Die Reise nach Afghanistan (II): Masar-I-Sharif

Wir sind jetzt in Massar. Gestern haben wir in Termez, dem “strategischen Lufttransportstützunkt” sechs Stunden auf die Transall C-160 gewartet. Ein Vier-Sterne-General war zu Besuch, General
Ramms, Nato/Headquarter. Das hat alles ein wenig durcheinandergebracht.
Der Airbus zurueck nach Deutschland hatte auch Verspaetung und dann war
etwas an der Transall kaputt. Wir sind mit dem 61.
Lufttransportgeschwader, Penzing, Bayern geflogen. Der Flug dauert, laut Angabe des Lademeisters 17  Minuten. Handgestoppt. Und: “Die Traransall ist das einzige Flugzeug, das drei Klimazonen hat: Vorne Sauna, wegen der Heizung, mitte gemäßigt bis kühl, hinten, wo die Heizung nicht hinreicht Antarktis.”

Wir haben uns Kotztueten gergiffen, zur grossen Erheiterung der mitfliegenden Jungs,
weil wir dachten, es gaebe die Sturzflug/Landung, den sogenannten
Sarajevo Approoach.

Die Flugzeit nach Masar betraegt 20 Minuten. Gleich geht es nach
Kundus, dem deutschen Vietnam, Flugzeit 40 Minuten. Die Fahnen hier im
Lager haengen seit gestern auf Halbmast. Drei Daenen sind umgekommen
bei Kaempfen im Norden.

“Der Skandinave hat ja so einen Ruf als sanfter Typ”, so ein
Oberstleutnant, “aber die kaempfen richtig. Der Ami, hat den Ruf immer
nur gewalttaetig reinzuklotzen, aber darauf koennen wir Deutsche uns
nicht zurueckziehen. Wir kommunizieren immer, wir wuerden Bruecken
bauen, aber wir sind Spezialisten wir Waffengebrauch, sonst nichts.
Und dann produziert die PR-Abteilung wieder nur DVDs auf denen
brueckenbauende Soldaten zu sehen sind. Das ist Irreführung der Öffentlichkeit.”

Und Spezialisten fuer Waffengebrauch hatten wir auch an Bord. Das war
der Bewachertrupp des Generals. Wieder die Jungs mit den riesigen
Jacken, inzwischen habe ich rausgefunden, wie die heißen, Smock-Jacken, komischen Brillen und schwer bewaffnet.

Das Idealbild des Kaempfers bleibt der Ami. Die Deutschen, die richtig kaempfen sehen
auch so aus oder orientieren sich unbewußt an Amerika. Oder sie sehen aus wie Seebaeren mit Arafattuch, der Bart ist schwer in. Mich erinnert das an die Besatzung im Film “Das Boot”: tiefliegende Augen, Bärte, lakonischer Grundton, Ironisierung der Institution, in der man nunmal – und das freiwillig – angeheuert hat: Der Armee. Das ist die neue, die harte, die “richtige” Bundeswehr. Der eine hatte
ein G-36, der andere eine MP-7.

Landser-Humor: “Die kleben sich ja Batches drauf wie sie wollen”, sagt der
Oberstleutnant. “Ich lass meine Jungs dann machen, ist ja heute
Rueckflug, aber in Deutschland muss das ab. Wir erinnern uns ja noch,
welchen Skandal das gab, als deutsche Soldaten mit einem
Wehrmachtssymbol, der Palme des Afrikacorps erwischt wurden. Ich finde
das laecherlich, wie die sich geben, total uebertrieben”, sagt der
Oberstleutnant, “ich lass die machen, aber in Deutschland muss das
ab.”
“Das sind so Kaempfer-Attitueden, meist geben die sich haerter als sie
sind. Wie wirkt denn das: Die Amis und die Daenen sterben, aber wir
stellen uns am meisten als die harten Hunde hin.

Aufdruck bei einem Soldaten auf dem Arm, zu sehen das Symbol einer
amerikanischen Motorradgang: “Taliban hunters” dadrunter: “Street fighters Kabul”

Im Beach Club, das ist die deutsche Soldaten-Kneipe in Masar gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck: “Universitaet Afghanistan, Auslandssemester”. Zu sehen
ist ein G-36 Sturmgewehr.

Eine meiner Deppen-Fragen zu dem Mann mit dem MP-7: “Wie lange kann man schiessen?” “Kommt drauf an, wie gross das Magazin ist”. “Danke”. “Bitte”.

Manchmal ist die Antwort auch: So lange, wie es das Bundesverfassungsgericht zuläßt?

Mit sehr ruhigem Oberleutnant gesprochen, gehoert zur Schutzkompanie
Kundus. Ueberhaupt keine Keampfer-Attituede, strahlt den Ernst eines
Mannes aus, der weiss wie Gefahr riecht und Respekt vor dem Leben hat.

“Hoffentlich muessen wir nie Close Air support (CAS=Luftunterstuetzung, J.K.) anforden. Fliegt die
Granate 300 Meter neben das Ziel sind 30 Soldaten tot. Fliegt sie
alerdings richtig, dann sind 30 Taliban tot.”

Frage: Will er mehr kaempfen, so wie die Amerikaner, will er zeigen, was er kann? “Ich sag mal so, ein Baecker, der Broetchen backen gelernt hat, der will die auch irgendwann essen.”

Riesen Aufstand, ob wir zur Soldaten Party in den Beach Club duerfen.
Nach der Bieraffaere hat die BW Angst, das Bild der Bundeswehr als
Biertransportfirma koennte sich verfestigen.

Maeneruebrschuss ist gar kein Ausdruck. Ein blonder Stabsfeldwebel (?), natuerlich
Ossi arbeitet in der PR-Abteilung, sie stellen Filme her, die den
Afghanen die NATO und ISAF erklaeren. Und es gibt jetzt eine Kampagne, sozusagen die Imagekampagne zur Foerderung der Identifizierung der Afghanen mit dem eigenen Land: “DU
BIST AFGHANISTAN”. Die wurde mit afghanischen Schauspielern
aufgenommen. Ich sage, das finde ich toll, hoert sich interessant an.
“Dein Pistolenmagazin ist aber leer, sonst kriege ich Angst, Frauen und
Waffen, nicht, dass die Stimmung kippt.” Sie: “Zum Glueck, sonst werde
ich gefaehrlich.”

Gespielt wurde im Beach Club an diesem Abend unter anderem: AC/DC. Begeisterung löst vor Ort das Lied aus: “Wer, wenn nicht wir, wann wenn
nicht jetzt.” Das kannte ich nicht.

Huepfende Soldaten, junge Leute, ja wer will diesen 23 jaehrigen das
verwehren. Ich bin beeindruckt, wie jung die alle sind und ich habe das
Gefuehl, dass dieser ausgelassene Spass, diese Albernheit die andere
Seite einer Medaille ist.

Diese Seite wereden wir heute in
Kundus kennenlernen. Musste im Vergleich an das stilisierte
Existenzialsiten/Getue in Berliner Discos denken.

Ein Mungo oder Dingo Transporter haelt Panzermine von 7 Kilo aus, neulich
wurde ein Sprengsatz von 80 Kilo gezuendet.

“Was sollen wir machen, irgendwann ist schluss mit Panzerung , der Wolf
wiegt ja jetzt schon drei Tonnen”, sagt ein Oberrstleutnant auf meine Frage nach “Kunduz”, ein Wort wie Donnerhal in der Bundeswehr.

“Mit 500 Kilo kriegen sie alles kaputt. Die tasten sich langsam ran”.

Und dann noch die Sache mit dem Alkohol. Das hat in der Bundeswehr eingeschlagen. “Die Amis trinken ja bei uns auch mit, sagt der Oberstleutnant. Und die Italiener. Und die Franzosen uebrigens, die
essen ja immer spaeter, bei denen koennen sie zwischen Rot und
Weisswein waehlen. Also das wird hochgespielt.”

1 Kommentar zu „Die Reise nach Afghanistan (II): Masar-I-Sharif“

  1. giovanni sagt:

    wie immer passieren manche dingen wenn man sie weniger erwartet….bin zufälliger weise auf dein blog gestolpert da ich nach “jacken” (mein hobby) gesucht habe und bin hier gelandet, obwohl jacken ist in deinem Eintrag nicht das wichtigste….:-)

    und bin begeistert. ich dachte im ernsten moment du sei selber offizier oder soldat oder so. dann habe ich verstanden du bist journalist.

    genialen eintrag, der wirklich das wiederspiegelt was da so läuft.
    bist du immer noch da?

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