Die Nachfolgerin der Religion ist die Psychologie. An nichts wird geglaubt – außer an die Psychologie. Ihr bringt man all das entgegen, was man der Religion, die ein leichtes Opfer von kritischem Bewußtsein ist, verweigert: ihr wird alles geglaubt, vor ihr wird gekuscht, sie ist unfehlbar, sie ist der Heilsbringer. Man sieht das zum Beispiel daran, dass in Kummer-Sendungen wie “Domian” die Gebückten und Bedrückten regelmäßig an “meine Psychologin” weitergereicht werden. Und regelmäßig klingt das wie eine Weiterleitung an den Messias, der die Sache schon lösen wird.
Dieses Land hat eine Obsession mit der Psychologie. Es sind Kleinigkeiten, die das belegen. Hat irgendwo ein schwerer Unfall stattgefunden, wird seit einigen Jahren nicht nur diese Tatsache gemeldet, sondern auch dass “Psychologen” vor Ort seien, die fassungslose Angehörige betreuen. Worin der Nachrichtenwert dieser Tatsache besteht, bleibt zweifelhaft. Vielleicht ist es die Leistungsschau einer Branche, vielleicht soll auch nur gesagt werden: alles paletti, die Profis sind vor Ort.
Oft wird die Berichterstattung über die Psychologisierung unserer Gesellschaft als “Tabubruch” gekennzeichnet. Das ist zum Beispiel bei der Berichterstattung über traumatisierte Soldaten der Bundeswehr der gängige Sound.
Vorweg: Die Entdeckung und Behandlung dieser Krankheit (posttraumatisches Stressyndrom) ist ein Fortschritt der Medizin und zu begrüßen. Das ist das eine.
Dennoch hat die journalistische Modewelle, sich dem Aghanistan-Einsatz über das Thema “Traumatisierung der Soldaten” zu nähern etwas Seltsames. Nicht nur ist es kein Tabubruch, das Thema anzusprechen, wie immer behauptet wird: Da seien “Kämpfertypen”, gefangen in ihrer Männlichkeit, deren Selbstbild es widerspräche zum Psychiater zu gehen, so raunt es aus den Blättern. Seit 40 Jahren wird Männlichkeit demontiert. Von Tabubruch kann also gar keine Rede sein, wenn über traumatisierte Soldaten berichtet wird.
Böse Zungen würden behaupten: Das mit dem Gefangensein in der eigenen Männlichkeit kann so nicht stimmen, den genau dieser Typus ist in der Bundeswehr selten anzutreffen. Wiederum böse Zungen behaupten: zu selten. Stattdessen herrscht in der Bundeswehr der sozialwissenschaftliche Sound der “interkulturellen Kompetenz”. Der “Staatsbürger in Uniform” ist weit entfernt von den Fightern, deren Aufgabe Donald Rumsfeld einst so umschrieben hatte: “To killl as many Talibans as possible”.
Nicht der Traumatisierte ist, wenn es um die Bundeswehrberichterstattung geht, das Tabu, sondern der gut ausgebildete Kämpfer, der um das Risiko des Einsatzes weiß, und sich sogar in ihm beweisen will.
Das Tabu ist, dass Soldaten dazu ausgebildet werden, um zu töten, und dass das evtl. auch in bestimmten weltpolitischen Konstellationen eine nützliche Fähigkeit ist. Das ist in Deutschland das Tabu, ganz abgesehen davon, dass es auch ein Tabu ist, deutsche Interessen zu definieren, und was wir bei der Durchsetzung dieser Interessen auch an Menschenleben zu opfern bereit sind. Das ist das allergrößte Tabu in diesem Land.
Auch ist es ein seltsamer psychologisierender Monolog dieser Gesellschaft, angesichts der Tatsache, das ganze Völker traumatisiert sind, zum Beispiel das afghanische, sich wieder nur selber zum Opfer zu erklären. Diese Gesellschaft hat eine weitere Obesession: Sie will Opfer sein.
Die Amerikaner hatten 58.000 Tote in Vietnam und bis heute ca. 2300 Tote in Irak. Es rühmt Deutschland und es ist ein Glück, dass wir in dieser furchtbaren Statistik mit unter 30 Toten zurückfallen. Trotzdem ist es seltsam, dass wir – auch mittels Spielfilm – bereits so tun, als sei Afghanistan unser Vietnam. Eine komische Selbststilisierung.
Vielleicht gibt es ja eine psychoanalytische Erklärung für das deutsche Suhlen im Leid – ausschließlich dem eigenen natürlich.
Geht es um eine deutsche Armee im Krieg, kann es gar nicht anders sein, als dass die deutsche Vergangenheit in der Berichterstattung mitschwingt.
Die obsessive Berichterstattung über die traumatisierte Armee, von durch Tod und Töten traumatisierten jungen Männern ist eine als “Tabubruch” hochstilisierte nachgeholte Widerstandshandlung, die nichts kostet. Sie kommt 65 Jahre zu spät. Aber die nachgeholten, unfassbar mutigen Widerstandshandlungen sind auch eine deutsche Spezialität.
Hitler hat man nicht gestürzt. Deshalb muss man 64 Jahre später Eva Herrmann mutig aus der Talkshow schmeißen. Eiine ganze Generation von Deutschen hat einst nicht nur einen ganzen Kontinent traumatisiert, sondern auch sich selbst. Deshalb müssen wir jetzt bei der Bundeswehr drüber reden. Obwohl es um eine andere Zeit und andere Armee geht, nämlich die demokratischste und zivilste deutsche Armee aller Zeiten geht. Seltsames Land.