Archiv für Juni 2009

Mike und Ron – wie zwei Jungs den Ostblock fertigmachten

Sonntag, 28. Juni 2009

1988 kam es in der Ostberlin, direkt an der Mauer, zu einem bemerkenswerten Ereignis. Die Eurythmics, ein englisches Pop-Duo, das durchaus nicht zum aufregendsten gehörte, was der Pop damals zu bieten hatte, spielte in Westberlin vorm Reichstag auf.

Auf der Ostseite, in Hörweite, versammelte eine Menschenmenge in Stonewashed Jeansjacken um wenigstens ein paar Bässen und Gitarren, die bei gutem Wind vom Reichtsg herüberwehten, lauschen  zu können, wenn sie schon nicht selbst dabei sein konnten.

Als die Vopos die Versammlung auseindanderknüppelten, erst da wurde sie politisch, bzw. ihr schon vorher vorhandener politischer Inhalt, brach sich Bahn: “Die Mauer muss weg”, skandierten die Stonewashed-Träger. Popmusik ist politisch. Und wie groß muss die Sehnsucht der Ostdeutschem nach IHM gewesen sein, welche Wirkung muss ER gehabt haben, wenn die mittelmäßigen Eurythmics schon, den richtigen Impuls nach Freiheit auslösten? Was hat Michael Jackson zum Ende des Ostblocks beigetragen?

Wir haben uns angwöhnt, Widerstand gegen ein Unrechtsregime nur dann für wertvoll zu halten, wenn er sofort mit politischen Begriffen artikuliert wird. Dabei ist die Sehnsucht Coca-Cola zu trinken oder eben sich eine Michael-Jackson-Platte kaufen zu können auch Teil der Freiheit. Die Sehnsucht danach war nichts Lächerliches. Es war die größte Schmach des Otto Schily, als er einst eine Banane in die Kamera hielt, um Konsum als Motiv einer politischen Wahlentscheidung zu diskreditieren.

Auch Popmusik ist ein solches Sehnsuchts-Konsumgut, aber Popmusik ist auch ein Emanzipationsmedium. Ich behaupte, dass die Jämmerlichkeit der ostdeutschen Popmusikproduktion, man erinnere sich nur an so schwülstig, bombastrocklastig aufspielende Bands wie Karat, jedem Ostdeutschen noch kümmerlicher erscheinen musste, als ER, der Größte der Großen am Horizont erschien.

Ein Regime, in dessem Land nur schlechte Popmusik produziert wird, und sie war deshalb so schlecht, weil sie nicht Medium der Rebellion sein konnte und weil sie nicht den Geist der Emanzipation in sich tragen konnte – ein solches Regime ist schon genau aus diesem Grund entlarvt.

Diktaturen haben nur schlechte Musik hervorgebracht, und sie fürchteten die Entdeckung des Körpers, denn wenn der Körper sich befreit, will sich auch das Individium befreien. Deshalb hassten die Nazis Jazz.

Jedenfalls haben die Ostdeutschen und die Osteuropäer insgesamt die Tatsache, dass ihnen Michael Jackson vorenthalten wurde, und dass einer wie Jackson eben nur vom Westen hatte hervorgebracht werden können, genau richtig gedeutet: dass ihnen die Freiheit insgesamt vorenthalten wurde.

Michael Jackson hat durch seine amerikanische Lässigkeit und seine ironische Körperbeherrschung, wie sie in den grandiosen Choreographien zum Ausdruck kommt, die zum Teil äusserst komisch sind, dem Ostblock seinen eigenen Mangel noch stärker deutlich gemacht.

Diktaturen sind nicht lässig. Sie sind nicht ironisch. Körper sind bei ihnen vor allem dazu da, in der Masse unterzugehen, anstatt sich in lässigen, das Individuum feiernden Tanzschritten auszutoben.

Michael Jackson hat die Mauer mit zum Bröseln gebracht. Den Rest besorgte der Mann rechts neben ihm.

Auf dem Amt

Donnerstag, 25. Juni 2009

Heute war ich auf dem sogenannten Bürgeramt Charlottenburg.

An folgenden Bekundungen gesellschaftlicher Spezialinteressen bin ich vorbeigeschritten, um schließlich ins Heiligste staatlicher Hoheitsaufgaben vorzudringen, der Passausstellung: Vor dem Rathaus hing die Regenbogenfahne. Im Gang hingen nacheinander: Der Schaukasten des Seniorenvereins. Der Kasten der SPD. Der Kasten der Migrationsbeauftragten. Der Kasten der Gleichstellungsbeauftragten. Der Kasten der Landsmannschaft Pommern/Schlesien.

Nun war es ein weiter Weg, vom irren deutschen Gedanken, dem Kern des deutschen Antiwestlertums, es gäbe nur ein Volk und darin keine verschiedenen Interessen. Und durchaus bin ich Fan der amerikanischen Staatsidee, dass eine Gesellschaft nicht nur nicht Parallelgesellschaften bekämpfen soll – sondern dass sie aus diesen besteht, und zwar ausschließlich. Nur: die Amerikaner haben ja auch eine Staatsidee und zwar eine schillernde, die das alles am Ende zusammenführt unter “E pluribis unum”.

Statt auf einem gut geführten Berliner Amt landet man also auf dem Jahrmarkt der Subkulturen. Im Bürgeramt Charlottenburg ist man dem unbedingten Modernismus verfallen und denkt wohl, die Summe der Spezialinteressen ergäbe schon das Ganze. Und all das wäre nicht so schlimm, würde es nicht auf den Gängen am Ende doch nach schlimmstem preußischem Amtsschimmel stinken.

Jedenfalls musste ich erst zur Kenntnis nehmen, was der Seniorenverein und die Landsmannschaft Schlesien so denken – dabei wollte ich doch nur einen Paß!

Der Totalitarismus der Sensiblen

Dienstag, 16. Juni 2009

Ich mache seit einiger Zeit Yoga bei einer sehr netten Frau. Arme hoch, der Hund, die Cobra, alles gut, alles entspannend. Doch manchmal werde ich sehr unentspannt.

Was eben doch stört an der ganzen bürgerlich-neofernöstlichen-Kontemplationschose für sensible Studenten, esoterische Omas und den Neuen Mann sind Ungeheurlichkeiten wie die folgende. Bestenfalls ist es der übliche Kitsch, wie er in der Bibel der Kitischiers, dem “Kleinen Prinzen” zu finden ist.

Das Milieu ist eben doch geneigt, das war schon immer so, die Welt aus einem Punkt erklären zu wollen. So habe ich bereits den Satz gehört, wenn nur alle Yoga machten, gäbe es keine Kriege mehr. Das unterscheidet unsere sensiblen Grossstadtenstpanner überhaupt nicht von den roten Khmer oder den Sowjets. Die wollten die Welt dadurch erlösen, dass sie alles Bürgerliche vernichten wollten. Und unsere Grossstadtentspanner glauben, der Welt mangele es an Yoga. Das Prinzip ist dasselbe: Die Welt wirtd durch eine einzige Idee erlöst von allem Leid.

Der lustige Esoteriktotalitarismus ist natürlich harmlos, zeugt aber dennoch von der überraschenden Verwirrungszuständen im bürgerlichen Milieu.

Heute dann also dies: Jeder Mensch ist spirituell vollkommen, JEDER.

Und tritt einem jemand aggressiv gegenüber, dann bettele er eigentlich um Liebe.

War Adolf Hitler spirituell vollkommen?

Bettelt Al-Qaeida um Liebe?

Das Schlimme ist, dass Menschen, die mindestens ein Gymnasium, wenn nicht die Universität durchlaufen haben, bei solchen Ideen nicht in Gelächter ausbrechen, sondern in wissend lächelnder Ehrfurcht erstarren, als sei etwas unfassbar Kluges, Tiefgründiges gesagt worden.

Ich hingegen verlasse mich beim Lösen der Probleme, die der spirituell vollkommene Adolf oder die um Liebe bettelnde Al Qaeida hervorrufen auch weiterhin auf die Streitkräfte der Vereinigten Staaten.