Die Nation an sich: USA.
Bräuchte man für die USA einen Werbeslogan, so war nach dieser bewegenden, ja berauschenden Wahlnacht klar: Amerika könnte den Slogan von VW abwandeln. So, wie die Autofirma für sich wirbt mit dem Spruch: „Das Auto“, so könnten die USA von sich behaupten: “Die Nation”.
Den Beweis lieferten Millionen Menschen weltweit, die bis nachts die Wahlberichterstattung über ein anderes, ja eigentlich fremdes Land verfolgten, ihren Schlaf opferten und am nächsten Tag müde aber glücklich in ihre Büros wankten. In dieser Nacht waren nicht Wahlen in den USA, sondern, so schien es, Wahlen einer Weltregierung. In dieser Nacht wären viele bereit gewesen in Abwandlung eines Kennedy-Zitates auszurufen: „Ich bin ein Amerikaner.“ Wahlparties in Kenia. Wahlparties in Indien. Wahlparties in Japan und in der ganzen westlichen Welt sowieso: Menschen, die gar nicht mitwählen konnten trugen Anstecker fremder Kandidaten, zählten Wahlmänner, und beschäftigten sich mit der ethnischen und religiösen Färbung bestimmter Landkreise im westlichen Iowa. Sie waren in einem Ausmaß interessiert und schenkten einem Ereignis tausende Kilometer entfernt so viel Aufmerksamkeit und vor allem Begeisterung, wie nur wenigen Dingen in ihren eigenen Ländern.
Und das liegt nicht nur daran, dass die Entscheidung über den Präsidenten auch tatsächlich die ganze Welt betraf, sind doch die USA das einzige Land, dass seine weltweiten Interessen und seinen Führungsanspruch auch durchsetzen kann.
Es liegt daran, dass die ganze Welt sich in einer Weise den USA verbunden fühlt: Amerika ist Rollenmodell – das man entweder vehement ablehnt, oder dem man – wie bei der Wahl Obamas – euphorisch zustimmt
Die Obama-Euphorie und der zum Teil irrationale Bush-Hass sind zwei Seiten einer Medaille: Nein, kalt lassen die USA niemanden. Ein Land als Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste in der Moderne.
Wir haben uns angewöhnt mit Herablassung und ironischen Ton das amerikanische Pathos abzutun – und sind ihm doch erlegen. Wir wollen ihm erliegen, denn so sehr Bush abgelehnt wurde, so unterschwellig war doch die ganze Zeit die Hoffnung auf den „guten“ amerikanischen Anführer, den die Weltbürger nun in Obama gefunden zu haben glauben. Insofern hat die Obama-Euphorie auch etwas seltsam Autoritätsgläubiges, Erlöserfreudiges.
Fest steht: Die Welt will geführt werden. Von Amerika. Wenn das von einem „smart guy“ geführt wird.
Amerika als Speerspitze der Moderne – Neuauflage 2008. Obama eignet sich deshalb so gut als Star eines Weltbürgertums, weil er so ideal die Unübersichtlichkeit, die krummen und schillernden Lebensläufe symbolisieren kann, die in modernen Zeiten normal geworden sind: kenianischer Vater, Mutter aus Kansas, aufgewachsen in Indonesien und Hawai. Obama finden wir gut, weil wir seit Jahren durch Werbung, Popkultur und unserer konkreten Lebensumgebung von Mini-Obamas umgeben sind: in den Musiksendern Viva und MTV oder in der Werbung „United Colors of Benetton“ sehen wir sie: Schwarze, Braune, Halbschwarze, Asiaten, alle Hand in Hand, jegliche Identität, die auf Ethnie beruhen würde weit hinter sich lassend.
Der Unterschied ist nur: Obama wird die United States of America führen. In Deutschland muss man mit den „United colors of Benetton“ als Hoffnungsschimmer Vorlieb nehmen, denn ein deutsches Äquivalent, ein türkischer Minister oder Bundeskanzler gar, ist im Land, das sich selbst für so modern und moralisch erhaben fühlt, dass es die USA unablässig zu belehren müssen glaubt, nicht in Sicht.
Amerika hat etwas Ur-Amerikanisches vollbracht und den Mythos vom “Alles ist möglich” um den Zusatz “auch wenn Du schwarz bist” erweitert. Doch in Deutschland betrachtet man die Wahl Obamas als eine Art Entschuldigung Amerikas bei der Welt, als Umkehr. Amerika wird jetzt so wie wir. Wir sind die guten. Das ist schon deshalb falsch, weil, wie gesagt, ein türkischer Bundeskanzler in Deutschland nicht in Sicht ist.
Das amerikanische Sendungsbewußtsein, die universale Nation, die Nation an sich zu sein, „a city upon a hill“ – die leuchtende Stadt auf dem Hügel, zu der die ganze Welt aufschaut – dieser Anspruch, vor allem in Deutschland als überheblich abgetan – er hat sich in Obama als gültig erwiesen. Millionen Menschen haben mit den Füßen abgestimmt und sind zwar nicht ins Wahllokal aber in die Kneipe gegangen, um wenigstens am Fernsehen die Wahl der Wahlen zu sehen.
Denn: „Die Universal-Nation“, schreibt Amerika-Kenner Josef Joffe in der „Zeit“, hervorgegangen aus hundert Völkern, hatte den idealen Kandidaten geboren.“
„Dies ist unsere Zeit“, hatte Obama immer wieder in seinen pathetischen Reden gesagt. Nur wie lang dauert die Euphorie? Sie könnte schnell verflogen sein. Die Idee, Obama hieße eigentlich Jesus Christus oder Ghandi, würde sofort alle Flugzeugträger einmotten, die B-52-Bomber ins Air-Force-Museum rollen lassen und erst bei Günter Grass nachfragen wie man die Welt zum besseren wendet, ehe er zur Tat schreitet, zeugte vom ewigen deutschen Missverständnis bezüglich Amerika. Obama wird, wenn es darauf ankommt, genau das tun, was auch Bush zu tun dachte: Amerikas Interessen vertreten. Und nur die. So wie jeder Staatschef das tut.
Obama ist eben zu dem Schluss gekommen ist, das Guantanamo nicht amerikanischen Interessen dient. Darum und nur darum will er es schließen. Und nicht, weil er eingesehen hat, dass Hans-Christian Ströbele und die Mehrheit der Deutschen immer schon recht hatten.
Sobald aus dem Symbol Obama der Politiker Obama geworden ist, könnte die Party schnell vorbei sein. Und in Deutschland ganz besonders schnell: Obama wird die Deutschen auffordern, sich stärker im Krieg in Afghanistan zu engagieren. So könnte die träumerische Verehrung für den Mann aus Chicago damit enden, dass die Deutschen brutaler in den Realitäten der Weltpolitik ankommen, als es vielleicht bei McCain, übrigens ein Deutschland-Kenner der Fall gewesen wäre. Doch das interessierte die Wahlpartygänger am 4./5. November nicht. Sie feierten den Weltpräsident Obama – und konnten sich ob im Amerika-Haus in München oder im japanischen Ort Obama selbst ein bisschen als Weltbürger fühlen. Und diese Möglichkeit gibt es ja auch nicht jeden Tag.



9. November 2008 um 20:42 Uhr
Kleine Korrektur:
Einen “türkischen Bundeskanzler” sollte es nicht geben.
Obama sieht sich als Amerkaner.
Es kann einen Bundeskanzler türkischer Abstammung geben. Der sollte sich aber als Deutscher und nicht als deutschtürkischer Zwitter sehen.
In welcher farblichen Mixtur jemand in der amerikanischen Politik antritt, er präsentiert sich als Amerikaner.
Oder ist weg von Fenster.
Sollte sich so auch bei uns durchsetzen.
10. November 2008 um 13:28 Uhr
recht hat herr hoffmann