Klar
Resozialisierung ist eines der Ziele des deutschen Strafvollzugs. Nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss ein Häftling die Chance sehen jemals wieder auf freien Fuß zu kommen – auch der mit lebenslänglicher Strafe, oder – wie im Fall von Christian Klar – mehrfach lebenslänglicher Strafe.
Von dem Claus Peymann hat der Klar einen Praktikumsplatz und eine Ausbildung zum Bühnentechniker zugesagt bekommen. Das ist in Ordnung, Claus Peymann macht sich das Ziel des deutschen Strafvollzugs zu eigen: Resozialisierung.
Die Frage ist: Warum ist Peymann nie bei einem – wie soll man sagen – normalen Mörder auf die Idee gekommen, mit Praktikumsplatz und Ausbildung zu winken? Wäre man Zyniker, dann könnte man sagen: Um im Berliner Ensemble zu reüssieren, ist eine Verurteilung wegen achtfachem Mord und elfachem versuchten Mordes nicht hinderlich. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich – aus Sicht des Mörders – um poltische Morde gehandelt hat.
Auf geisterhafte Art taucht man mit Peymann wieder in die Gedankenwelt der siebziger Jahre ein: Peymann gibt deshalb einem Raubmörder keinen Praktikumsplatz, weil der aus purer Habgier gehandelt hat.
Es ist genau diesselbe Diskussion wie in den siebziger Jahren und eigentlich war sie schon mit den Worten Helmut Schhmidts erledigt: “Die Tat von Köln ist Mord. Die Täter sinid Mörder. Ein Mord bei dem behauptet wird, er diene einem politischen Zweck bleibt nichtdestoweniger Mord.” (15.9.1977 im Bundestag)
Keine Frage: Für Peymann ist Klar kein normaler Mörder.
Das Leben eines deutschen Intelektuellen wie Claus Peymann kreist um den Staat. Einerseits ist man traditionell (und das gilt ja für das deutsche Bürgertum in seinen Anfängen, das ja vor allem Beamtentum war insgesamt) auf Hinwendungen des Staates angewiesen und nimmt sie zum Beispiel im Subventionstheater selbstverständlich hin.
Auf der anderen Seite fühlt man sich auf diffuse Art zu Staatsfeinden und schweren Jungs hingezogen. Der radical chic ist immer noch da. Das beginnt bei der Faszination – etwa von Dichtern wie Wolf Wondratschek – für das Boxer und St.-Pauli-Milieu und endet eben mit Claus Peymanns Staatssubventionstheater und dem Staatsfeind Christian Klar.
Man könnte sagen: Was interessiert mich der Peymann. Könnte man. Wäre da nicht der Film “Baader-Meinhof-Komplex”, in den Sozialkundelehrer ihre Klassen gleich reihenweise reinschleppen und der die Botschaft verbreitet: Ja, in dieser Zeit, da konnte man schon aus purer Verzweiflung zum Schnellfeuergewehr greifen.
Konnte man? Die Zumutung eines Peymann liegt nicht nur in diesem ganzen spätexistenziellen Gehabe inklusive der schwarzen Kluft, in der der Mann rumläuft. Die Zumutung liegt darin, dass solange diese Generation da ist, wir immer wieder um denselben Unsinn kreisen werden, dieselben Fehlurteile, dieselben diffusen, unausgesprochenen Faszinationen.
Übrigens: Ich gehe gern ins Berliner Ensemble, auch wenn Christian Klar da den Beleuchter macht und es soll auch subventioniert werden. Sonst wäre mir das zu teuer.


