Mogadischu
Die Bundesrepublik in ihrer Hochzeit war eine etwas langweilige Weltprovinz, wohlhabend aber ideenarm, der Nachkriegszeit entwachsen und doch kein selbstständiger Spieler auf der Weltbühne, post-national und voll materiell, eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit 30 Tagen Urlaubsanspruch. Diese Bundesrepublik, sympathisch und harmlos saß in der “Landshut”.
Es ist ein Verdienst des Films “Mogadischu”, das er mehr erzählt als die Entführung eines Flugzeugs. Tatsächlich wird vom für die Passagiere völlig unerwarteten Hereinbrechen des Terrors in diese liberalisierte Mittelschichtsgesellschaft erzählt. Der Terror bleibt rätselhaft. Aber es ist der reine Terror, der hier gezeigt wird, nicht der Terror als bedauerliche Entgleisung von Idealisten, so wie er bisher in der herrschenden RAF-Erzählung dargestellt wird. 30 Jahre hat es gedauert um Terror als Terror zu zeigen. Ohne Radical-Chic-Anwandlungen.
Deutsche machen sich gern lustig über die amerikanische Naivität. Die Tendenz von gut und böse zu sprechen und beides zu unterscheiden, “good” und “evil”.
Erst in dem die Begebenheiten in der “Landshut” zu einem Film dramatisiert wurde, hat Deutschland jetzt eine Geschichte geschenkt bekommen, mit der man genau das kann: Man kann sich wiederfinden in einer Geschichte von Gut und Böse. Nichts, aber auch gar nichts bleibt hier übrig vom Mythos des doch irgendwie provozierten Terrors, von der Gesellschaft, die irgendwie Mitschuld war am Terror, der dann eben naturgemäß aus ihren Reihen kam.
Söldner, die auf dem längst zur Farce gewordenen Palästina-Ticket zum Terroreinsatz auf Schicht fahren quälen Menschen und werden schließlich von einer Demokratie, die sich erst in dieser historischen Stunde als wirklich wehrhaft erweist (eine Lektion, die wir heute ganz besonders beherzigen sollten) völlig zurecht ins Jenseits geschickt.
Gut gegen Böse. Sonst nichts.
In der anschließenden Diskussion trat der notorische Gerhart Rudolf Baum wieder mal als ewiger selbstquälerischer reuiger Sünder (”Der Staat hat übereagiert”) gegen zwei Menschen an, die es besser wissen: Jürgen Vietor, Co-Pilot war dabei in der Terror-Röhre Landshut. So jemand darf sagen, auch wenn er es nicht so ausdrücken kann oder will (”Todesstrafe!”), dass es eben ein Rechtsstaat-Dilemma gibt: Die Opfer des Terrors sind tot. Die Angehörigen leiden ein Leben lang. Die Täter werden nach und nach entlassen. Das ist ungerecht und kann mit irdischen Mitteln, wie dem Rechtstaat nicht aufgehoben werden.
Stichwort Baum. Die Baum-Schule, zu ihr muss man auch Terror-Erfrorscher wie Aust rechnen besteht, so auch gestern Abend auf weitschweifige Ausführungen über die Genese des Terrors: Rudi, Ulrike, “konkret”, Auflösung der Studentenbewegung, Kaufhausbrand-Pro…
Bis zum Erbrechen hat man das gehört, ohne je zu verstehen: Warum?
Bis heute will die Baum-Schule nicht verstehen, dass man nicht hinter allem, was Menschen tun, Motive zu erforschen hat, nur weil die Dinge getan wurden, gibt es dafür keine Begründung.
Und viel wichtiger: In der Endlos-Schleife der Beschäftigung mit Tätern steckt die Verhöhnung der Opfer.
Es bleibt ein Rätsel, warum Menschen auf die Idee kommen, in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern in einer der liberalsten Gesellschaften der Welt, Menschen umzunieten.
Das Wort Wahn sollte jedenfalls öfter fallen in diesem Zusammenhang als das Wort “Konsumgesellschaft” oder “Vietnam”. Das Wort “Wahn” ist unterrepräsentiert in diesem Zusammenhang.
“Wir lassen uns von ihrem Wahnsinn nicht anstecken”, hat Helmut Schmidt damals gesagt. Und er hat Wort gehalten, auch wenn Gerhart Rudolf Baum, die letzte Geisel der RAF, der bis heute nur die Endlos-Schleife “Was wollte Ulrike uns sagen” vorzutragen weiß, das den Rest seines Lebens nicht kapieren wird.
Keiner hat überreagiert. Der Staat hatte recht. Und das konnte man schon damals alles wissen. Der Staat hat nichts falsch gemacht.
Den Rest hat Ulrich K. Wegener erledigt. Auch das ein Unwort, aber Ulrich K. Wegener ist ein deutscher Held.
Mit dem Film “Mogadischu” hat sich die Bundesrepublik eine große Erzählung geschenkt, ein Selbstportrait. Es zeigt, dass die Bundesrepublik sich im entscheidenden Moment dann doch zu wehren wußte.
Und die Baum-Schule mit dem Dreiklag Rudi-Ulrike-RAF musste gestern wenigstens mal für 105 Minuten schweigen.
Schlagworte: RAF Mogadischu Baum



9. Dezember 2008 um 15:07 Uhr
Alles sehr wahr.
Baum-Schule. Ich werde daran denken, wenn Christian Klar mich demnächst im Berliner Ensemble heimsucht, beziehungsweise -leuchtet.