Die Reise nach Afghanistan

Dann siegt mal schön – Theodor Heuss zu jungen Rekruten

Die Bundeswehr ist dazu da, den Feind aufzuhalten, bis eine richtige Armee kommt – Landserspruch

Die größte Friedensbewegung ist die Bundeswehr – Franz Josef Strauss

Die Bundeswehr ist die Institution, die den größten Wandel im vereinten Deutschland durchgemacht hat. Nicht nur, dass sie eine fremde Armee in sich aufgenommen hat – wirklich spürbar wird die neue außenpolitische Rolle Deutschlands eigentlich nur in der Armee. Der Großteil der deutschen Bevölkerung hält die Bundesrepublik weiterhin für eine politische Oase, die, würde man sich nur aus allem raushalten, mit keinem Konflikt auf der Welt irgendetwas zu tun hätte. Die Weltprovinz Bundesrepublik der 80er wird in diesem Irrglauben einfach fortgeschrieben, als wäre nicht passiert.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan können sich so eine Einstellung nicht leisten – zumindest sind sie hineingeworfen in den derzeitigen Hotspot der globalen Auseinandersetzung zwischen einem neuen Totalitarismus und dem freien Westen. Wer mit ihnen spricht, spürt eine Politisierung, die man sich auch in der Bundesrepublik wünschen würde: Was soll der Einsatz? Helfen wir den Afghanen? Was ist das Ziel? Warum greifen die uns an?

Diese Fragen interessieren allerdings sonst niemanden in einem Land, in dem man das Anhören von Dalai-Lama-Reden für eine politischen Akt hält.

Vom 5. bis 10. Dezember war ich mit der Bundeswehr in Afghanistan unterwegs (Köln-Termez-Massar-I-Scharif-Kunduz). Protokoll eines Truppenbesuchs.

Gestern Abflug in Köln mit dem Luftwaffen-Airbus A 310 Kennung 10+23
von Köln-Wahn. Schon im Flugzeug ist die alte und die neue Bundeswehr
versammelt: Die alte Bundeswehr, die wartet, bis eine richtige Armee
kommt. Das ist die, von der ein Kamerad von der Flugbereitschaft der
Bundeswehr berichtet, der das Essen serviert. Der war bei
einer Raketeneinheit. Um eine Rakete zu verschießen, muss man einen
Wetterballon starten, um die Winde in bestimmten Höhen zu ermitteln.
Die Daten müssen per Kabel (aus Gold) in den Befehlscontainer
übertragen werden. Fährt ein Auto, evtl vom Feind über das Kabel, ist
der Krieg vorzeitig vorbei, dann ist das Kabel kaputt. Das kostet
10.000 Euro. Es gäbe aus Schweden eine drahtlose Verbindung, aber die
darf die Bundeswehr nicht nehmen, weil man Technik aus Deutschland
bevorzugt.
Im selben Flugzeug Männer mit Bärten und unförmigen, riesigen Jacken.
Das sind angeblich die Spezialjacken für Sniper, die haben auf dem Rücken
Taschen, wohl für die Munition. Ist logisch. Das sind die harten
Jungs, oder zumindest geben sie sich so: Sie umarmen sich theatralisch und neigen zur Landserromantik: Im
Flugzeug hat erst mal einer die Mundharmonika rausgeholt und Goodbye
Johnny gespielt. Bei denen hat schon eingesetzt, was man in jeder Armee
im Einsatz beobachten kann: Die kleine, ironische Veränderung der
Uniform, das Durchbrechen der militärischen Ordnung, auch: Das Zitieren
der Insignien des Feindes.
In Vietnam trugen die GIs Peace Buttons. In
Afghanistan tragen deutsche Soldaten graue Arafat-Tücher. Das ist das
Zitieren der örtlichen Folklore.
Jetzt sind wir in Termez. Termez ist der “strategische Lufttransportstützpunkt” der Bundeswehr in Usbekistan. Hausrecht haben trotzdem die Usbeken. Soldaten tragen hier keine Waffen, die Usbeken bewachen das Lager und lassen sich das fürstlich entlohnen. Gegen Usbekistan könnte man einiges sagen. Könnte man. Nur Deutsche werden das nie machen. Denn dann wäre Termez dicht.

Unvergessen die Bilder, als die deutsche Armee 2002 nach Afghanistan aufbrach. Wegen schlechtem Wetter saßen Bundeswehrsoldaten in Termez fest und tranken Mineralwasser. Krieg verschoben wegen schlechtem Wetter: So sieht sie aus, die Armee, die in Teilen der Linken immer noch eines “imperialistischen Eroberungskrieges” geziehen wird.

Gestern gab es live Bayern gegen Hoffenheim.
Bayern hat gewonnen, Wer in Afghanistan gewinnt, weiß man noch nicht.
Das deutsche Vietnam heißt Kunduz - im Rahmen dessen, was sich die
Bundeswehr zumutet.
Seit dem Einsatzbeginn sind 250.000 Soldaten durch den
Afghanistan-Einsatz gegangen. Das sind fast so viele, wie die
Bundeswehr Soldaten hat. Hier entsteht, von der Öffentlichkeit
unbeachtet, eine Generation Afghanistan. Leute, die im Krieg waren,
selbst, wenn sie auf der Stube hocken, kriegen sie Tod und Verwundung
mit und mittels “oral history”, wie der Historiiker das nennt, entstehen die Geschichten, die, tausendfach eingespeist, sich mittels Freunden und Familie über Afghanistan und den Krieg verbreitet.
Wer mit einer Usbekin anbandelt, verliert den Status Ü2, das ist irgendein Geheimnisträger-Status der Nato. Der MAD kriegt das raus. Die Dame in der Kneipe hier im Lager (Area 51) scheint
zu sagen: Nimm mich trotzdem. Blonde Haare, knapper
Rollkragen-Pullover. Bundeswehr-Jungs sind begehrte Männer. Die
verdienen in einem Monat so viel, wie die Usbeken in einem Jahr.
Gleich geht es mit der Transall nach Masar. Das sind 17 Minuten Flug. Mal sehen. wie es da ist.

1 Kommentar zu „Die Reise nach Afghanistan“

  1. Heinz sagt:

    Wer immer noch glaubt, das Deutschland eine “Friedensmission” in Afghanistan führt. Dem rate ich inständig sich einmal über die Aktuelle Lage dort schlau zu machen. Es ist ja nicht so, das man im Internet nichts zu diesem Thema findet. Ich selbst war sehr geschockt darüber wie wir als Bürger von der jetzigen Politik verarscht werden. Wenn man sich einmal Berichte anguckt oder auch einfach nur mal hinter fragt. Wird man leider erfahren das Deutschland einmal mehr zu stark in den Krieg involviert ist. Noch mal für alle: Deutschland unterstützt hier einen Angriffskrieg.

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