Archiv für Januar 2009

Glaube als Hobby

Donnerstag, 29. Januar 2009

Seit einiger Zeit gibt es ja im deutschen Bürgertum einen modischen Katholizismus: Man schickt seine Kinder gern wieder in kirchliche Kindergärten, geht Sonntags in den Gottesdienst und findet auf einmal den Papst gut. Doch das Ranschmeissen an 2000 Jahre Tradition durch Leute, die offensichtlich einen Traditionsmangel empfinden, ist das Gegenteil von dem, was es vorgibt zu sein: Es ist nicht die Rückkehr zu ewigen Werten, sondern die Fortsetzung von Lifestyle mit anderen Mitteln, also genau das, wogegen sich die katholische Kirche wendet. Gestern ging man eben zum Tangokurs oder war Buddhist – heute ist Katholizismus in und morgen was anderes. Glauben ist Privatsache und Hobby - und muss es bleiben. In dieser Meinung sieht sich bestärkt, wer die aktuellen völlig abseitigen Auseinandersetzungen um Exkommunikation und deren Rücknahme durch den Papst beobachtet. Auch wenn es nicht virulent ist, eben weil die Kirchen bedeutungslos sind und es eben keinen Kampf zwischen Staat und Kirche gibt: Kirche und liberaler Staat vertragen sich nicht. Kirche ist – und muss es sein – totalitär. Wer nur Gottes Gesetz anerkennt und sonst nichts, gerät tendenziell in Konflikt mit einem Staat, der die Verfassung als oberstes Gesetz kennt – und sonst nichts. Das Beruhigende ist: Ob ein (schon toter!) Kardinal Lefébre Juden für „Verblendete“ hält und zur Tridentinischen Messe zurückkehren will, die auf Latein gehalten wird –  und ob Papst Benedikt das auch will und ob all die toten und halbtoten Brüder nun Juden für arme, fehlgeleitete Halbkatholiken halten oder nicht – all das sind Meldungen aus einer in Wahrheit untergegangenen Welt. Das mag ein paar Kirchenredakeure interessieren und Theologen. Also niemanden. Vielleicht wird aber den Modekatholiken dabei wenigstens klar, wie der richtige, nicht ihr eingebildeter sanfter Katholizismus tickt. Angenehm vielen Deutschen, nur leicht aufgerundete 100 Prozent, ist es völlig egal, welcher irrer, sowieso schon tote Sektierer vom Papst gerade begnadigt wird und ob in Zukunft lateinisch geredet wird im katholischen  Gottesdienst, den sie auch weiterhin nicht besuchen werden.

Gaza-Nachlese

Dienstag, 27. Januar 2009

Viele gequälte Deutsche wachen morgens mit einem Gerdanken auf und gehen abends mit demselben Gedanken ins Bett: Was, verdammt, darf man gegen Israel sagen?

Dabei müsste die Frage, angesichts der durchweg negativen Berichterstattung über Israel lauten: Was darf man zugunsten Israels sagen? Betrachtet man den deutschen Leserbrieffuror, sieht man die Norbert Blüms und Norman Paechs, die mit Schaum vorm Mund und hochaufgerissenen Augen gegen Israel loslegen, lautet die Antwort: Nichts.

Einer versucht doch noch, mit gewisser Grundsympathie an den jüdischen Staat ranzugehen und deshalb ist der Artikel Bernard-Levys in der Samstags FAZ so bemerkenswert. Lévy war im Gazastreifen und hat ein paar Dinge beobachtet. Der Text ist eine absolute Ausnahme in der deutschen Presse. Es geht um einen israelischen Piloten namens Asaf:

„Nichts rechtfertigt den Tod eines Kindes“, sagt Asaf, der Anfang dreißig ist, in New York ein Restaurant hat und seinen Reservedienst als Pilot eines Cobra-Hubschraubers versieht. „Wenn ich sehe, dass ich bei meinem Einsatz statt eines militärischen Ziels auch Zivilisten treffen könnte, breche ich die Mission ab und kehre zum Stützpunkt zurück.“

Ich habe Asaf aufgefordert zu beweisen, was er da sagt. So kommt es, dass ich mich in Palmachim wiederfinde, dem Allerheiligsten der israelischen Militärtechnologie. Hier wurden die Antiraketenraketen Arrow getestet. Nun sehe ich hier Asafs Bordvideoaufnahmen. Ich höre seinen Funkverkehr vom 3. Januar, in dem man ihm befiehlt umzukehren, weil sein Ziel, der Terrorist, von einem Kind begleitet wird. Ich sehe vier dieser unglaublichen Filme, auf denen bereits abgefeuerte Raketen auf ein braches Feld umgelenkt werden, weil im letzten Moment ein Zivilist im Bildschirm erscheint oder das anvisierte Auto in die Tiefgarage eines Hauses fährt, dessen Bewohner nicht gewarnt wurden.

Ich ahne, dass nicht alle dieselben Skrupel haben wie Asaf, wie soll man sonst die viel zu zahlreichen und völlig unakzeptablen Blutbäder erklären? Aber dass es in den israelischen Streitkräften einen Asaf gibt und dass deren Richtlinien seine Haltung eher stützen, dass Asaf nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, darauf hinzuweisen ist wichtig, weil es dem Klischee zuwiderläuft, nach dem diese Armee ein Haufen von Schlägertypen sei, die nur auf Frauen und Greise losgehen.”

Das Ende der Anti-Bush-Religion

Mittwoch, 21. Januar 2009

Der gestrige Tag ist, ohne dass die Anhänger es überhaupt gemerkt haben, das Ende einer Religion. Einer säkularen Religion. Einer negativen Religion. Das Objekt ist weg: George W. Bush.

Die Ära Bush hat eine Pseudo-Politisierung herbeigeführt, in dem Leute, die nur eine Idee hatten, nämlich dass George W. Bush des Teufels ist, ihr in Wahrheit fundamentales Desinteresse an Politik und den Weltkonflikten für acht Jahre kaschieren konnten. Und sich dabei noch gut fühlen konnten, als schwer informierte Fundamentalkritiker und Widerstandskämpfer, wenn der Widerstand auch nur darin bestand, befeuert von Oberstudienräten, als Pennäler für fünf Minuten die Kreuzung in Recklinghausen zu blockieren. Denn egal, was in der Welt an Leid vorhanden ist – weil GWB es benannt hatte, durfte es nicht vorhanden sein. Weil Bush eine Strategie benannt hatte, die, wie im Fall Iran, Gewalt nicht ausschloß – die älteste und erfolgreichste politische Strategie der Welt – konnte sie nicht richtig sein. Weil Bush etwas als “böse” bezeichnet hatte, musste es harmlos sein.

Die Bush-Kritik hat jedes Maß überstiegen. Dass die deutsche Öffentlichkeit sich über Jahre quasi in freiwilliger Gleichschaltung in ihrem Bush-Hass verlor, muss beunruhigen. Es war eine Weltflucht.

Keine Idee, keine Strategie, keine wache Weltwahrnehmung, kein Problembewußtsein, keine Analyse, nur ein seit acht Jahren ununterbrochenes Mantra: George W. Bush ist der Teufel.

Der unfreiwillige Religionsstifter ist jetzt weg. Im Grunde müssen die Anti-Bush-Jünger GWB dankbar sein. Denn solange er da war, konnte die politische Dauerpubertät, die endlose Wirklichkeitsleugnung, etwa, was die Gefahr durch politischen Islamismus oder die iranische Atombombe angeht, weitergehen.

Wie kleinlich, dumm und naiv das alles ist, konnte man gestern auf einer Veranstaltung der “Democrats abroad” in Berlin begutachten. Kein Bild von GWB durfte über den Bildschirm flimmern, ohne das gebuht, gejohlt und gepfiffen wurde.

Dabei ist die Inauguration, die kalifornische Senatorin Feinstein hatte es wunderbar in ihrer kleinen Rede ausgedrückt, also die gewaltlose Übergabe der Macht, die Quintessenz der Demokratie. Und so, wie Amerika das alle vier Jahre macht, ist es auch noch eine wunderbare, großzügige Demonstration der Freiheit, wie sie nur Amerikaner zustandebringen.

Wenn Deutsche ihren Einheitstag feiern, hat es nie den Geschmack von Freiheit, Aufbruch und Großzügigkeit. Es stinkt nach Bratwurst und sieht aus wie die Stände der Arbeiterwohlfahrt.

An einem solchen Tag wie dem der Inauguration noch einmal triumphal auf GWB einzuprügeln, zeigt, welche unfassbare Naivität die Obama-Jünger in sich tragen. GWB hatte die Probleme, mit denen er es zu tun hatte, nicht erfunden.

Man könnte sogar sagen: Beide großen Probleme, die Immobilienkrise und der Beginn des islamistischen Terrors waren Erbschaften der Clinton-Jahre.

Wie auch immer: Man darf jetzt schon gespannt sein, wie die Jünger der Anti-Bush-Religion reagieren werden, wenn ihr junger Messias sich an die Weltprobleme heranwagt, und auch auf Flugzeugträger setzt, statt, wie seine naiven Anhänger glaubten, auf guten Willen, warme Worte und ein bisschen Entwicklungshilfe.

Wahrscheinlich werden die Jünger der Ant-Bush-Religion einfach wieder dahin verschwinden, wo sie herkamen, im Nirvana der politischen Desorientierung und der Schwärmerei.

George W. Bush war ihr Glücksfall, die Möglichkeit mal rauszukommen und sich dabei auch noch schwer politisiert zu fühlen, statt, was der Wahrheit enstpricht: total desinteressiert an der Welt und mit null Mitgefühl mit den Geknechteten der Welt.

Keiner wird sie vermissen. Nichts haben sie befördert, keinen Plan aufgezeigt, keine Idee jemals in die Diskussion geworfen, die es wert gewesen wäre zu bedenken. Der Zustand der akademischen Großstadtjugend und des halbpolitisierten deutschen Bürgertums ist erbärmlich. Ab jetzt bleiben sie zuhause. Zum Glück gibt es dann weniger Staus in den Städten.

Dann gibt bes wenigstens freie Fahrt für freie Bürger wie mich.

Israel und die Linke

Dienstag, 13. Januar 2009

Neulich las ich  - im Internetportal “Perlentaucher” – die Schlagzeile: “Gaza-Krieg: Linke versagt”.

Beglückt dachte ich: Endlich sagt’s mal einer, genau, richtig. Die Linke hat schließlich ihre Erfahrung gemacht mit Totalitarismus, auch und vor allem mit dem eigenen, die Linke wird ein Gemeinwesen namens Israel, einem liberalen, pluralistischen und demokratischem Staat zur Hilfe kommen, wenn dieser von einem neuen Totalitarismus namens Hamas, Djihadismus oder Hizbollah oder sonstwie angegriffen wird. Dann wäre die Linke bei sich. Dann suchte ich den Artikel. Und dann ging es nicht um die westeuropäische Linke und den Gaza-Krieg, sondern es ging mal wieder um die israelische Linke, die in der kriegslüsternen Mittelmeernation nicht genug tue, um den Kriegstreibern in den Arm zu fallen.

Uns soll immer eingeredet werden, hier wären halt zwei Kriegsparteien ineinander verkeilt, die grundsätzlich gleich schlecht oder gleichgut seien.

Thomas Avenarius hat in einem absolut irren Artikel in der “Süddeutschen” diese Haltung noch auf die Spitze getrieben, indem er westlichen Politikern vorwirft, sie würden zu große Sympathie für eine Kriegspartei zeigen, nämlich Israel:

“Wenn zum Beispiel der Nahost-Beauftragte Tony Blair beim israelischen Verteidigungsminister
Ehud Barak die Chancen einer Waffenruhe in Gaza auslotet, herzen sich
die beiden vor den Kameras nach Männerart: Schulterklopfen, breites Lachen. Wenn auch noch Israels Außenministerin Tzipi Livni auftaucht, gibt es kein Halten mehr für die westlichen Diplomaten: EU-Außen-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner tauscht Küsschen nach Damenart, EU-Chef-Außenpolitiker Solana schließt sich kavaliersmäßig an. (…)

Was wäre, wenn nun der Hamas-Hardliner Machmud Zahar auftauchen würde? Gäbe es für den anderen Gaza-Kombattanten auch Schulterklopfen, Küsschen?”

Tja, das ist die Frage. Dass die Antwort selbstverständlich nein lautet, und dass sie deshalb ohne großes Nachdenken nein lautet, weil der Westen für das westlich geprägte Israel vielleicht sogar etwas wie Sympathie empfindet – eine Sympathie, die es eben schwerfällt für eine Vereinigung zu empfinden, die den Westen samt Israel, könnte sie es, wegbomben, bzw. in ein Kalifat verwandeln würde – auf diese Idee kommt Avenarius nicht. Das Problem ist: auf diese Idee kommen auch viele andere nicht.

Pro-Palästina-Demonstration, 10.1. Berlin. Eine arabische Famile rückt ab. Durch den Hauptbahnhof Berlin hallen Parolen, einer skandiert, alle anderen antworten im shout/response so etwas wie “Tod Israel”. Der Familienpatriarch geht vorneweg, dahinter die Frau mit Schleier, dann das Kind mit Plakat: “Gaza=Holocaust”

Mir ist es unverständlich wie Leute, die auf linksdeutsch in solch “patriarchalen Strukturen” daherkommen, ernsthaft damit rechnen können, von linken Demonstranten, von einem Teil der akademischen Jugend Unterstützung zu erfahren.

Bereits hier lag ein Hauch von politischem Totalitarismus über der Szenerie. Ganz abgesehen davon, dass man sich fragt: Wo sind eigentlich die ganzen Batallone von Kindesmissbrauchs-Anprangerern, wenn man sie braucht? Wenn das kein Kindesmissbrauch ist, kleine Jungs mit großen Hassplakaten durch die Strassen zu schicken.

Djihad! Gesundheit.

Zum Glück geht’s auch so:

Israel und die sogenannnte “Unverhältnismäßigkeit”

Mittwoch, 7. Januar 2009

Mit seinen Feinden hat Israel gelernt zu leben – und zu kämpfen. Mindestens genauso unangenehm sind aber seine falschen Freunde – Schreibtisch-Strategen, die vom warmen Abgeordneten- und Redakteursbüro in Paris oder Berlin aus Israels Kriegsstrategie kritisieren. Dabei gibt es zwei rethorische Klassiker. Klassiker eins: Man erweise Israel keinen Gefallen, wenn man es unterstütze. Diese interessante Denkfigur adelt auch noch eine Haltung als Freundschaft, die Israel Solidarität verweigert: Nur wer Israel kritisiere, sei ein wahrer Freund (Deutschlandfunk-Kommentar, 5.1.08). So gedacht ist Israel wohl das Land mit den meisten Freunden auf der Welt. Klassiker zwei: Israels Reaktion auf den Dauerbeschuss, der einen ganzen Landesteil quasi unbewohnbar macht, sei „unverhältnismäßig“ (SPD-Fraktionsvize Walter Kolbow, 5.1.08 und viele, viele andere, darunter Sarkozy und EU-Außenpolitikerin Ferrero-Waldner). Was aber wäre „verhältnismäßig“? Unausgesprochen betätigen sich die Kolbows als Leichenzähler: Einer ins Töpfchen, einer ins Kröpfchen – erst wenn ein israelischer Bürger tot ist, darf Israels Militäraktion auch ein Opfer fordern. Dann steht es sozusagen eins zu eins. Bei jetzigem Stand, angeblich 530 palästinensische Opfer (wenn diese, von der Hamas herausgegebenen Zahlen denn stimmen) haben wir bei drei toten israelischen Soldaten und ein dutzend Toter durch Raketenbeschuss mindestens 500 tote Israelis zu wenig. Da muss doch noch was gehen! In Wahrheit ist die Verteidigung des eigenen Staatsgebiets, bei dem die israelische Armee sehr behutsam vorgeht und die Bewohner von angegriffenen Häusern vorher warmt (ein einmaliger Vorgang in der Kriegsgeschichte), Kernaufgabe eines Staates. Der Schutz der eigenen Bürger misst sich nicht nach Toten. Er ist Staatsräson. Ein Staat, der seine Bürger nicht mehr schützen kann, hat aufgehört zu existieren. Aber vielleicht ist das ja das wahre Ziel der so genannten Israel-Freunde.