Die Reise nach Afghanistan (III): Kunduz
Wir sind in Kunduz – Der Stabsfeldwebel in MES (Bundeswehr-Slang für Massar-e-Sharif) hatte die Stirn gerunzelt. „Da geh ich nicht freiwillig hin“. Zum Glück ist es mit der Freiwilligkeit in der Bundeswehr so eine Sache. Kunduz ist das Wort, in dem sich die neue Bundeswehr, die Angst, die Realität des Krieges, die Verweigerung dessen Anerkennung als solchen, bündelt.
In MES wird verwaltet. In Kunduz wird gestorben.
Ein Soldat zitiert aus dem Film „Full Metal Jacket“: „Ich bin der Priester des Todes“. Das ist gespielt martialisch. So ist keiner hier. Kriegsfilme als Bezugspunkt einer Identitätssuche: Die Bundeswehr hat keine Identität, deshalb wird eine ironisch durchgespielt.
Und wie Deutschland insgesamt sucht sich die Bundeswehr eine negative Identität. Wir wissen zwar nicht, wer wir sind und was das ganze soll: aber so wie die Amerikaner sind wir nicht.
„Die trete einfach die Türen ein, auch zu den Räumen der Frauen, und geben denen sogar die Hand“, sagt ein höherer Soldat. „Sowas machen wir nicht, unsere Stärke ist die interkulturelle Kompetenz.“
Soldat ist ein Beruf. Ausländerbeauftragter ist ein Beruf: In der Bundeswehr verschwimmen beide Genres. Man kann ja dagegen sein. Aber warum sagt in der Bundeswehr so selten jemand das, was uns der Oberstleutnant in MES sagte: „Wir sind Spezialisten im Waffengebrauch.“
Warum sind wir hier? Diese Frage wird mit großer interkultureller Kompetenz beantwortet. In der Bundeswehr-Afghanistan-Truppe gibt es diese Standard-Antwort. Dauernd muss man die über sich ergehen lassen.
„Nach afghanischem Kalender ist es jetzt 15 Jahrhundert. Das dürfen wir nicht vergessen. Und genauso ist das hier. Demokratie? Mit welchem Recht können wir diesen Menschen unsere Gesellschaftsform aufdrängen? Das beste, was wir hier erreichen können ist einigermaßen Stabilität.“
Interkulturelle Kompetenz: das ist in Wahrheit der Tarnname für bestimmte, stereotype Zuschreibungen. Der Afghane, der Araber, der kann keine Demokratie. Aber dargeboten wird das Ganze als westliche Bescheidenheit, als Verständnis für die “andere Kultur”.
Dabei ist es Verrat am afghanischen Volk.
Wenn einer nicht weiß, warum er sich in Lebensgefahr begibt, obwohl doch der Afghane immun ist gegen Freiheit, gegen jedes Bestreben der Emanzipation. Wenn einer nichts weiß von afghanische Frauengruppen, jungen Menschen mit Spaß am Journalismus, die gern die Wahrheit schreiben würden, auch wenn’s einem Clananführer nicht passt – wenn einer sich stattdessen flüchtet in jene sogenannte interkulturelle Kompetenz, die darin besteht dem Afghanen unveränderbare, genetisch festgelegte Primitivität zu unterstellen – dann sollte die Bundeswehr abziehen.
Es ist ein Problem der Politik. Bis heute hat die Politik die Begründung nicht geliefert, Struck hat den ersten und letzten Versuch gemacht, dem Einsatz eine ethisch-rechtliche Grundlage zu geben.
Deutschlands Freiheit (ich denke auch: die afghanische) wird am Hindukusch verteidigt.
Das ist die deutsche, Uelzener Variante von JFK: „As long as one man is enslaved, we all are not free.“
Wir gehen in Kunduz auf „Plattenpatrouile.“
(Ich liefere die fehlenden Texte leider erst Anfang Januar. Guten Rutsch!)









