, so war nach dieser bewegenden, ja berauschenden Wahlnacht klar: Amerika könnte den Slogan von VW abwandeln. So, wie die Autofirma für sich wirbt mit dem Spruch: „Das Auto“, so könnten die USA von sich behaupten: “Die Nation”.
Den Beweis lieferten Millionen Menschen weltweit, die bis nachts die Wahlberichterstattung über ein anderes, ja eigentlich fremdes Land verfolgten, ihren Schlaf opferten und am nächsten Tag müde aber glücklich in ihre Büros wankten. In dieser Nacht waren nicht Wahlen in den USA, sondern, so schien es, Wahlen einer Weltregierung. In dieser Nacht wären viele bereit gewesen in Abwandlung eines Kennedy-Zitates auszurufen: „Ich bin ein Amerikaner.“ Wahlparties in Kenia. Wahlparties in Indien. Wahlparties in Japan und in der ganzen westlichen Welt sowieso: Menschen, die gar nicht mitwählen konnten trugen Anstecker fremder Kandidaten, zählten Wahlmänner, und beschäftigten sich mit der ethnischen und religiösen Färbung bestimmter Landkreise im westlichen Iowa. Sie waren in einem Ausmaß interessiert und schenkten einem Ereignis tausende Kilometer entfernt so viel Aufmerksamkeit und vor allem Begeisterung, wie nur wenigen Dingen in ihren eigenen Ländern.
Und das liegt nicht nur daran, dass die Entscheidung über den Präsidenten auch tatsächlich die ganze Welt betraf, sind doch die USA das einzige Land, dass seine weltweiten Interessen und seinen Führungsanspruch auch durchsetzen kann.
Es liegt daran, dass die ganze Welt sich in einer Weise den USA verbunden fühlt: Amerika ist Rollenmodell – das man entweder vehement ablehnt, oder dem man – wie bei der Wahl Obamas – euphorisch zustimmt
Die Obama-Euphorie und der zum Teil irrationale Bush-Hass sind zwei Seiten einer Medaille: Nein, kalt lassen die USA niemanden. Ein Land als Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste in der Moderne.
Wir haben uns angewöhnt mit Herablassung und ironischen Ton das amerikanische Pathos abzutun – und sind ihm doch erlegen. Wir wollen ihm erliegen, denn so sehr Bush abgelehnt wurde, so unterschwellig war doch die ganze Zeit die Hoffnung auf den „guten“ amerikanischen Anführer, den die Weltbürger nun in Obama gefunden zu haben glauben. Insofern hat die Obama-Euphorie auch etwas seltsam Autoritätsgläubiges, Erlöserfreudiges.
Fest steht: Die Welt will geführt werden. Von Amerika. Wenn das von einem „smart guy“ geführt wird.
Amerika als Speerspitze der Moderne – Neuauflage 2008. Obama eignet sich deshalb so gut als Star eines Weltbürgertums, weil er so ideal die Unübersichtlichkeit, die krummen und schillernden Lebensläufe symbolisieren kann, die in modernen Zeiten normal geworden sind: kenianischer Vater, Mutter aus Kansas, aufgewachsen in Indonesien und Hawai. Obama finden wir gut, weil wir seit Jahren durch Werbung, Popkultur und unserer konkreten Lebensumgebung von Mini-Obamas umgeben sind: in den Musiksendern Viva und MTV oder in der Werbung „United Colors of Benetton“ sehen wir sie: Schwarze, Braune, Halbschwarze, Asiaten, alle Hand in Hand, jegliche Identität, die auf Ethnie beruhen würde weit hinter sich lassend.
Der Unterschied ist nur: Obama wird die United States of America führen. In Deutschland muss man mit den „United colors of Benetton“ als Hoffnungsschimmer Vorlieb nehmen, denn ein deutsches Äquivalent, ein türkischer Minister oder Bundeskanzler gar, ist im Land, das sich selbst für so modern und moralisch erhaben fühlt, dass es die USA unablässig zu belehren müssen glaubt, nicht in Sicht.

Amerika hat etwas Ur-Amerikanisches vollbracht und den Mythos vom “Alles ist möglich” um den Zusatz “auch wenn Du schwarz bist” erweitert. Doch in Deutschland betrachtet man die Wahl Obamas als eine Art Entschuldigung Amerikas bei der Welt, als Umkehr. Amerika wird jetzt so wie wir. Wir sind die guten. Das ist schon deshalb falsch, weil, wie gesagt, ein türkischer Bundeskanzler in Deutschland nicht in Sicht ist.
Das amerikanische Sendungsbewußtsein, die universale Nation, die Nation an sich zu sein, „a city upon a hill“ – die leuchtende Stadt auf dem Hügel, zu der die ganze Welt aufschaut – dieser Anspruch, vor allem in Deutschland als überheblich abgetan – er hat sich in Obama als gültig erwiesen. Millionen Menschen haben mit den Füßen abgestimmt und sind zwar nicht ins Wahllokal aber in die Kneipe gegangen, um wenigstens am Fernsehen die Wahl der Wahlen zu sehen.
Denn: „Die Universal-Nation“, schreibt Amerika-Kenner Josef Joffe in der „Zeit“, hervorgegangen aus hundert Völkern, hatte den idealen Kandidaten geboren.“
„Dies ist unsere Zeit“, hatte Obama immer wieder in seinen pathetischen Reden gesagt. Nur wie lang dauert die Euphorie? Sie könnte schnell verflogen sein. Die Idee, Obama hieße eigentlich Jesus Christus oder Ghandi, würde sofort alle Flugzeugträger einmotten, die B-52-Bomber ins Air-Force-Museum rollen lassen und erst bei Günter Grass nachfragen wie man die Welt zum besseren wendet, ehe er zur Tat schreitet, zeugte vom ewigen deutschen Missverständnis bezüglich Amerika. Obama wird, wenn es darauf ankommt, genau das tun, was auch Bush zu tun dachte: Amerikas Interessen vertreten. Und nur die. So wie jeder Staatschef das tut.

Obama ist eben zu dem Schluss gekommen ist, das Guantanamo nicht amerikanischen Interessen dient. Darum und nur darum will er es schließen. Und nicht, weil er eingesehen hat, dass Hans-Christian Ströbele und die Mehrheit der Deutschen immer schon recht hatten.
Sobald aus dem Symbol Obama der Politiker Obama geworden ist, könnte die Party schnell vorbei sein. Und in Deutschland ganz besonders schnell: Obama wird die Deutschen auffordern, sich stärker im Krieg in Afghanistan zu engagieren. So könnte die träumerische Verehrung für den Mann aus Chicago damit enden, dass die Deutschen brutaler in den Realitäten der Weltpolitik ankommen, als es vielleicht bei McCain, übrigens ein Deutschland-Kenner der Fall gewesen wäre. Doch das interessierte die Wahlpartygänger am 4./5. November nicht. Sie feierten den Weltpräsident Obama – und konnten sich ob im Amerika-Haus in München oder im japanischen Ort Obama selbst ein bisschen als Weltbürger fühlen. Und diese Möglichkeit gibt es ja auch nicht jeden Tag.