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Mike und Ron – wie zwei Jungs den Ostblock fertigmachten

Sonntag, 28. Juni 2009

1988 kam es in der Ostberlin, direkt an der Mauer, zu einem bemerkenswerten Ereignis. Die Eurythmics, ein englisches Pop-Duo, das durchaus nicht zum aufregendsten gehörte, was der Pop damals zu bieten hatte, spielte in Westberlin vorm Reichstag auf.

Auf der Ostseite, in Hörweite, versammelte eine Menschenmenge in Stonewashed Jeansjacken um wenigstens ein paar Bässen und Gitarren, die bei gutem Wind vom Reichtsg herüberwehten, lauschen  zu können, wenn sie schon nicht selbst dabei sein konnten.

Als die Vopos die Versammlung auseindanderknüppelten, erst da wurde sie politisch, bzw. ihr schon vorher vorhandener politischer Inhalt, brach sich Bahn: “Die Mauer muss weg”, skandierten die Stonewashed-Träger. Popmusik ist politisch. Und wie groß muss die Sehnsucht der Ostdeutschem nach IHM gewesen sein, welche Wirkung muss ER gehabt haben, wenn die mittelmäßigen Eurythmics schon, den richtigen Impuls nach Freiheit auslösten? Was hat Michael Jackson zum Ende des Ostblocks beigetragen?

Wir haben uns angwöhnt, Widerstand gegen ein Unrechtsregime nur dann für wertvoll zu halten, wenn er sofort mit politischen Begriffen artikuliert wird. Dabei ist die Sehnsucht Coca-Cola zu trinken oder eben sich eine Michael-Jackson-Platte kaufen zu können auch Teil der Freiheit. Die Sehnsucht danach war nichts Lächerliches. Es war die größte Schmach des Otto Schily, als er einst eine Banane in die Kamera hielt, um Konsum als Motiv einer politischen Wahlentscheidung zu diskreditieren.

Auch Popmusik ist ein solches Sehnsuchts-Konsumgut, aber Popmusik ist auch ein Emanzipationsmedium. Ich behaupte, dass die Jämmerlichkeit der ostdeutschen Popmusikproduktion, man erinnere sich nur an so schwülstig, bombastrocklastig aufspielende Bands wie Karat, jedem Ostdeutschen noch kümmerlicher erscheinen musste, als ER, der Größte der Großen am Horizont erschien.

Ein Regime, in dessem Land nur schlechte Popmusik produziert wird, und sie war deshalb so schlecht, weil sie nicht Medium der Rebellion sein konnte und weil sie nicht den Geist der Emanzipation in sich tragen konnte – ein solches Regime ist schon genau aus diesem Grund entlarvt.

Diktaturen haben nur schlechte Musik hervorgebracht, und sie fürchteten die Entdeckung des Körpers, denn wenn der Körper sich befreit, will sich auch das Individium befreien. Deshalb hassten die Nazis Jazz.

Jedenfalls haben die Ostdeutschen und die Osteuropäer insgesamt die Tatsache, dass ihnen Michael Jackson vorenthalten wurde, und dass einer wie Jackson eben nur vom Westen hatte hervorgebracht werden können, genau richtig gedeutet: dass ihnen die Freiheit insgesamt vorenthalten wurde.

Michael Jackson hat durch seine amerikanische Lässigkeit und seine ironische Körperbeherrschung, wie sie in den grandiosen Choreographien zum Ausdruck kommt, die zum Teil äusserst komisch sind, dem Ostblock seinen eigenen Mangel noch stärker deutlich gemacht.

Diktaturen sind nicht lässig. Sie sind nicht ironisch. Körper sind bei ihnen vor allem dazu da, in der Masse unterzugehen, anstatt sich in lässigen, das Individuum feiernden Tanzschritten auszutoben.

Michael Jackson hat die Mauer mit zum Bröseln gebracht. Den Rest besorgte der Mann rechts neben ihm.

Auf dem Amt

Donnerstag, 25. Juni 2009

Heute war ich auf dem sogenannten Bürgeramt Charlottenburg.

An folgenden Bekundungen gesellschaftlicher Spezialinteressen bin ich vorbeigeschritten, um schließlich ins Heiligste staatlicher Hoheitsaufgaben vorzudringen, der Passausstellung: Vor dem Rathaus hing die Regenbogenfahne. Im Gang hingen nacheinander: Der Schaukasten des Seniorenvereins. Der Kasten der SPD. Der Kasten der Migrationsbeauftragten. Der Kasten der Gleichstellungsbeauftragten. Der Kasten der Landsmannschaft Pommern/Schlesien.

Nun war es ein weiter Weg, vom irren deutschen Gedanken, dem Kern des deutschen Antiwestlertums, es gäbe nur ein Volk und darin keine verschiedenen Interessen. Und durchaus bin ich Fan der amerikanischen Staatsidee, dass eine Gesellschaft nicht nur nicht Parallelgesellschaften bekämpfen soll – sondern dass sie aus diesen besteht, und zwar ausschließlich. Nur: die Amerikaner haben ja auch eine Staatsidee und zwar eine schillernde, die das alles am Ende zusammenführt unter “E pluribis unum”.

Statt auf einem gut geführten Berliner Amt landet man also auf dem Jahrmarkt der Subkulturen. Im Bürgeramt Charlottenburg ist man dem unbedingten Modernismus verfallen und denkt wohl, die Summe der Spezialinteressen ergäbe schon das Ganze. Und all das wäre nicht so schlimm, würde es nicht auf den Gängen am Ende doch nach schlimmstem preußischem Amtsschimmel stinken.

Jedenfalls musste ich erst zur Kenntnis nehmen, was der Seniorenverein und die Landsmannschaft Schlesien so denken – dabei wollte ich doch nur einen Paß!

Der Totalitarismus der Sensiblen

Dienstag, 16. Juni 2009

Ich mache seit einiger Zeit Yoga bei einer sehr netten Frau. Arme hoch, der Hund, die Cobra, alles gut, alles entspannend. Doch manchmal werde ich sehr unentspannt.

Was eben doch stört an der ganzen bürgerlich-neofernöstlichen-Kontemplationschose für sensible Studenten, esoterische Omas und den Neuen Mann sind Ungeheurlichkeiten wie die folgende. Bestenfalls ist es der übliche Kitsch, wie er in der Bibel der Kitischiers, dem “Kleinen Prinzen” zu finden ist.

Das Milieu ist eben doch geneigt, das war schon immer so, die Welt aus einem Punkt erklären zu wollen. So habe ich bereits den Satz gehört, wenn nur alle Yoga machten, gäbe es keine Kriege mehr. Das unterscheidet unsere sensiblen Grossstadtenstpanner überhaupt nicht von den roten Khmer oder den Sowjets. Die wollten die Welt dadurch erlösen, dass sie alles Bürgerliche vernichten wollten. Und unsere Grossstadtentspanner glauben, der Welt mangele es an Yoga. Das Prinzip ist dasselbe: Die Welt wirtd durch eine einzige Idee erlöst von allem Leid.

Der lustige Esoteriktotalitarismus ist natürlich harmlos, zeugt aber dennoch von der überraschenden Verwirrungszuständen im bürgerlichen Milieu.

Heute dann also dies: Jeder Mensch ist spirituell vollkommen, JEDER.

Und tritt einem jemand aggressiv gegenüber, dann bettele er eigentlich um Liebe.

War Adolf Hitler spirituell vollkommen?

Bettelt Al-Qaeida um Liebe?

Das Schlimme ist, dass Menschen, die mindestens ein Gymnasium, wenn nicht die Universität durchlaufen haben, bei solchen Ideen nicht in Gelächter ausbrechen, sondern in wissend lächelnder Ehrfurcht erstarren, als sei etwas unfassbar Kluges, Tiefgründiges gesagt worden.

Ich hingegen verlasse mich beim Lösen der Probleme, die der spirituell vollkommene Adolf oder die um Liebe bettelnde Al Qaeida hervorrufen auch weiterhin auf die Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

Magazin-Journalismus

Freitag, 15. Mai 2009

Ein Magazin des G-36-Sturmgewehrs hat ca. 30 Patronen. Ich bin jetzt wieder da und was da so alles los ist beim Bund, dazu werde ich später was sagen. Nur soviel: ich denke jedenfalls bei Sturmgeschütz der Demokratie nicht nur mehr an den Spiegel aus Hamburg. Sondern auch an die Panzerhaubitze 2000. Auch der Vorwurf, Journalisten dürfen nicht in Uniform rumlaufen wird noch besprochen. Keine Angst.

Ich rücke ein

Montag, 4. Mai 2009

Ab morgen spiele ich für 11 Tage Soldat: Die “31. Dienstliche Veranstaltung zur Information (InfoDVag) für Medienvertreter an der Offiziersschule der Luftwaffe (OSLw)” beginnt in Fürstenfeldbruck. Das ist eine Art PR-Veranstaltung der Bundeswehr., bei der die Armee sich den sogenannten Medienvertretern vorstellt. Offiziell werde ich für diese Zeit Soldat sein, Reservist im Range eines Oberleutnants. Gemustert worden bin ich auch: Zwanzig Jahre nachdem ich zum ersten mal von der Truppe in Augenschein genommen worden war,  saß ich letzte Woche wieder mit pickeligen 20-jährigen mit Stefan-Effenberg-Frisuren und den falschen Jeans, wie sagt man – beim Kommiß. – nachdem ich vorher den „Steuerkopf“ aufgesucht hatte, das ist der Raum, von dem man weitergeleitet wird zur Ärztin, vor der ich dann Kniebeugen machen musste. Nur gab es zu damals zwei Unterschiede: 1989 war ich, wenn schon nicht pickelig, ein trotzdem verwirrter 20-jähriger und diesmal wollte ich auch nicht ausgemustert werden. Ob ich es damals wollte, weiß ich nicht mehr so genau, aber unangenehm war es mir, als es so kam auch nicht. Bundeswehr war mir egal.

Zweimal war ich als Journalist mit der Bundeswehr unterwegs und ich jetzt guck ich mir das Ganze noch mal von innen an. Und gehöre sozusagen dazu.

Wie das so ist in Berlin war das bereits in den letzten Tagen ein riesiger Gag im eigenen lustig-ironischen Medienmilieu, in dem man sich halt so bewegt. Ich rücke ein. Haha. Ich krieg eine Uniform, und zwar eine andere als Sakko, offenes Hemd und Jeans, die Uniform meines lustig-ironischen Medienmilieus.

Ich bin kein Renegat. Soweit ich weiß und mich erinnern kann, war ich nie gegen den Bund. Ich bin in einer Garnisionsstadt aufgewachsen und hatte ein Poster mit den „Waffensystemen“ der Bundeswehr an der Wand. Das hörte sich an, wie ein Zoo: Fuchs, Wiesel und Wolf sind mir jedenfalls schon länger als Fahrzeuge der Bundeswehr bekannt und nicht nur als lustige Gesellen in Wald und Flur. Aber genau das war der Dreh der Bundeswehr: die wollte nicht anders sein als die lustigen Gesellen in Wald und Flur und da war es kein Wunder, dass in den achtziger der Igel als Bundeswehr-Maskottchen eingeführt wurde. Süß, aber bedingt abwehrbereit: Bis heute zeugt der Igel-Matsch auf unseren Landstraßen davon.

Heute ist die Bundeswehr die interessanteste staatliche Institution, in der vieles sich konzentriert, was es an Widersprüchen gibt im Verhältnis Deutschlands zur Welt und in unserem Selbstverständnis. Mischen wir uns ein, weltweit und wenn ja zu welchem Preis, den man zum Beispiel in Särgen messen kann. Was sind deutsche Interessen (Ja, die gibt es, zum Beispiel Rohstaffversorgung, deshalb war „Kein Blut für Öl“ immer schon die verlogendste Parole – in Wahrheit hieß sie: Wir lassen die Amis das machen, demonstrieren dagegen und fahren dann mit dem Auto nach Hause) und was setzen wir dafür ein. Sowas alles Großes halt. Ich gebe auch zu, dass der ca. 20-jährige MG-Schütze, der mir in Afghanistan sagte, er tue das alles, damit Mädchen in Afghanistan in die Schule gehen können, mich mehr überzeugt hat als die gleichzeitig stattfindenden Anti-Afghanistan-Einsatz-Demontstrationen der deutschen Linken. Naiv? Ja, vielleicht. Aber der deutsche Wille, der in den Demonstrationen zum Ausdruck kommt, nämlich der fanatische Versuch unschuldig zu sein, unberührt von den Widersprüchen, die etwa so ein Einsatz hervorruft, das hat mich abgestoßen.

Das alles hab ich mir halt so gedacht, als ich mich entschloss zur Luftwaffe einzurücken.

Ich rücke ein: ein alter Kamerad, sozusagen.

Ab nach Afghanistan!

Mittwoch, 8. April 2009

Vom Rechtsstaat profitieren am meisten die, die ihn ablehnen.

Mörder werden nicht ermordet. Diebe nicht enteignet. Brandstiftern und brutalen Prüglern wird nicht die Bude angezündet und die Arme gebrochen.

Deshalb ist es so lustig in der Demokratie Krieg zu spielen: die vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson völlig zutreffend als “Heinis mit Nasenringen” bezeichneten Mittelschichtskinder, die so gern Krieg spielen, wie jetzt beim Nato-Gipfel, sie wissen ja: passieren wird ihnen nichts. Selbst wenn sie noch so brutal gegen die Polizei vorgehen, bis hin zum Mordversuch – der Gegenseite bei diesen Geländespielen für Erwachsene sind im demokratischen Rechtsstaat die Hände gebunden. So bleibts beim Kriegsspiel mit Krankenversicherung und Grundrechten. Lustiger als Gotcha ist das auf jeden Fall. Vereinzelte Heinis mit Nasenringen, die im Graben zurückbleiben, so wie in Genua, sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Und sie werden von der “Bewegung” heftig bejubelt, scheinen sie doch der Beweis zu sein, dass es doch um den herbeifantasierten realen Krieg unter Männern geht und nicht um einen Klassenausflug von erlebnisarmen Oberstufenkindern.

Es ist das Hobby der Erlebnisarmen. Der erste Mai in Kreuzberg und Besuche des amerikanischen Präsidenten als August 1914 für gelangweilte Gymnasiasten und kryptofaschistische Autonomenbanden. Egal, wie sie sich sich jeweils nennen: Sie sind der Mob. Endlich gehts los. Endlich die große Reinigung. Endlich Krieg, bei dem man die wahrscheinlich vor dem Spiegel eingeübten kitschigen, theatralischen Streetfighter-Posen vor den Fernsehkameras in Szene setzen kann.

Weil es keine Gewalt gibt in bürgerlichen Rechtsstaaten, jedenfalls nicht so flächendeckend wie von den “Heinis mit Nasenringen” herbeigeredet und gesehnt, muss welche erfunden werden.

Die geniale Erfindung der extremen Linken: Dinge zu sehen, die sonst keiner sieht, weil sie nicht da sind. Nicht nur, dass hinter jedem Gartenzwerg der “Faschismus” lauert. Auch, wo der nicht steht, sondern der gute Geschmack der Mittel- und erst recht der Oberschicht regiert, ist erst recht alles im Argen. Denn: dort wird “strukturelle Gewalt” ausgeübt.

Mit dieser Fata Morgana läßt sich noch jede Gegengewalt begründen. Auch wo Hase und Igel sich Gute Nacht sagen, Kinder in blumenübersehten Gärten spielen und glückliche Kühe grasen – dort ist keineswegs alles in Ordnung, denn die “strukturelle Gewalt” führt ihr bitterböses Regiment!

Es ist ein bitterböses Erbe der Linken, dass deren führende Vertreter sich mental von diesem Unsinn eben doch nicht völlig losgesagt haben. Warum Christian Ströbele am Kinderkriegsschauplatz auftaucht, um irgendwie zu vermitteln, so, als seien Mob und Polizei gleichberechtigte Sparringspartner, ist völlig unverständlich.

Wichtiger ist aber etwas anderes: Bin Laden hatte recht. Der Kriegsphilosoph aus Arabien hat einmal gesagt: “Der Westen ist innerlich schwach”.

Seit vierzig Jahren phantasiert sich die linke Großstadtjugend einen Feind zusammen, den es nicht gibt. Sie war in diesen letzten Jahrzehnten so ziemlich gegen alles, von dem sie entscheidend profititierte. Demonstrationen gegen die Taliban-Mörderbanden oder gegen Nordkorea oder gegen die iranische Todesstrafe sind hingegen völlig unvorstellbar. Stattdessen richtet sich die westliche Jugend gegen sich selbst: Sie warf Steine gegen die Marktwirtschaft, sie verlachte die lang erkämpfte Demokratie als “formal”, Bürgerlichkeit war allweil “faschistisch”, die Nato unter deren Schirm sich so prächtig leben ließ war “imperialistisch” und die USA sowieso. Jetzt ist die Globalisierung der Feind, die unter anderem dazu geführt hat, dass die indische Volkswirtschaft nicht mehr ausschließlich davon abhängig ist, ob westliche Bürgerkinder-Hippies dort ihre wallenden Gewänder bestellen.

Bis heute wird dieser Großstadtjugend irgendwie zugute Gehalten, mit ihrem jugendlichen Furor und erhöhter Empfindsamkeit über die Stränge zu schlagen und nur die Gewalt sei das Problem, nicht die Empfindsamkeit.

In Wahrheit ist diese Jugend nicht besonders empfindsam für die Probleme der Welt, sondern sie ist gefangen in totaler Wahrnehmungsverweigerung. Die realen Probleme einer realen Welt interessieren sie einen Dreck.

Sie ist das, wovor sie andere immer warnt: eine ignorante Masse von Spießbürgern, die nichts kennt außer ihre dumpfen Rituale.

Nicht die Nato ist auf der Welt das Hauptproblem, sondern Nordkorea und Iran.

Nicht die irgendwie abstrakt bleibenden Ausgbeuteten und Unterdrückten dieser Welt brauchen unsere “Solidarität”, sondern konkret die Menschen in Afghanistan.

Sie wollen Krieg. Warum gehen die Streetfighter nicht nach Afghanistan? Dort haben sie ihren Krieg. Echten. Und natürlich kann geschossen werden.

Ein Mann, der einfach nicht geht

Sonntag, 22. März 2009

Immer dann, wenn persönliche Schuld nicht ertragen werden kann, müssen wolkige Kategorien her, philosophisch-luftige Begriffe, die persönliche Schuld auflösen und quasi in Naturereignisse uminterpretieren, “Unglücke”, die über einen gekommen sind, so wie Tsunami oder Stürme einen heimsuchen können.

Die Deutschen sind da ja Fachleute: Wer auf Kriegsdenkmäler schreibt “Für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft” wo eigentlich stehen müsste: “Für die Opfer deutscher Kriege und deutscher Gewaltherrschaft”, der kennt sich mit sowas aus.

Ein paar Etagen drunter macht Dieter Althaus dasselbe. Er redet von “Tragik” und “Unglück”, so als gäbe es kein persönliches Fehlverhalten, als dessen Ergebnis eine Tote auf der Piste zurückblieb.

Es ist kein tragisches Unglück über Althaus gekommen. Einfach so. Er ist der fahrlässigen Tötung schuldig und zurecht vorbestraft.

Eine bewährte Möglichkeit Schuld abzutragen, ist Demut. Und Schweigen. Doch Politiker können nicht schweigen, von Berufs wegen nicht. Und deshalb läuft die Dieter-Althaus-Interpretationsmaschine bereits auf Hochtouren. Von was man nicht schweigen kann, davon soll man reden, reden, reden: Neues von Althaus. Jeden Tag. Wie geht’s denn Althaus heute? Wieder ein bisschen besser, Gottseidank.

Schwer zu glauben, dass da nicht auch PR-Strategen mitbasteln.

Schwer zu ertragen ist ein Ministerpräsident Althaus, wegen etwas, das er noch gar nicht gemacht hat, aber in Zukunft machen wird: In Kürze wird der Mann über die Marktplätze ziehen müssen. Und er wird ein paar Sätze über den Unfall verlieren müssen.

Und das wird so klingen: In den Abgrund habe er geschaut. Er sei reifer geworden. Er wisse jetzt, wie vergänglich alles ist und genieße das Leben ganz anders. Jeder Tag könne ja der letzte sein.

Ob Althaus das bezweckt oder nicht, ob er es will oder nicht: Althaus wird klingen, als wolle er den Unfall als etwas verkaufen, das einem großartigen Ministerpräsidenten noch ein bißchen besser gemacht hat. Das ihm eine ganz neue Tiefe, eine Menschlichkeit und eine Reife gegeben hat, also zu einer Charakterfigur gemacht hat, in einem Milieu, der Politik, dem es doch so an Charaktertypen und gereiften Mensche fehle.

Hoffentlich sagt dann dem Althaus mal einer, dass persönliche Reifungsprozesse, für die andere mit dem Leben bezahlt haben, keine so schöne Sache sind.

Ein Polititiker mit Tiefe und Lebensweisheit, kein abgehobener Staatsmann: Marketing-Vorteil fahrlässige Tötung.

Es wird erscheinen, als würde Althaus den Unfall instrumentalisieren, so wie er es jetzt in langen Interviews mit der Bild-Zeitung gemacht hat, an deren Ende man sich dabei erwischt, wie man wirklich, etwas benebelt, ausruft: Der arme Mann!

Im Bild-Zeitungsinterview erscheint doch tatsächlich die Pistensau Althaus am Ende als Opfer. Was für eine Umkehrung der Verhältnisse.

Gern wüßte man, was wohl der Mann zum gereiften Althaus sagt, dessen Frau tot ist und dazu nichts mehr sagen kann.

Nein – Althaus: Der geht einfach nicht.

Warum ich Deutschland mag

Mittwoch, 25. Februar 2009

Anruf beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr, Nachfrage, warum ein bestimmter Kontakt bei Flugbereitschaft in Köln-Wahn seit Tagen quasi nicht erreichbar ist. “Probieren Sie’s frühestens am Mittwoch oder Donnerstag, da ist jetzt Karneval.”

Liebe Taliban, Angriff auf deutsche Truppen in Afghanistan bitte auf die Nach-Karnevalszeit verschieben, Bundeswehr-Nachschubwege aus westdeutschem Kernland wegen komischem Kostumfest, sie nennen es Karneval, unterbrochen.

Übrigens, Taliban, bei Euch ist ja kostümmäßig immer fünfte Jahreszeit. Nur liebe Taliban, in Köln haben die auch noch Spass dabei und gepopt uind gesungen wird auch.

Viele Grüße aus Westdeutschland, dem besten Land der Welt. Es war ein langer Weg von Stalingrad hin zur eingeschränkten Dienstbereitschaft wegen Karneval. Und gerade deshalb lieben wir dieses nur bedingt abwehrbereite Land.

Ich suche einen Job

Donnerstag, 19. Februar 2009

Deutschland – ein Psycho-Krieg

Donnerstag, 12. Februar 2009

Die Nachfolgerin der Religion ist die Psychologie. An nichts wird geglaubt – außer an die Psychologie. Ihr bringt man all das entgegen, was man der Religion, die ein leichtes Opfer von kritischem Bewußtsein ist, verweigert: ihr wird alles geglaubt, vor ihr wird gekuscht, sie ist unfehlbar, sie ist der Heilsbringer. Man sieht das zum Beispiel daran, dass in Kummer-Sendungen wie “Domian” die Gebückten und Bedrückten regelmäßig an “meine Psychologin” weitergereicht werden. Und regelmäßig klingt das wie eine Weiterleitung an den Messias, der die Sache schon lösen wird.

Dieses Land hat eine Obsession mit der Psychologie. Es sind Kleinigkeiten, die das belegen. Hat irgendwo ein schwerer Unfall stattgefunden, wird seit einigen Jahren nicht nur diese Tatsache gemeldet, sondern auch dass “Psychologen” vor Ort seien, die fassungslose Angehörige betreuen. Worin der Nachrichtenwert dieser Tatsache besteht, bleibt zweifelhaft. Vielleicht ist es die Leistungsschau einer Branche, vielleicht soll auch nur gesagt werden: alles paletti, die Profis sind vor Ort.

Oft wird die Berichterstattung über die Psychologisierung unserer Gesellschaft als “Tabubruch” gekennzeichnet. Das ist zum Beispiel bei der Berichterstattung über traumatisierte Soldaten der Bundeswehr der gängige Sound.

Vorweg: Die Entdeckung und Behandlung dieser Krankheit (posttraumatisches Stressyndrom) ist ein Fortschritt der Medizin und zu begrüßen. Das ist das eine.

Dennoch hat die journalistische Modewelle, sich dem Aghanistan-Einsatz über das Thema “Traumatisierung der Soldaten” zu nähern etwas Seltsames. Nicht nur ist es kein Tabubruch, das Thema anzusprechen, wie immer behauptet wird: Da seien “Kämpfertypen”, gefangen in ihrer Männlichkeit, deren Selbstbild es widerspräche zum Psychiater zu gehen, so raunt es aus den Blättern. Seit 40 Jahren wird Männlichkeit demontiert. Von Tabubruch kann also gar keine Rede sein, wenn über traumatisierte Soldaten berichtet wird.

Böse Zungen würden behaupten: Das mit dem Gefangensein in der eigenen Männlichkeit kann so nicht stimmen, den genau dieser Typus ist in der Bundeswehr selten anzutreffen. Wiederum böse Zungen behaupten: zu selten. Stattdessen herrscht in der Bundeswehr der sozialwissenschaftliche Sound der “interkulturellen Kompetenz”. Der “Staatsbürger in Uniform” ist weit entfernt von den Fightern, deren Aufgabe Donald Rumsfeld einst so umschrieben hatte: “To killl as many Talibans as possible”.

Nicht der Traumatisierte ist, wenn es um die Bundeswehrberichterstattung geht, das Tabu, sondern der gut ausgebildete Kämpfer, der um das Risiko des Einsatzes weiß, und sich sogar in ihm beweisen will.

Das Tabu ist, dass Soldaten dazu ausgebildet werden, um zu töten, und dass das evtl. auch in bestimmten weltpolitischen Konstellationen eine nützliche Fähigkeit ist. Das ist in Deutschland das Tabu, ganz abgesehen davon, dass es auch ein Tabu ist, deutsche Interessen zu definieren, und was wir bei der Durchsetzung dieser Interessen auch an Menschenleben zu opfern bereit sind. Das ist das allergrößte Tabu in diesem Land.

Auch ist es ein seltsamer psychologisierender Monolog dieser Gesellschaft, angesichts der Tatsache, das ganze Völker traumatisiert sind, zum Beispiel das afghanische, sich wieder nur selber zum Opfer zu erklären. Diese Gesellschaft hat eine weitere Obesession: Sie will Opfer sein.

Die Amerikaner hatten 58.000 Tote in Vietnam und bis heute ca. 2300 Tote in Irak. Es rühmt Deutschland und es ist ein Glück, dass wir in dieser furchtbaren Statistik mit unter 30 Toten zurückfallen. Trotzdem ist es seltsam, dass wir – auch mittels Spielfilm – bereits so tun, als sei Afghanistan unser Vietnam. Eine komische Selbststilisierung.

Vielleicht gibt es ja eine psychoanalytische Erklärung für das deutsche Suhlen im Leid – ausschließlich dem eigenen natürlich.

Geht es um eine deutsche Armee im Krieg, kann es gar nicht anders sein, als dass die deutsche Vergangenheit in der Berichterstattung mitschwingt.

Die obsessive Berichterstattung über die traumatisierte Armee, von durch Tod und Töten traumatisierten jungen Männern ist eine als “Tabubruch” hochstilisierte nachgeholte Widerstandshandlung, die nichts kostet. Sie kommt 65 Jahre zu spät. Aber die nachgeholten, unfassbar mutigen Widerstandshandlungen sind auch eine deutsche Spezialität.

Hitler hat man nicht gestürzt. Deshalb muss man 64 Jahre später Eva Herrmann mutig aus der Talkshow schmeißen. Eiine ganze Generation von Deutschen hat einst nicht nur einen ganzen Kontinent traumatisiert, sondern auch sich selbst. Deshalb müssen wir jetzt bei der Bundeswehr drüber reden. Obwohl es um eine andere Zeit und andere Armee geht, nämlich die demokratischste und zivilste deutsche Armee aller Zeiten geht. Seltsames Land.