Ab nach Afghanistan!
Vom Rechtsstaat profitieren am meisten die, die ihn ablehnen.
Mörder werden nicht ermordet. Diebe nicht enteignet. Brandstiftern und brutalen Prüglern wird nicht die Bude angezündet und die Arme gebrochen.
Deshalb ist es so lustig in der Demokratie Krieg zu spielen: die vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson völlig zutreffend als “Heinis mit Nasenringen” bezeichneten Mittelschichtskinder, die so gern Krieg spielen, wie jetzt beim Nato-Gipfel, sie wissen ja: passieren wird ihnen nichts. Selbst wenn sie noch so brutal gegen die Polizei vorgehen, bis hin zum Mordversuch – der Gegenseite bei diesen Geländespielen für Erwachsene sind im demokratischen Rechtsstaat die Hände gebunden. So bleibts beim Kriegsspiel mit Krankenversicherung und Grundrechten. Lustiger als Gotcha ist das auf jeden Fall. Vereinzelte Heinis mit Nasenringen, die im Graben zurückbleiben, so wie in Genua, sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Und sie werden von der “Bewegung” heftig bejubelt, scheinen sie doch der Beweis zu sein, dass es doch um den herbeifantasierten realen Krieg unter Männern geht und nicht um einen Klassenausflug von erlebnisarmen Oberstufenkindern.
Es ist das Hobby der Erlebnisarmen. Der erste Mai in Kreuzberg und Besuche des amerikanischen Präsidenten als August 1914 für gelangweilte Gymnasiasten und kryptofaschistische Autonomenbanden. Egal, wie sie sich sich jeweils nennen: Sie sind der Mob. Endlich gehts los. Endlich die große Reinigung. Endlich Krieg, bei dem man die wahrscheinlich vor dem Spiegel eingeübten kitschigen, theatralischen Streetfighter-Posen vor den Fernsehkameras in Szene setzen kann.
Weil es keine Gewalt gibt in bürgerlichen Rechtsstaaten, jedenfalls nicht so flächendeckend wie von den “Heinis mit Nasenringen” herbeigeredet und gesehnt, muss welche erfunden werden.
Die geniale Erfindung der extremen Linken: Dinge zu sehen, die sonst keiner sieht, weil sie nicht da sind. Nicht nur, dass hinter jedem Gartenzwerg der “Faschismus” lauert. Auch, wo der nicht steht, sondern der gute Geschmack der Mittel- und erst recht der Oberschicht regiert, ist erst recht alles im Argen. Denn: dort wird “strukturelle Gewalt” ausgeübt.
Mit dieser Fata Morgana läßt sich noch jede Gegengewalt begründen. Auch wo Hase und Igel sich Gute Nacht sagen, Kinder in blumenübersehten Gärten spielen und glückliche Kühe grasen – dort ist keineswegs alles in Ordnung, denn die “strukturelle Gewalt” führt ihr bitterböses Regiment!
Es ist ein bitterböses Erbe der Linken, dass deren führende Vertreter sich mental von diesem Unsinn eben doch nicht völlig losgesagt haben. Warum Christian Ströbele am Kinderkriegsschauplatz auftaucht, um irgendwie zu vermitteln, so, als seien Mob und Polizei gleichberechtigte Sparringspartner, ist völlig unverständlich.
Wichtiger ist aber etwas anderes: Bin Laden hatte recht. Der Kriegsphilosoph aus Arabien hat einmal gesagt: “Der Westen ist innerlich schwach”.
Seit vierzig Jahren phantasiert sich die linke Großstadtjugend einen Feind zusammen, den es nicht gibt. Sie war in diesen letzten Jahrzehnten so ziemlich gegen alles, von dem sie entscheidend profititierte. Demonstrationen gegen die Taliban-Mörderbanden oder gegen Nordkorea oder gegen die iranische Todesstrafe sind hingegen völlig unvorstellbar. Stattdessen richtet sich die westliche Jugend gegen sich selbst: Sie warf Steine gegen die Marktwirtschaft, sie verlachte die lang erkämpfte Demokratie als “formal”, Bürgerlichkeit war allweil “faschistisch”, die Nato unter deren Schirm sich so prächtig leben ließ war “imperialistisch” und die USA sowieso. Jetzt ist die Globalisierung der Feind, die unter anderem dazu geführt hat, dass die indische Volkswirtschaft nicht mehr ausschließlich davon abhängig ist, ob westliche Bürgerkinder-Hippies dort ihre wallenden Gewänder bestellen.
Bis heute wird dieser Großstadtjugend irgendwie zugute Gehalten, mit ihrem jugendlichen Furor und erhöhter Empfindsamkeit über die Stränge zu schlagen und nur die Gewalt sei das Problem, nicht die Empfindsamkeit.
In Wahrheit ist diese Jugend nicht besonders empfindsam für die Probleme der Welt, sondern sie ist gefangen in totaler Wahrnehmungsverweigerung. Die realen Probleme einer realen Welt interessieren sie einen Dreck.
Sie ist das, wovor sie andere immer warnt: eine ignorante Masse von Spießbürgern, die nichts kennt außer ihre dumpfen Rituale.
Nicht die Nato ist auf der Welt das Hauptproblem, sondern Nordkorea und Iran.
Nicht die irgendwie abstrakt bleibenden Ausgbeuteten und Unterdrückten dieser Welt brauchen unsere “Solidarität”, sondern konkret die Menschen in Afghanistan.
Sie wollen Krieg. Warum gehen die Streetfighter nicht nach Afghanistan? Dort haben sie ihren Krieg. Echten. Und natürlich kann geschossen werden.



8. April 2009 um 13:10 Uhr
Dieser Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Ich habe ihn deshalb auch an Frau und Kinder geschickt, mit folgendem Begleitschreiben.
Betreff: ein wuetender Kommentar von Jost Kaiser, liebe Familie. Dem Manne ist offenbar genauso die Sicherung durchgebrannt wie mir kuerzlich. Ich hatte ja schon ueber den randalierenden Mob in London (anlaesslich des G20-Gipfels) geschrieben. Es wiederholte sich dann beim NATO-Treffen in Strassburg, und ein kleines Echo kam auch aus Kreuzberg. So wie frueher bei Sicherheitstreffen in Muenchen und bei jedem verdammten G7-, G8- etc Treffen. Same procedure as every year. Der Sinn bleibt unklar… Als wir selbst demonstriert haben, vor 30-40 Jahren, wussten wir, warum: Wir waren gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze, gegen das strafgesetzliche Verbot der Abtreibung, gegen zu niedrige Loehne der Arbeiter und gegen die weitere Stationierung von Atomraketen, die auf Menschen in Osteuropa zielten. Ansonsten fuer mehr Demokratie, auch in Betrieb, Schule und Hochschule, und natuerlich gegen die alten Nazis. Und schliesslich gegen die Hetze der Bildzeitung, gegen die Attentate auf Rudi Dutschke oder vorher Benno Ohnesorg. Zu diesen Anlaessen haben wir Plakate bemalt und sind durch die Strassen gezogen. Das mag man heute im Abstand richtig oder falsch, laecherlich oder naiv finden, aber dazu stehe ich. - Aus welchem Grunde jedoch machen die “Gipfelgegner” heute Randale? Wie ich schon mal schrieb: Das entzieht sich mir irgendwie [vgl. meine eMail vom 02.04.09: Proteste beim G20-Gipfel in London - geht euch das mittlerweile auch so auf die Nerven wie mir? Wie seinerzeit beim G8-Treffen in Heiligendamm, alle Jahre wieder. Die Maechtigen der Welt treffen sich, um Problemloesungen zu diskutieren, und der Mob krawallt gegenan. Eine Perversion des Grundrechts auf Demonstration und freie Meinungsaeusserung, finde ich. Ich bin in einer Zeit gross geworden, wo es noch Truemmergrundstuecke in Deutschland gab, Einschussloecher an den Haeusern und Luftschutzbunker aus dem letzten Krieg. Das kommt davon, wenn man nicht miteinander spricht und verhandelt, sondern aufeinander schiesst. Was ist falsch daran, wenn Regierungschefs verhandeln? Sind das denn etwa alles Verbrecher?? Ich kapier's nicht. Was wollen die "Gipfelgegner" eigentlich??] . - Dem Herrn Jost entzieht’s sich offenbar auch.
9. April 2009 um 09:12 Uhr
Herr Kaiser,
diese Vögel könnten nur im Rahmen der Bundeswehr nach Afghanistan. Was aber sollen wir denn mit diesen Schnullis in Afghanistan? Sie kennen die Lage dort. Ein solcher Haufen würde die Durchführung des Auftrages schon fast so stark erschweren wie unsere Politiker.
10. April 2009 um 10:11 Uhr
war doch nicht ganjz ernst – aber die vorstellung wir ermöglichten den heinis mit nasenringen mal was richtiges, so einen richtigen abenteuerurlaub in kundus samt nachtpatrouille, das gefällt mir immer besser.
zugern würde ich diese streetfighter dann mal sehen.
im übrigen ist es ja so, das ist meine erfahrung, dass die jungs dort, die wirklich rausgehen, bescheiden auftreten.
wer den krieg kennt, der setzt sich nicht martialisch und heldenhaft in pose, sondern die sind eher still, weil sie wissen, wie scheisse krieg ist.
krieg findet nur geil, wer ihn nicht kennt und nur nachspielt.
wäre schon eine heilsame erfahrung für unsere bürgerkinder mit schwarzer lederjacke.
12. April 2009 um 18:12 Uhr
Ein - nun wirklich nicht sonderlich kreatives - Schulterklopfen.
Marktwirtschaft toll, Nato toll, Globalisierung toll. Wer sich politisch nonkonform engagiert ist entweder ein apolitischer Hooligan, realitätsfremder Weltverbesserer oder erlebnisorientierter Jugendlicher. Kennt man doch alles schon, das hat die BILD vor Jahrzehnten schon gewusst.
Herr Jost, jetzt wo ihr Arbeitgeber sein Heftchen eingestellt hat:
wärs nicht an der Zeit endlich was Sinnvolles zu machen?
13. April 2009 um 08:56 Uhr
Ziemlich dummes Gewaesch auf dem Niveau “Geh doch nach drueben” ueber eine marginale Gruppierung in unserer Gesellschaft. Auch das ist Gratismut Herr Kaiser.
Und schauen sie sich mal in der Wirklichkeit um und finden sie heraus was die echte Jugend heute so treibt. Sie wuerden sich wundern.
14. April 2009 um 21:30 Uhr
Och, Herr Kaiser.
Denken Sie
a) dass ihre Kritik irgendjemanden interessiert
und
b) dass diese auch nur im Ansatz zutrifft?
Etliche Klischees verwurstet zu der jahrzehntealten Polemik.
Schwammige Gedanken verursachen schwammige Weltbilder.
15. April 2009 um 22:19 Uhr
Sehr geehrter Herr Kaiser,
Ihr Text ist witzig und intelligent geschrieben, der Inhalt erfüllt diese Kriterien aber leider nicht.
Ihr schwarz-weißes Gedankengebäude ist ebenso autistisch, wie das vieler junger Menschen.
Sicher, die Anwendung von Gewalt hat in unserem Rechtsstaat nicht zu suchen. Die bestehenden Verhältnisse, in denen Versager-Manager Millionenabfindungen bekommen, Kassiererinnen aber wegen ein paar Cent gekündigt werden dürfen, zu kritisieren ist aber höchst anständig. Und wer will bestreiten, das dieser Frau eine Art von Gewalt angetan worden ist?
Was Sie aber vollends disqualifiziert ist die Tatsache, das sie am Ende alle Kritiker in eine Tonne werfen, und mit einem Spruch der RAF-Terroristen in Verbindung bringen.
Und noch etwas:
Viele junge Menschen gehen nach Afghanistan, in den Kongo, nach Aden oder in den Sudan, und zwar in Uniform. Es steht Ihnen nicht zu von der Sicherheit ihres Schreibtisches anderen zu empfehlen dahin zu gehen, wenn sie es selbst nicht tun.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus
15. Mai 2009 um 18:57 Uhr
Super