Archiv für Dezember 2008

Die Reise nach Afghanistan (III): Kunduz

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Wir sind in Kunduz – Der Stabsfeldwebel in MES (Bundeswehr-Slang für Massar-e-Sharif) hatte die Stirn gerunzelt. „Da geh ich nicht freiwillig hin“. Zum Glück ist es mit der Freiwilligkeit in der Bundeswehr so eine Sache. Kunduz ist das Wort, in dem sich die neue Bundeswehr, die Angst, die Realität des Krieges, die Verweigerung dessen Anerkennung als solchen, bündelt.
In MES wird verwaltet. In Kunduz wird gestorben.
Ein Soldat zitiert aus dem Film „Full Metal Jacket“: „Ich bin der Priester des Todes“. Das ist gespielt martialisch. So ist keiner hier. Kriegsfilme als Bezugspunkt einer Identitätssuche: Die Bundeswehr hat keine Identität, deshalb wird eine ironisch durchgespielt.
Und wie Deutschland insgesamt sucht sich die Bundeswehr eine negative Identität. Wir wissen zwar nicht, wer wir sind und was das ganze soll: aber so wie die Amerikaner sind wir nicht.
„Die trete einfach die Türen ein, auch zu den Räumen der Frauen, und geben denen sogar die Hand“, sagt ein höherer Soldat. „Sowas machen wir nicht, unsere Stärke ist die interkulturelle Kompetenz.“
Soldat ist ein Beruf. Ausländerbeauftragter ist ein Beruf: In der Bundeswehr verschwimmen beide Genres. Man kann ja dagegen sein. Aber warum sagt in der Bundeswehr so selten jemand das, was uns der Oberstleutnant in MES sagte: „Wir sind Spezialisten im Waffengebrauch.“
Warum sind wir hier? Diese Frage wird mit großer interkultureller Kompetenz beantwortet. In der Bundeswehr-Afghanistan-Truppe gibt es diese Standard-Antwort. Dauernd muss man die über sich ergehen lassen.
„Nach afghanischem Kalender ist es jetzt 15 Jahrhundert. Das dürfen wir nicht vergessen. Und genauso ist das hier. Demokratie? Mit welchem Recht können wir diesen Menschen unsere Gesellschaftsform aufdrängen? Das beste, was wir hier erreichen können ist einigermaßen Stabilität.“

Interkulturelle Kompetenz: das ist in Wahrheit der Tarnname für bestimmte, stereotype Zuschreibungen. Der Afghane, der Araber, der kann keine Demokratie. Aber dargeboten wird das Ganze als westliche Bescheidenheit, als Verständnis für die “andere Kultur”.

Dabei ist es Verrat am afghanischen Volk.

Wenn einer nicht weiß, warum er sich in Lebensgefahr begibt, obwohl doch der Afghane immun ist gegen Freiheit, gegen jedes Bestreben der Emanzipation. Wenn einer nichts weiß von afghanische Frauengruppen, jungen Menschen mit Spaß am Journalismus, die gern die Wahrheit schreiben würden, auch wenn’s einem Clananführer nicht passt – wenn einer sich stattdessen flüchtet in jene sogenannte interkulturelle Kompetenz, die darin besteht dem Afghanen unveränderbare, genetisch festgelegte Primitivität zu unterstellen – dann sollte die Bundeswehr abziehen.
Es ist ein Problem der Politik. Bis heute hat die Politik die Begründung nicht geliefert, Struck hat den ersten und letzten Versuch gemacht, dem Einsatz eine ethisch-rechtliche Grundlage zu geben.
Deutschlands Freiheit (ich denke auch: die afghanische) wird am Hindukusch verteidigt.
Das ist die deutsche, Uelzener Variante von JFK: „As long as one man is enslaved, we all are not free.“
Wir gehen in Kunduz auf „Plattenpatrouile.“
(Ich liefere die fehlenden Texte leider erst Anfang Januar. Guten Rutsch!)

Die Reise nach Afghanistan (II): Masar-I-Sharif

Samstag, 27. Dezember 2008

Wir sind jetzt in Massar. Gestern haben wir in Termez, dem “strategischen Lufttransportstützunkt” sechs Stunden auf die Transall C-160 gewartet. Ein Vier-Sterne-General war zu Besuch, General
Ramms, Nato/Headquarter. Das hat alles ein wenig durcheinandergebracht.
Der Airbus zurueck nach Deutschland hatte auch Verspaetung und dann war
etwas an der Transall kaputt. Wir sind mit dem 61.
Lufttransportgeschwader, Penzing, Bayern geflogen. Der Flug dauert, laut Angabe des Lademeisters 17  Minuten. Handgestoppt. Und: “Die Traransall ist das einzige Flugzeug, das drei Klimazonen hat: Vorne Sauna, wegen der Heizung, mitte gemäßigt bis kühl, hinten, wo die Heizung nicht hinreicht Antarktis.”

Wir haben uns Kotztueten gergiffen, zur grossen Erheiterung der mitfliegenden Jungs,
weil wir dachten, es gaebe die Sturzflug/Landung, den sogenannten
Sarajevo Approoach.

Die Flugzeit nach Masar betraegt 20 Minuten. Gleich geht es nach
Kundus, dem deutschen Vietnam, Flugzeit 40 Minuten. Die Fahnen hier im
Lager haengen seit gestern auf Halbmast. Drei Daenen sind umgekommen
bei Kaempfen im Norden.

“Der Skandinave hat ja so einen Ruf als sanfter Typ”, so ein
Oberstleutnant, “aber die kaempfen richtig. Der Ami, hat den Ruf immer
nur gewalttaetig reinzuklotzen, aber darauf koennen wir Deutsche uns
nicht zurueckziehen. Wir kommunizieren immer, wir wuerden Bruecken
bauen, aber wir sind Spezialisten wir Waffengebrauch, sonst nichts.
Und dann produziert die PR-Abteilung wieder nur DVDs auf denen
brueckenbauende Soldaten zu sehen sind. Das ist Irreführung der Öffentlichkeit.”

Und Spezialisten fuer Waffengebrauch hatten wir auch an Bord. Das war
der Bewachertrupp des Generals. Wieder die Jungs mit den riesigen
Jacken, inzwischen habe ich rausgefunden, wie die heißen, Smock-Jacken, komischen Brillen und schwer bewaffnet.

Das Idealbild des Kaempfers bleibt der Ami. Die Deutschen, die richtig kaempfen sehen
auch so aus oder orientieren sich unbewußt an Amerika. Oder sie sehen aus wie Seebaeren mit Arafattuch, der Bart ist schwer in. Mich erinnert das an die Besatzung im Film “Das Boot”: tiefliegende Augen, Bärte, lakonischer Grundton, Ironisierung der Institution, in der man nunmal – und das freiwillig – angeheuert hat: Der Armee. Das ist die neue, die harte, die “richtige” Bundeswehr. Der eine hatte
ein G-36, der andere eine MP-7.

Landser-Humor: “Die kleben sich ja Batches drauf wie sie wollen”, sagt der
Oberstleutnant. “Ich lass meine Jungs dann machen, ist ja heute
Rueckflug, aber in Deutschland muss das ab. Wir erinnern uns ja noch,
welchen Skandal das gab, als deutsche Soldaten mit einem
Wehrmachtssymbol, der Palme des Afrikacorps erwischt wurden. Ich finde
das laecherlich, wie die sich geben, total uebertrieben”, sagt der
Oberstleutnant, “ich lass die machen, aber in Deutschland muss das
ab.”
“Das sind so Kaempfer-Attitueden, meist geben die sich haerter als sie
sind. Wie wirkt denn das: Die Amis und die Daenen sterben, aber wir
stellen uns am meisten als die harten Hunde hin.

Aufdruck bei einem Soldaten auf dem Arm, zu sehen das Symbol einer
amerikanischen Motorradgang: “Taliban hunters” dadrunter: “Street fighters Kabul”

Im Beach Club, das ist die deutsche Soldaten-Kneipe in Masar gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck: “Universitaet Afghanistan, Auslandssemester”. Zu sehen
ist ein G-36 Sturmgewehr.

Eine meiner Deppen-Fragen zu dem Mann mit dem MP-7: “Wie lange kann man schiessen?” “Kommt drauf an, wie gross das Magazin ist”. “Danke”. “Bitte”.

Manchmal ist die Antwort auch: So lange, wie es das Bundesverfassungsgericht zuläßt?

Mit sehr ruhigem Oberleutnant gesprochen, gehoert zur Schutzkompanie
Kundus. Ueberhaupt keine Keampfer-Attituede, strahlt den Ernst eines
Mannes aus, der weiss wie Gefahr riecht und Respekt vor dem Leben hat.

“Hoffentlich muessen wir nie Close Air support (CAS=Luftunterstuetzung, J.K.) anforden. Fliegt die
Granate 300 Meter neben das Ziel sind 30 Soldaten tot. Fliegt sie
alerdings richtig, dann sind 30 Taliban tot.”

Frage: Will er mehr kaempfen, so wie die Amerikaner, will er zeigen, was er kann? “Ich sag mal so, ein Baecker, der Broetchen backen gelernt hat, der will die auch irgendwann essen.”

Riesen Aufstand, ob wir zur Soldaten Party in den Beach Club duerfen.
Nach der Bieraffaere hat die BW Angst, das Bild der Bundeswehr als
Biertransportfirma koennte sich verfestigen.

Maeneruebrschuss ist gar kein Ausdruck. Ein blonder Stabsfeldwebel (?), natuerlich
Ossi arbeitet in der PR-Abteilung, sie stellen Filme her, die den
Afghanen die NATO und ISAF erklaeren. Und es gibt jetzt eine Kampagne, sozusagen die Imagekampagne zur Foerderung der Identifizierung der Afghanen mit dem eigenen Land: “DU
BIST AFGHANISTAN”. Die wurde mit afghanischen Schauspielern
aufgenommen. Ich sage, das finde ich toll, hoert sich interessant an.
“Dein Pistolenmagazin ist aber leer, sonst kriege ich Angst, Frauen und
Waffen, nicht, dass die Stimmung kippt.” Sie: “Zum Glueck, sonst werde
ich gefaehrlich.”

Gespielt wurde im Beach Club an diesem Abend unter anderem: AC/DC. Begeisterung löst vor Ort das Lied aus: “Wer, wenn nicht wir, wann wenn
nicht jetzt.” Das kannte ich nicht.

Huepfende Soldaten, junge Leute, ja wer will diesen 23 jaehrigen das
verwehren. Ich bin beeindruckt, wie jung die alle sind und ich habe das
Gefuehl, dass dieser ausgelassene Spass, diese Albernheit die andere
Seite einer Medaille ist.

Diese Seite wereden wir heute in
Kundus kennenlernen. Musste im Vergleich an das stilisierte
Existenzialsiten/Getue in Berliner Discos denken.

Ein Mungo oder Dingo Transporter haelt Panzermine von 7 Kilo aus, neulich
wurde ein Sprengsatz von 80 Kilo gezuendet.

“Was sollen wir machen, irgendwann ist schluss mit Panzerung , der Wolf
wiegt ja jetzt schon drei Tonnen”, sagt ein Oberrstleutnant auf meine Frage nach “Kunduz”, ein Wort wie Donnerhal in der Bundeswehr.

“Mit 500 Kilo kriegen sie alles kaputt. Die tasten sich langsam ran”.

Und dann noch die Sache mit dem Alkohol. Das hat in der Bundeswehr eingeschlagen. “Die Amis trinken ja bei uns auch mit, sagt der Oberstleutnant. Und die Italiener. Und die Franzosen uebrigens, die
essen ja immer spaeter, bei denen koennen sie zwischen Rot und
Weisswein waehlen. Also das wird hochgespielt.”

Die Reise nach Afghanistan

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Dann siegt mal schön – Theodor Heuss zu jungen Rekruten

Die Bundeswehr ist dazu da, den Feind aufzuhalten, bis eine richtige Armee kommt – Landserspruch

Die größte Friedensbewegung ist die Bundeswehr – Franz Josef Strauss

Die Bundeswehr ist die Institution, die den größten Wandel im vereinten Deutschland durchgemacht hat. Nicht nur, dass sie eine fremde Armee in sich aufgenommen hat – wirklich spürbar wird die neue außenpolitische Rolle Deutschlands eigentlich nur in der Armee. Der Großteil der deutschen Bevölkerung hält die Bundesrepublik weiterhin für eine politische Oase, die, würde man sich nur aus allem raushalten, mit keinem Konflikt auf der Welt irgendetwas zu tun hätte. Die Weltprovinz Bundesrepublik der 80er wird in diesem Irrglauben einfach fortgeschrieben, als wäre nicht passiert.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan können sich so eine Einstellung nicht leisten – zumindest sind sie hineingeworfen in den derzeitigen Hotspot der globalen Auseinandersetzung zwischen einem neuen Totalitarismus und dem freien Westen. Wer mit ihnen spricht, spürt eine Politisierung, die man sich auch in der Bundesrepublik wünschen würde: Was soll der Einsatz? Helfen wir den Afghanen? Was ist das Ziel? Warum greifen die uns an?

Diese Fragen interessieren allerdings sonst niemanden in einem Land, in dem man das Anhören von Dalai-Lama-Reden für eine politischen Akt hält.

Vom 5. bis 10. Dezember war ich mit der Bundeswehr in Afghanistan unterwegs (Köln-Termez-Massar-I-Scharif-Kunduz). Protokoll eines Truppenbesuchs.

Gestern Abflug in Köln mit dem Luftwaffen-Airbus A 310 Kennung 10+23
von Köln-Wahn. Schon im Flugzeug ist die alte und die neue Bundeswehr
versammelt: Die alte Bundeswehr, die wartet, bis eine richtige Armee
kommt. Das ist die, von der ein Kamerad von der Flugbereitschaft der
Bundeswehr berichtet, der das Essen serviert. Der war bei
einer Raketeneinheit. Um eine Rakete zu verschießen, muss man einen
Wetterballon starten, um die Winde in bestimmten Höhen zu ermitteln.
Die Daten müssen per Kabel (aus Gold) in den Befehlscontainer
übertragen werden. Fährt ein Auto, evtl vom Feind über das Kabel, ist
der Krieg vorzeitig vorbei, dann ist das Kabel kaputt. Das kostet
10.000 Euro. Es gäbe aus Schweden eine drahtlose Verbindung, aber die
darf die Bundeswehr nicht nehmen, weil man Technik aus Deutschland
bevorzugt.
Im selben Flugzeug Männer mit Bärten und unförmigen, riesigen Jacken.
Das sind angeblich die Spezialjacken für Sniper, die haben auf dem Rücken
Taschen, wohl für die Munition. Ist logisch. Das sind die harten
Jungs, oder zumindest geben sie sich so: Sie umarmen sich theatralisch und neigen zur Landserromantik: Im
Flugzeug hat erst mal einer die Mundharmonika rausgeholt und Goodbye
Johnny gespielt. Bei denen hat schon eingesetzt, was man in jeder Armee
im Einsatz beobachten kann: Die kleine, ironische Veränderung der
Uniform, das Durchbrechen der militärischen Ordnung, auch: Das Zitieren
der Insignien des Feindes.
In Vietnam trugen die GIs Peace Buttons. In
Afghanistan tragen deutsche Soldaten graue Arafat-Tücher. Das ist das
Zitieren der örtlichen Folklore.
Jetzt sind wir in Termez. Termez ist der “strategische Lufttransportstützpunkt” der Bundeswehr in Usbekistan. Hausrecht haben trotzdem die Usbeken. Soldaten tragen hier keine Waffen, die Usbeken bewachen das Lager und lassen sich das fürstlich entlohnen. Gegen Usbekistan könnte man einiges sagen. Könnte man. Nur Deutsche werden das nie machen. Denn dann wäre Termez dicht.

Unvergessen die Bilder, als die deutsche Armee 2002 nach Afghanistan aufbrach. Wegen schlechtem Wetter saßen Bundeswehrsoldaten in Termez fest und tranken Mineralwasser. Krieg verschoben wegen schlechtem Wetter: So sieht sie aus, die Armee, die in Teilen der Linken immer noch eines “imperialistischen Eroberungskrieges” geziehen wird.

Gestern gab es live Bayern gegen Hoffenheim.
Bayern hat gewonnen, Wer in Afghanistan gewinnt, weiß man noch nicht.
Das deutsche Vietnam heißt Kunduz - im Rahmen dessen, was sich die
Bundeswehr zumutet.
Seit dem Einsatzbeginn sind 250.000 Soldaten durch den
Afghanistan-Einsatz gegangen. Das sind fast so viele, wie die
Bundeswehr Soldaten hat. Hier entsteht, von der Öffentlichkeit
unbeachtet, eine Generation Afghanistan. Leute, die im Krieg waren,
selbst, wenn sie auf der Stube hocken, kriegen sie Tod und Verwundung
mit und mittels “oral history”, wie der Historiiker das nennt, entstehen die Geschichten, die, tausendfach eingespeist, sich mittels Freunden und Familie über Afghanistan und den Krieg verbreitet.
Wer mit einer Usbekin anbandelt, verliert den Status Ü2, das ist irgendein Geheimnisträger-Status der Nato. Der MAD kriegt das raus. Die Dame in der Kneipe hier im Lager (Area 51) scheint
zu sagen: Nimm mich trotzdem. Blonde Haare, knapper
Rollkragen-Pullover. Bundeswehr-Jungs sind begehrte Männer. Die
verdienen in einem Monat so viel, wie die Usbeken in einem Jahr.
Gleich geht es mit der Transall nach Masar. Das sind 17 Minuten Flug. Mal sehen. wie es da ist.

Das Gegenteil von braun ist nicht bunt

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Bei neonazistischen Umtrieben aller Art ist es nur eine Frage der Zeit, wann in der jeweiligen Stadt Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy eine Demonstration organisiert wird, bei der unter dem Motto “Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy bleibt bunt” Menschen durch die Straßen ziehen um gegen das Geschehene zu demonstrieren.

Zumeist sind die Städte, in denen das stattfindet aber gar nicht “bunt”, in dem Sinne, wie die Demonstranten sich das vorstellen. Wahrscheinlich hat Delmenhorst kein afrikanisches Kulturzentrum, keinen Hindu-Tempel und kein Hundertwasser-Haus. Und: Dürfen graue Städte nicht gegen die NPD demonstrieren? Was ist überhaupt so schlimm an grau?

Gesäumt werden solche Demonstrationen, die meistens das ganze Arsenal Kirchentags und Szeneviertel-erprobten Kitsches auffahren (Kinder mit selbstgemalten Plakaten, Trommler, weiße Bürgerkinder mit Dreadlocks) ja eben von zumeist grauen Bürgern, die alles sind, nur nicht in diesem Sinne “bunt”.

Die Idee, dass “bunt”, alternativ benutzt: Vielfalt, das Gegenteil von braun, also einer totalitären neonationalsozialistischen Ordnung sei, hat sich durchgesetzt. Und bei allem guten Willen und Engagement, das hinter solchen Demonstrationen steckt, so zeugt die ganze Idee doch von Naivität und eben nicht Wehrhaftigkeit gegen die neonazistische Gefahr.

“Bunt” in diesem Sinne ist nicht nur nicht Vielfalt – man denke nur an sogenannte “bunte” Stadtteile wie das Hamburger Schanzenviertel, in dem ja in Wahrheit eine extreme Vereinheitlichung der Lebensstile vorzufinden ist, “bunt” in diesem Sinne ist eine Ansammlung diverser Kitschvorstellungen aus 30 Jahren Alternativbewegung. In dieser Welt hat der Fremde eben vornehmlich die Aufgabe “bunt” zu sein, er muss für Folkore sorgen, sein Anderssein wird in Stellung gebracht gegen den angeblich grauen Alltag. Das “Bunte” soll in Wahrheit dem Unterhaltungsbedürfnis eines bestimmten Milieus dienen, das in sich – wie gesagt – wiederum allles andere als vielfältig ist.

Man sieht das an dem Berliner Sender “Multikulti”. Der hat die übliche Hitparade ersetzt mit einer – “bunten”? – neuartigen Hitliste, in der ausschließlich afrikanische Trommeln, arabische Lauten oder kirgisische Pfeifen zu Gehör gebracht werden. Eine Monokultur, die aber angeblich gesellschaftlich wertvoll ist, weil sie einer als unerträglichen empfundenen anderen Monokultur Paroli bietet.

Das Gegenteil von braun ist aber nicht bunt. Man bekämpft eine totalitäre Bewegung nicht mit der kitschigen Idee einer Folklore-Gesellschaft, der nur wenige in bestimmten großstädtischen Milieus als Hobby anhängen. Denn die nazistische Gefahr ist in erster Linie eine antibürgerliche Bewegung, das war sie schon in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Das Gegenteil von braun heißt also: bürgerlich. Denn die totalitäre braune Gefahr würde zwar, setzte sie sich durch, tatsächlich die “bunten” Folklore-Vorlieben eines ganz bestimmten Milieus ein Ende setzen.

Aber in Wahrheit ist die ganze Palette bestimmter Milieu-Lebensweisen Frucht bürgerlicher Freiheit. Der Begriff Bürgerlichkeit ist der eigentliche Gegenbegriff zur neonazistischen Gefahr. Dennoch genießt er in den Milieus, die sich gegen Nazis wehren keinen unzweifelhaften Ruf. Vielleicht ist er sogar genau das Graue, wogegen sich das “Bunte” auch nebenbei richten soll.

Dabei reichen schlichte bürgerliche Standards um braune Umtriebe verhindern. Die und nur die. Die Idee der Bürgerlichkeit enthält bereits alle Ideen, die Nazis verhindern würden. Bürgerlichkeit enthält die Idee, dass man sich nicht gegenseitig totschlägt. Bürgerlichkeit bedeutet Gesetzestreue. Bürgerlichkeit akzeptiert auch den anderen als Bürger, wenn er sich an diese Gesetze hält, völlig unbesehen von der Hautfarbe oder des Lebensstils.

Es geht also immer noch darum, in Teilen Deutschlands bürgerliche Standards durchzusetzen, sie neu durchzusetzen, oder, wie in Passau, an sie zu erinnern.

Wer mit der Idee, bunte Folklore sei das Gegenmittel gegen Neonazis auf die Straße geht, verniedlicht in Wahrheit die Auseinandersetzung zu einer der verschiedenen Lebensstile, die sich halt gegenseitg nicht ausstehen können.

Dabei gibt es eigentlich keinen besseren Schlachtruf gegen Neonazis als bürgerliche Werte, wie sie in unserer Nationalhymmne zitiert sind: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Nazis sind gegen das Recht. Sie sind gegen die Freiheit.

Und wenn man gegen sie vorgehen will, ist eigentlich weniger die Vielfalt die Vokabel der Stunde – sondern die Einheit der Bürger.

Mogadischu

Montag, 1. Dezember 2008

Die Bundesrepublik in ihrer Hochzeit war eine etwas langweilige Weltprovinz, wohlhabend aber ideenarm, der Nachkriegszeit entwachsen und doch kein selbstständiger Spieler auf der Weltbühne, post-national und voll materiell, eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit 30 Tagen Urlaubsanspruch. Diese Bundesrepublik, sympathisch und harmlos saß in der “Landshut”.

Es ist ein Verdienst des Films “Mogadischu”, das er mehr erzählt als die Entführung eines Flugzeugs. Tatsächlich wird vom für die Passagiere völlig unerwarteten Hereinbrechen des Terrors in diese liberalisierte Mittelschichtsgesellschaft erzählt. Der Terror bleibt rätselhaft. Aber es ist der reine Terror, der hier gezeigt wird, nicht der Terror als bedauerliche Entgleisung von Idealisten, so wie er bisher in der herrschenden RAF-Erzählung dargestellt wird. 30 Jahre hat es gedauert um Terror als Terror zu zeigen. Ohne Radical-Chic-Anwandlungen.

Deutsche machen sich gern lustig über die amerikanische Naivität. Die Tendenz von gut und böse zu sprechen und beides zu unterscheiden, “good” und “evil”.

Erst in dem die Begebenheiten in der “Landshut” zu einem Film dramatisiert wurde, hat Deutschland jetzt eine Geschichte geschenkt bekommen, mit der man genau das kann: Man kann sich wiederfinden in einer Geschichte von Gut und Böse. Nichts, aber auch gar nichts bleibt hier übrig vom Mythos des doch irgendwie provozierten Terrors, von der Gesellschaft, die irgendwie Mitschuld war am Terror, der dann eben naturgemäß aus ihren Reihen kam.

Söldner, die auf dem längst zur Farce gewordenen Palästina-Ticket zum Terroreinsatz auf Schicht fahren quälen Menschen und werden schließlich von einer Demokratie, die sich erst in dieser historischen Stunde als wirklich wehrhaft erweist (eine Lektion, die wir heute ganz besonders beherzigen sollten) völlig zurecht ins Jenseits geschickt.

Gut gegen Böse. Sonst nichts.

In der anschließenden Diskussion trat der notorische Gerhart Rudolf Baum wieder mal als ewiger selbstquälerischer reuiger Sünder (”Der Staat hat übereagiert”) gegen zwei Menschen an, die es besser wissen: Jürgen Vietor, Co-Pilot war dabei in der Terror-Röhre Landshut. So jemand darf sagen, auch wenn er es nicht so ausdrücken kann oder will (”Todesstrafe!”), dass es eben ein Rechtsstaat-Dilemma gibt: Die Opfer des Terrors sind tot. Die Angehörigen leiden ein Leben lang. Die Täter werden nach und nach entlassen. Das ist ungerecht und kann mit irdischen Mitteln, wie dem Rechtstaat nicht aufgehoben werden.

Stichwort Baum. Die Baum-Schule, zu ihr muss man auch Terror-Erfrorscher wie Aust rechnen besteht, so auch gestern Abend auf weitschweifige Ausführungen über die Genese des Terrors: Rudi, Ulrike, “konkret”, Auflösung der Studentenbewegung, Kaufhausbrand-Pro…

Bis zum Erbrechen hat man das gehört, ohne je zu verstehen: Warum?

Bis heute will die Baum-Schule nicht verstehen, dass man nicht hinter allem, was Menschen tun, Motive zu erforschen hat, nur weil die Dinge getan wurden, gibt es dafür keine Begründung.

Und viel wichtiger: In der Endlos-Schleife der Beschäftigung mit Tätern steckt die Verhöhnung der Opfer.

Es bleibt ein Rätsel, warum Menschen auf die Idee kommen, in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern in einer der liberalsten Gesellschaften der Welt, Menschen umzunieten.

Das Wort Wahn sollte jedenfalls öfter fallen in diesem Zusammenhang als das Wort “Konsumgesellschaft” oder “Vietnam”. Das Wort “Wahn” ist unterrepräsentiert in diesem Zusammenhang.

“Wir lassen uns von ihrem Wahnsinn nicht anstecken”, hat Helmut Schmidt damals gesagt. Und er hat Wort gehalten, auch wenn Gerhart Rudolf Baum, die letzte Geisel der RAF, der bis heute nur die Endlos-Schleife “Was wollte Ulrike uns sagen” vorzutragen weiß, das den Rest seines Lebens nicht kapieren wird.

Keiner hat überreagiert. Der Staat hatte recht. Und das konnte man schon damals alles wissen. Der Staat hat nichts falsch gemacht.

Den Rest hat Ulrich K. Wegener erledigt. Auch das ein Unwort, aber Ulrich K. Wegener ist ein deutscher Held.

Mit dem Film “Mogadischu” hat sich die Bundesrepublik eine große Erzählung geschenkt, ein Selbstportrait. Es zeigt, dass die Bundesrepublik sich im entscheidenden Moment dann doch zu wehren wußte.

Und die Baum-Schule mit dem Dreiklag Rudi-Ulrike-RAF musste gestern wenigstens mal für 105 Minuten schweigen.