Ab morgen spiele ich für 11 Tage Soldat: Die “31. Dienstliche Veranstaltung zur Information (InfoDVag) für Medienvertreter an der Offiziersschule der Luftwaffe (OSLw)” beginnt in Fürstenfeldbruck. Das ist eine Art PR-Veranstaltung der Bundeswehr., bei der die Armee sich den sogenannten Medienvertretern vorstellt. Offiziell werde ich für diese Zeit Soldat sein, Reservist im Range eines Oberleutnants. Gemustert worden bin ich auch: Zwanzig Jahre nachdem ich zum ersten mal von der Truppe in Augenschein genommen worden war, saß ich letzte Woche wieder mit pickeligen 20-jährigen mit Stefan-Effenberg-Frisuren und den falschen Jeans, wie sagt man – beim Kommiß. – nachdem ich vorher den „Steuerkopf“ aufgesucht hatte, das ist der Raum, von dem man weitergeleitet wird zur Ärztin, vor der ich dann Kniebeugen machen musste. Nur gab es zu damals zwei Unterschiede: 1989 war ich, wenn schon nicht pickelig, ein trotzdem verwirrter 20-jähriger und diesmal wollte ich auch nicht ausgemustert werden. Ob ich es damals wollte, weiß ich nicht mehr so genau, aber unangenehm war es mir, als es so kam auch nicht. Bundeswehr war mir egal.
Zweimal war ich als Journalist mit der Bundeswehr unterwegs und ich jetzt guck ich mir das Ganze noch mal von innen an. Und gehöre sozusagen dazu.
Wie das so ist in Berlin war das bereits in den letzten Tagen ein riesiger Gag im eigenen lustig-ironischen Medienmilieu, in dem man sich halt so bewegt. Ich rücke ein. Haha. Ich krieg eine Uniform, und zwar eine andere als Sakko, offenes Hemd und Jeans, die Uniform meines lustig-ironischen Medienmilieus.
Ich bin kein Renegat. Soweit ich weiß und mich erinnern kann, war ich nie gegen den Bund. Ich bin in einer Garnisionsstadt aufgewachsen und hatte ein Poster mit den „Waffensystemen“ der Bundeswehr an der Wand. Das hörte sich an, wie ein Zoo: Fuchs, Wiesel und Wolf sind mir jedenfalls schon länger als Fahrzeuge der Bundeswehr bekannt und nicht nur als lustige Gesellen in Wald und Flur. Aber genau das war der Dreh der Bundeswehr: die wollte nicht anders sein als die lustigen Gesellen in Wald und Flur und da war es kein Wunder, dass in den achtziger der Igel als Bundeswehr-Maskottchen eingeführt wurde. Süß, aber bedingt abwehrbereit: Bis heute zeugt der Igel-Matsch auf unseren Landstraßen davon.
Heute ist die Bundeswehr die interessanteste staatliche Institution, in der vieles sich konzentriert, was es an Widersprüchen gibt im Verhältnis Deutschlands zur Welt und in unserem Selbstverständnis. Mischen wir uns ein, weltweit und wenn ja zu welchem Preis, den man zum Beispiel in Särgen messen kann. Was sind deutsche Interessen (Ja, die gibt es, zum Beispiel Rohstaffversorgung, deshalb war „Kein Blut für Öl“ immer schon die verlogendste Parole – in Wahrheit hieß sie: Wir lassen die Amis das machen, demonstrieren dagegen und fahren dann mit dem Auto nach Hause) und was setzen wir dafür ein. Sowas alles Großes halt. Ich gebe auch zu, dass der ca. 20-jährige MG-Schütze, der mir in Afghanistan sagte, er tue das alles, damit Mädchen in Afghanistan in die Schule gehen können, mich mehr überzeugt hat als die gleichzeitig stattfindenden Anti-Afghanistan-Einsatz-Demontstrationen der deutschen Linken. Naiv? Ja, vielleicht. Aber der deutsche Wille, der in den Demonstrationen zum Ausdruck kommt, nämlich der fanatische Versuch unschuldig zu sein, unberührt von den Widersprüchen, die etwa so ein Einsatz hervorruft, das hat mich abgestoßen.
Das alles hab ich mir halt so gedacht, als ich mich entschloss zur Luftwaffe einzurücken.
Ich rücke ein: ein alter Kamerad, sozusagen.