Das Gegenteil von braun ist nicht bunt
Bei neonazistischen Umtrieben aller Art ist es nur eine Frage der Zeit, wann in der jeweiligen Stadt Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy eine Demonstration organisiert wird, bei der unter dem Motto “Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy bleibt bunt” Menschen durch die Straßen ziehen um gegen das Geschehene zu demonstrieren.
Zumeist sind die Städte, in denen das stattfindet aber gar nicht “bunt”, in dem Sinne, wie die Demonstranten sich das vorstellen. Wahrscheinlich hat Delmenhorst kein afrikanisches Kulturzentrum, keinen Hindu-Tempel und kein Hundertwasser-Haus. Und: Dürfen graue Städte nicht gegen die NPD demonstrieren? Was ist überhaupt so schlimm an grau?
Gesäumt werden solche Demonstrationen, die meistens das ganze Arsenal Kirchentags und Szeneviertel-erprobten Kitsches auffahren (Kinder mit selbstgemalten Plakaten, Trommler, weiße Bürgerkinder mit Dreadlocks) ja eben von zumeist grauen Bürgern, die alles sind, nur nicht in diesem Sinne “bunt”.
Die Idee, dass “bunt”, alternativ benutzt: Vielfalt, das Gegenteil von braun, also einer totalitären neonationalsozialistischen Ordnung sei, hat sich durchgesetzt. Und bei allem guten Willen und Engagement, das hinter solchen Demonstrationen steckt, so zeugt die ganze Idee doch von Naivität und eben nicht Wehrhaftigkeit gegen die neonazistische Gefahr.
“Bunt” in diesem Sinne ist nicht nur nicht Vielfalt – man denke nur an sogenannte “bunte” Stadtteile wie das Hamburger Schanzenviertel, in dem ja in Wahrheit eine extreme Vereinheitlichung der Lebensstile vorzufinden ist, “bunt” in diesem Sinne ist eine Ansammlung diverser Kitschvorstellungen aus 30 Jahren Alternativbewegung. In dieser Welt hat der Fremde eben vornehmlich die Aufgabe “bunt” zu sein, er muss für Folkore sorgen, sein Anderssein wird in Stellung gebracht gegen den angeblich grauen Alltag. Das “Bunte” soll in Wahrheit dem Unterhaltungsbedürfnis eines bestimmten Milieus dienen, das in sich – wie gesagt – wiederum allles andere als vielfältig ist.
Man sieht das an dem Berliner Sender “Multikulti”. Der hat die übliche Hitparade ersetzt mit einer – “bunten”? – neuartigen Hitliste, in der ausschließlich afrikanische Trommeln, arabische Lauten oder kirgisische Pfeifen zu Gehör gebracht werden. Eine Monokultur, die aber angeblich gesellschaftlich wertvoll ist, weil sie einer als unerträglichen empfundenen anderen Monokultur Paroli bietet.
Das Gegenteil von braun ist aber nicht bunt. Man bekämpft eine totalitäre Bewegung nicht mit der kitschigen Idee einer Folklore-Gesellschaft, der nur wenige in bestimmten großstädtischen Milieus als Hobby anhängen. Denn die nazistische Gefahr ist in erster Linie eine antibürgerliche Bewegung, das war sie schon in den zwanziger und dreißiger Jahren.
Das Gegenteil von braun heißt also: bürgerlich. Denn die totalitäre braune Gefahr würde zwar, setzte sie sich durch, tatsächlich die “bunten” Folklore-Vorlieben eines ganz bestimmten Milieus ein Ende setzen.
Aber in Wahrheit ist die ganze Palette bestimmter Milieu-Lebensweisen Frucht bürgerlicher Freiheit. Der Begriff Bürgerlichkeit ist der eigentliche Gegenbegriff zur neonazistischen Gefahr. Dennoch genießt er in den Milieus, die sich gegen Nazis wehren keinen unzweifelhaften Ruf. Vielleicht ist er sogar genau das Graue, wogegen sich das “Bunte” auch nebenbei richten soll.
Dabei reichen schlichte bürgerliche Standards um braune Umtriebe verhindern. Die und nur die. Die Idee der Bürgerlichkeit enthält bereits alle Ideen, die Nazis verhindern würden. Bürgerlichkeit enthält die Idee, dass man sich nicht gegenseitig totschlägt. Bürgerlichkeit bedeutet Gesetzestreue. Bürgerlichkeit akzeptiert auch den anderen als Bürger, wenn er sich an diese Gesetze hält, völlig unbesehen von der Hautfarbe oder des Lebensstils.
Es geht also immer noch darum, in Teilen Deutschlands bürgerliche Standards durchzusetzen, sie neu durchzusetzen, oder, wie in Passau, an sie zu erinnern.
Wer mit der Idee, bunte Folklore sei das Gegenmittel gegen Neonazis auf die Straße geht, verniedlicht in Wahrheit die Auseinandersetzung zu einer der verschiedenen Lebensstile, die sich halt gegenseitg nicht ausstehen können.
Dabei gibt es eigentlich keinen besseren Schlachtruf gegen Neonazis als bürgerliche Werte, wie sie in unserer Nationalhymmne zitiert sind: Einigkeit und Recht und Freiheit.
Nazis sind gegen das Recht. Sie sind gegen die Freiheit.
Und wenn man gegen sie vorgehen will, ist eigentlich weniger die Vielfalt die Vokabel der Stunde – sondern die Einheit der Bürger.



18. Dezember 2008 um 12:17 Uhr
Das Beste, was ich seit langem zum Kampf-gegen-Rechts-Thema gelesen habe.
Als die Bundesgeschäftsstelle der JN in Bernburg öffnete, veranstaltete das Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Rechtsextremismus und Gewalt eine Demo, bei der ein Fass mit Saalewasser gefüllt wurde, nach dem Motto:”Das Fass ist voll!”
(http://archiv.mz-web.de/pasmz/articleShow.do?id=HC-03-12-2008-0820004AD6E7)
Jetzt kommt auch noch die Landesgeschäftsstelle der NPD nach Bernburg und wie wird darauf reagiert?
“Wenn am kommenden Freitag, dem 19. Dezember, ab 15.30 Uhr auf dem Bernburger Markt “Bunte Weihnachten!” gefeiert wird, gibt es Plätzchen und Musik. Nur Geschenkband müssen die Teilnehmer selbst mitbringen”…”Aus den vielen, kleinen Bändern können wir ein langes, buntes Band knüpfen als Zeichen für unser Bündnis und als Abgrenzung zu denen, die uns schaden wollen”
(http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1228807340745&calledPageId=987490165154)
Diese Gutfühlaktionen finde ich zum Kotzen! Der Kampf gegen Rechts sollte mit Aufklärung, Bildung und Vermittlung von Werten geführt werden.
21. Dezember 2008 um 00:51 Uhr
Ja Herr Jost! Kultur statt Kitsch, Bildung statt Verblödung! Anstatt weinerlichem Kirchentagsgerede und repressivem Toleranzgetue, oft in der Tat einfach kopfstehender Rassismus, sind die Werte der Aufklärung gefragt und der Mut die bürgerliche Normalität zu verteidigen durch welche dieser ganzen Zirkus letztendlich subventioniert wird.
Ihr Artikel und dieser hier:
http://moreintelligentlife.com/story/age-mass-intelligence
haben mir den Tag verschönert!
Danke!
Mel
18. Oktober 2011 um 08:08 Uhr
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