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Noch mal Papst

Mittwoch, 4. Februar 2009

So geht es allerdings auch nicht: Der Italien-Korrespondent der FAZ, Heinz-Joachim Fischer, ist in den Papst quasi hineingekrochen. Wieder herausgeschafft hat er es nicht.

Heinz-Joachim Fischer tickt so: Wenn “Intelektuelle” (also, um mit dem Papst, dem Fischer zu 100 Prozent und immer zustimmt, zu sprechen “Relativisten”) gegen etwas oder jemanden sind, dann ist derjenige oder die Sache grundsätzlich gut.

So wie der Papst. Eine andere Argumentation verfolgt Fischer nicht. Mit diesem, seinem einzigen Grundgedanken, betreibt Fischer nun seit Jahren seine Korrespondentenstelle in Rom. Genauso macht er es übrigens mit Berlusconi, dem anderen Fischer-Idol. Auch der hat das Glück von den Falschen, dem “intelektuellen Europa” angefeindet zu werden – also ist er einer der größten lebenden Politiker.

Woran liegt es also, dass der Papst so angefeindet wird? Fischer:

“Es muss wohl daran liegen, dass Joseph Ratzinger vor allem eines ist: grundzufrieden katholisch. Dies ist im intellektuellen Europa eine relativ seltene, und wenn, dann meist verborgene Geisteshaltung; damit zieht man wie der heilige Sebastian die Pfeile bei jeder Gelegenheit auf sich.Katholisch - und dann noch zufrieden damit. Welche Provokation. Aber so ist er.”

Aber so ist er. Ein Fels in der Brandung des widerlichen Zeitgeistes. Wenn jemand das ist, dann ist alles andere scheißegal. Erst recht, dass angeblich, laut Vatikan,  eine Wiedereingliederung eines Sektierers erfolgen kann, ohne dass dabei der Eindruck entstünde, man mache sich mit dessen Ansichten gemein oder dulde sie zumindest. Wiederaufnahme und Urteil über Bewertung der kruden Ansichten eines Sektierers können angeblich völlig getrennt werden. Das können die päpstlichen Theolgen und Kirchenrechtsexperten in ihren Oberseminaren erzählen – ein normaler Mensch kapiert sowas nicht.

Sich darüberhinaus aber wie Fischer einzureden “Katholisch-Sein” sei eine Provokation im “intelektuelen Europa”, ist natürlich erstens Selbstbeweihräucherung und Selbststilisierung als Widerstandskämpfer und zweitens totaler Realitätsverlust.

Kein Schwein interessiert es “im intelektuellen Europa” ob jemand Katholik ist oder irgendwas anderes. Eine zeitlang war es im “intelektuellen Europa”, Unterabteilung Berlin sogar der neueste heiße Scheiss, ein wenig den Katholiken zu spielen. In Wahrheit haben Intelektuelle genau diese Schwäche: Weil sie zuweilen haltlos sind, fühlen sie sich von Totalitarismen oder Religionen nicht selten angezogen.

Am liebsten würde man diesem Salon-Katholiken Fischer in die 70er Jahre zurückversetzen, ein Schild mit der Aufschrift “Ich bin Katholik und auch noch zufrieden damit” umhängen, und dann durch bestimmte Stadtteile von Belfast schicken. Dann wüßte er dem Unterschied zwischen zusammenphantasierter Salon-Provokation und eine einer richtigen Provokation.

Sonst aber herrscht in unserer Gesellschaft, was relgiöse Fragen angeht, eine angenehme, totale Gleichgültigkeit. Vielleicht schafft es Fischer ja doch noch regelmäßig, irgendwo einen altlinken Sozialkundelehrer aufzutreiben, der bei dem Bekenntnis “Ich bin Katholik und auch noch zufrieden damit” in Ohnmacht fällt. Die meisten werden sagen bei diesem bahnbrechenden, mutigen Bekenntnis wohl sagen: “Ja mei.”

Für die FAZ ist dieser Fischer erstaunlich unterkomplex.

Aber mich hat an der deutschen Konservativen immer gestört, dass sie so etwas wie Identität nur aufbauen können, in dem sie sich als Widerstandskämpfer gegen eine angebliche linke Weltverschwörung inszenieren.

Der Liberalismus, das darf man nie vergessen, ist von Kulturpessimisten von links und rechts gleichermaßen unter Feuer.

Die Papstkritiker-Industrie

Dienstag, 3. Februar 2009

Es ist nur ein Nebenaspekt der gegenwärtigen Papst-Krise mit dem nichts entschuldigt wird, was der alte Mann im Vatikan und seine Brüder versäumt haben:

Aber es gibt einen ganzen Berufszweig, dessen gesamte Tätigkeit und gesamte Berufsidentität nur einen Inhalt hat – gegen den Papst zu sein. Und es muss Ihnen gesagt sein, wie schlimm sie sind.

Diese Papstkritiker-Industrie um Hans Küng, Eugen Drewermann und Uta Ranke-Heinemann macht nicht nur Millionenumsätze mit dem Heiligen Vater, bzw. gegen ihn, er ist ihr in Wahrheit ihr ein und alles, ohne ihn wären sie nichts, er ist ihr spiritus rector, ihr Brötchengeber, er gibt ihnen Halt. Diese negative Berufsidentität “Papst-Kritiker”, auch “Kirche von unten” gehört dazu, ist das Feld hemmungsloser, narzistisch extrem gestörter Dauerbeschaller der Talkshows. Man mag dem Papst allerlei Unsinn unterstellen. Nie würde der Papst aber am Abend des 11. September 2001 die Geschmacklosigkeit und Ungeheuerlichkeit produzieren, die Tat von New York als Botschaft verzweifelter junger Männer zu bewerten, die in Wahrheit um Liebe betteln, die wir ihnen aber in westlicher Hybris und Arroganz verwehrt haben. Nein, der Papst würde sowas nicht sagen. Eugen Drewermann schon. Ich war live dabei vor dem Radiokasten.

Ist man erstmal in den moralischen Stand des Papstkritikers aufgestiegen, dann gilt offensichtlich das, was die Papstkritiker-Industrie dem armen Objekt ihrer Machenschaften nicht zugestehen wollen: Unfehlbarkeit.

Dabei gäbe es eine klare und saubere Lösung für die Papstkritiker-Industrie, aber die ist für diese schwer gestörten Narzissten nicht gangbar – ist doch der Titel des Opfers und Widerstandskämpfers der am meisten begehrte.

Sie sind gegen das Zölibat. Sie sind gegen die Unfehlbarkeit des Papstes. Sie sind gegen das Verbot Frauen als Priester zu weihen. Sie bezweifeln die Jungfrauengeburt. Es gab schon mal einen, der gegen all das war.

Er hieß Martin Luther und gründete einen neuen Verein, in dem das alles abgeschafft war. Der hieß evangelische Kirche und kann noch Mitglieder gebrauchen.

Wäre es dann nicht naheliegend, endlich Ruhe zu geben und aus dem Verein, dessen fundamentale Prinzipien man ablehnt, einfach auszutreten und in den neuen Verein, der ist ja immerhin auch 500 Jahre alt, einzutreten?

Ich trete ja auch nicht in die FDP ein um anschließend einen Arbeitskreis Kommunismus-Jetzt! zu gründen.

Aber das ist wohl zu einfach gedacht. Die Umsätze der Papstkritiker-Industrie und der narzistische Gewinn als Opfer des bösen Katholizismus zu gelten, der ist einfach zu hoch.

Aber muss man mit der eigenen narzisstischen Störung unablässig unschuldige Christen belästigen?

Glaube als Hobby

Donnerstag, 29. Januar 2009

Seit einiger Zeit gibt es ja im deutschen Bürgertum einen modischen Katholizismus: Man schickt seine Kinder gern wieder in kirchliche Kindergärten, geht Sonntags in den Gottesdienst und findet auf einmal den Papst gut. Doch das Ranschmeissen an 2000 Jahre Tradition durch Leute, die offensichtlich einen Traditionsmangel empfinden, ist das Gegenteil von dem, was es vorgibt zu sein: Es ist nicht die Rückkehr zu ewigen Werten, sondern die Fortsetzung von Lifestyle mit anderen Mitteln, also genau das, wogegen sich die katholische Kirche wendet. Gestern ging man eben zum Tangokurs oder war Buddhist – heute ist Katholizismus in und morgen was anderes. Glauben ist Privatsache und Hobby - und muss es bleiben. In dieser Meinung sieht sich bestärkt, wer die aktuellen völlig abseitigen Auseinandersetzungen um Exkommunikation und deren Rücknahme durch den Papst beobachtet. Auch wenn es nicht virulent ist, eben weil die Kirchen bedeutungslos sind und es eben keinen Kampf zwischen Staat und Kirche gibt: Kirche und liberaler Staat vertragen sich nicht. Kirche ist – und muss es sein – totalitär. Wer nur Gottes Gesetz anerkennt und sonst nichts, gerät tendenziell in Konflikt mit einem Staat, der die Verfassung als oberstes Gesetz kennt – und sonst nichts. Das Beruhigende ist: Ob ein (schon toter!) Kardinal Lefébre Juden für „Verblendete“ hält und zur Tridentinischen Messe zurückkehren will, die auf Latein gehalten wird –  und ob Papst Benedikt das auch will und ob all die toten und halbtoten Brüder nun Juden für arme, fehlgeleitete Halbkatholiken halten oder nicht – all das sind Meldungen aus einer in Wahrheit untergegangenen Welt. Das mag ein paar Kirchenredakeure interessieren und Theologen. Also niemanden. Vielleicht wird aber den Modekatholiken dabei wenigstens klar, wie der richtige, nicht ihr eingebildeter sanfter Katholizismus tickt. Angenehm vielen Deutschen, nur leicht aufgerundete 100 Prozent, ist es völlig egal, welcher irrer, sowieso schon tote Sektierer vom Papst gerade begnadigt wird und ob in Zukunft lateinisch geredet wird im katholischen  Gottesdienst, den sie auch weiterhin nicht besuchen werden.

Gaza-Nachlese

Dienstag, 27. Januar 2009

Viele gequälte Deutsche wachen morgens mit einem Gerdanken auf und gehen abends mit demselben Gedanken ins Bett: Was, verdammt, darf man gegen Israel sagen?

Dabei müsste die Frage, angesichts der durchweg negativen Berichterstattung über Israel lauten: Was darf man zugunsten Israels sagen? Betrachtet man den deutschen Leserbrieffuror, sieht man die Norbert Blüms und Norman Paechs, die mit Schaum vorm Mund und hochaufgerissenen Augen gegen Israel loslegen, lautet die Antwort: Nichts.

Einer versucht doch noch, mit gewisser Grundsympathie an den jüdischen Staat ranzugehen und deshalb ist der Artikel Bernard-Levys in der Samstags FAZ so bemerkenswert. Lévy war im Gazastreifen und hat ein paar Dinge beobachtet. Der Text ist eine absolute Ausnahme in der deutschen Presse. Es geht um einen israelischen Piloten namens Asaf:

„Nichts rechtfertigt den Tod eines Kindes“, sagt Asaf, der Anfang dreißig ist, in New York ein Restaurant hat und seinen Reservedienst als Pilot eines Cobra-Hubschraubers versieht. „Wenn ich sehe, dass ich bei meinem Einsatz statt eines militärischen Ziels auch Zivilisten treffen könnte, breche ich die Mission ab und kehre zum Stützpunkt zurück.“

Ich habe Asaf aufgefordert zu beweisen, was er da sagt. So kommt es, dass ich mich in Palmachim wiederfinde, dem Allerheiligsten der israelischen Militärtechnologie. Hier wurden die Antiraketenraketen Arrow getestet. Nun sehe ich hier Asafs Bordvideoaufnahmen. Ich höre seinen Funkverkehr vom 3. Januar, in dem man ihm befiehlt umzukehren, weil sein Ziel, der Terrorist, von einem Kind begleitet wird. Ich sehe vier dieser unglaublichen Filme, auf denen bereits abgefeuerte Raketen auf ein braches Feld umgelenkt werden, weil im letzten Moment ein Zivilist im Bildschirm erscheint oder das anvisierte Auto in die Tiefgarage eines Hauses fährt, dessen Bewohner nicht gewarnt wurden.

Ich ahne, dass nicht alle dieselben Skrupel haben wie Asaf, wie soll man sonst die viel zu zahlreichen und völlig unakzeptablen Blutbäder erklären? Aber dass es in den israelischen Streitkräften einen Asaf gibt und dass deren Richtlinien seine Haltung eher stützen, dass Asaf nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, darauf hinzuweisen ist wichtig, weil es dem Klischee zuwiderläuft, nach dem diese Armee ein Haufen von Schlägertypen sei, die nur auf Frauen und Greise losgehen.”

Das Ende der Anti-Bush-Religion

Mittwoch, 21. Januar 2009

Der gestrige Tag ist, ohne dass die Anhänger es überhaupt gemerkt haben, das Ende einer Religion. Einer säkularen Religion. Einer negativen Religion. Das Objekt ist weg: George W. Bush.

Die Ära Bush hat eine Pseudo-Politisierung herbeigeführt, in dem Leute, die nur eine Idee hatten, nämlich dass George W. Bush des Teufels ist, ihr in Wahrheit fundamentales Desinteresse an Politik und den Weltkonflikten für acht Jahre kaschieren konnten. Und sich dabei noch gut fühlen konnten, als schwer informierte Fundamentalkritiker und Widerstandskämpfer, wenn der Widerstand auch nur darin bestand, befeuert von Oberstudienräten, als Pennäler für fünf Minuten die Kreuzung in Recklinghausen zu blockieren. Denn egal, was in der Welt an Leid vorhanden ist – weil GWB es benannt hatte, durfte es nicht vorhanden sein. Weil Bush eine Strategie benannt hatte, die, wie im Fall Iran, Gewalt nicht ausschloß – die älteste und erfolgreichste politische Strategie der Welt – konnte sie nicht richtig sein. Weil Bush etwas als “böse” bezeichnet hatte, musste es harmlos sein.

Die Bush-Kritik hat jedes Maß überstiegen. Dass die deutsche Öffentlichkeit sich über Jahre quasi in freiwilliger Gleichschaltung in ihrem Bush-Hass verlor, muss beunruhigen. Es war eine Weltflucht.

Keine Idee, keine Strategie, keine wache Weltwahrnehmung, kein Problembewußtsein, keine Analyse, nur ein seit acht Jahren ununterbrochenes Mantra: George W. Bush ist der Teufel.

Der unfreiwillige Religionsstifter ist jetzt weg. Im Grunde müssen die Anti-Bush-Jünger GWB dankbar sein. Denn solange er da war, konnte die politische Dauerpubertät, die endlose Wirklichkeitsleugnung, etwa, was die Gefahr durch politischen Islamismus oder die iranische Atombombe angeht, weitergehen.

Wie kleinlich, dumm und naiv das alles ist, konnte man gestern auf einer Veranstaltung der “Democrats abroad” in Berlin begutachten. Kein Bild von GWB durfte über den Bildschirm flimmern, ohne das gebuht, gejohlt und gepfiffen wurde.

Dabei ist die Inauguration, die kalifornische Senatorin Feinstein hatte es wunderbar in ihrer kleinen Rede ausgedrückt, also die gewaltlose Übergabe der Macht, die Quintessenz der Demokratie. Und so, wie Amerika das alle vier Jahre macht, ist es auch noch eine wunderbare, großzügige Demonstration der Freiheit, wie sie nur Amerikaner zustandebringen.

Wenn Deutsche ihren Einheitstag feiern, hat es nie den Geschmack von Freiheit, Aufbruch und Großzügigkeit. Es stinkt nach Bratwurst und sieht aus wie die Stände der Arbeiterwohlfahrt.

An einem solchen Tag wie dem der Inauguration noch einmal triumphal auf GWB einzuprügeln, zeigt, welche unfassbare Naivität die Obama-Jünger in sich tragen. GWB hatte die Probleme, mit denen er es zu tun hatte, nicht erfunden.

Man könnte sogar sagen: Beide großen Probleme, die Immobilienkrise und der Beginn des islamistischen Terrors waren Erbschaften der Clinton-Jahre.

Wie auch immer: Man darf jetzt schon gespannt sein, wie die Jünger der Anti-Bush-Religion reagieren werden, wenn ihr junger Messias sich an die Weltprobleme heranwagt, und auch auf Flugzeugträger setzt, statt, wie seine naiven Anhänger glaubten, auf guten Willen, warme Worte und ein bisschen Entwicklungshilfe.

Wahrscheinlich werden die Jünger der Ant-Bush-Religion einfach wieder dahin verschwinden, wo sie herkamen, im Nirvana der politischen Desorientierung und der Schwärmerei.

George W. Bush war ihr Glücksfall, die Möglichkeit mal rauszukommen und sich dabei auch noch schwer politisiert zu fühlen, statt, was der Wahrheit enstpricht: total desinteressiert an der Welt und mit null Mitgefühl mit den Geknechteten der Welt.

Keiner wird sie vermissen. Nichts haben sie befördert, keinen Plan aufgezeigt, keine Idee jemals in die Diskussion geworfen, die es wert gewesen wäre zu bedenken. Der Zustand der akademischen Großstadtjugend und des halbpolitisierten deutschen Bürgertums ist erbärmlich. Ab jetzt bleiben sie zuhause. Zum Glück gibt es dann weniger Staus in den Städten.

Dann gibt bes wenigstens freie Fahrt für freie Bürger wie mich.

Israel und die Linke

Dienstag, 13. Januar 2009

Neulich las ich  - im Internetportal “Perlentaucher” – die Schlagzeile: “Gaza-Krieg: Linke versagt”.

Beglückt dachte ich: Endlich sagt’s mal einer, genau, richtig. Die Linke hat schließlich ihre Erfahrung gemacht mit Totalitarismus, auch und vor allem mit dem eigenen, die Linke wird ein Gemeinwesen namens Israel, einem liberalen, pluralistischen und demokratischem Staat zur Hilfe kommen, wenn dieser von einem neuen Totalitarismus namens Hamas, Djihadismus oder Hizbollah oder sonstwie angegriffen wird. Dann wäre die Linke bei sich. Dann suchte ich den Artikel. Und dann ging es nicht um die westeuropäische Linke und den Gaza-Krieg, sondern es ging mal wieder um die israelische Linke, die in der kriegslüsternen Mittelmeernation nicht genug tue, um den Kriegstreibern in den Arm zu fallen.

Uns soll immer eingeredet werden, hier wären halt zwei Kriegsparteien ineinander verkeilt, die grundsätzlich gleich schlecht oder gleichgut seien.

Thomas Avenarius hat in einem absolut irren Artikel in der “Süddeutschen” diese Haltung noch auf die Spitze getrieben, indem er westlichen Politikern vorwirft, sie würden zu große Sympathie für eine Kriegspartei zeigen, nämlich Israel:

“Wenn zum Beispiel der Nahost-Beauftragte Tony Blair beim israelischen Verteidigungsminister
Ehud Barak die Chancen einer Waffenruhe in Gaza auslotet, herzen sich
die beiden vor den Kameras nach Männerart: Schulterklopfen, breites Lachen. Wenn auch noch Israels Außenministerin Tzipi Livni auftaucht, gibt es kein Halten mehr für die westlichen Diplomaten: EU-Außen-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner tauscht Küsschen nach Damenart, EU-Chef-Außenpolitiker Solana schließt sich kavaliersmäßig an. (…)

Was wäre, wenn nun der Hamas-Hardliner Machmud Zahar auftauchen würde? Gäbe es für den anderen Gaza-Kombattanten auch Schulterklopfen, Küsschen?”

Tja, das ist die Frage. Dass die Antwort selbstverständlich nein lautet, und dass sie deshalb ohne großes Nachdenken nein lautet, weil der Westen für das westlich geprägte Israel vielleicht sogar etwas wie Sympathie empfindet – eine Sympathie, die es eben schwerfällt für eine Vereinigung zu empfinden, die den Westen samt Israel, könnte sie es, wegbomben, bzw. in ein Kalifat verwandeln würde – auf diese Idee kommt Avenarius nicht. Das Problem ist: auf diese Idee kommen auch viele andere nicht.

Pro-Palästina-Demonstration, 10.1. Berlin. Eine arabische Famile rückt ab. Durch den Hauptbahnhof Berlin hallen Parolen, einer skandiert, alle anderen antworten im shout/response so etwas wie “Tod Israel”. Der Familienpatriarch geht vorneweg, dahinter die Frau mit Schleier, dann das Kind mit Plakat: “Gaza=Holocaust”

Mir ist es unverständlich wie Leute, die auf linksdeutsch in solch “patriarchalen Strukturen” daherkommen, ernsthaft damit rechnen können, von linken Demonstranten, von einem Teil der akademischen Jugend Unterstützung zu erfahren.

Bereits hier lag ein Hauch von politischem Totalitarismus über der Szenerie. Ganz abgesehen davon, dass man sich fragt: Wo sind eigentlich die ganzen Batallone von Kindesmissbrauchs-Anprangerern, wenn man sie braucht? Wenn das kein Kindesmissbrauch ist, kleine Jungs mit großen Hassplakaten durch die Strassen zu schicken.

Djihad! Gesundheit.

Zum Glück geht’s auch so:

Israel und die sogenannnte “Unverhältnismäßigkeit”

Mittwoch, 7. Januar 2009

Mit seinen Feinden hat Israel gelernt zu leben – und zu kämpfen. Mindestens genauso unangenehm sind aber seine falschen Freunde – Schreibtisch-Strategen, die vom warmen Abgeordneten- und Redakteursbüro in Paris oder Berlin aus Israels Kriegsstrategie kritisieren. Dabei gibt es zwei rethorische Klassiker. Klassiker eins: Man erweise Israel keinen Gefallen, wenn man es unterstütze. Diese interessante Denkfigur adelt auch noch eine Haltung als Freundschaft, die Israel Solidarität verweigert: Nur wer Israel kritisiere, sei ein wahrer Freund (Deutschlandfunk-Kommentar, 5.1.08). So gedacht ist Israel wohl das Land mit den meisten Freunden auf der Welt. Klassiker zwei: Israels Reaktion auf den Dauerbeschuss, der einen ganzen Landesteil quasi unbewohnbar macht, sei „unverhältnismäßig“ (SPD-Fraktionsvize Walter Kolbow, 5.1.08 und viele, viele andere, darunter Sarkozy und EU-Außenpolitikerin Ferrero-Waldner). Was aber wäre „verhältnismäßig“? Unausgesprochen betätigen sich die Kolbows als Leichenzähler: Einer ins Töpfchen, einer ins Kröpfchen – erst wenn ein israelischer Bürger tot ist, darf Israels Militäraktion auch ein Opfer fordern. Dann steht es sozusagen eins zu eins. Bei jetzigem Stand, angeblich 530 palästinensische Opfer (wenn diese, von der Hamas herausgegebenen Zahlen denn stimmen) haben wir bei drei toten israelischen Soldaten und ein dutzend Toter durch Raketenbeschuss mindestens 500 tote Israelis zu wenig. Da muss doch noch was gehen! In Wahrheit ist die Verteidigung des eigenen Staatsgebiets, bei dem die israelische Armee sehr behutsam vorgeht und die Bewohner von angegriffenen Häusern vorher warmt (ein einmaliger Vorgang in der Kriegsgeschichte), Kernaufgabe eines Staates. Der Schutz der eigenen Bürger misst sich nicht nach Toten. Er ist Staatsräson. Ein Staat, der seine Bürger nicht mehr schützen kann, hat aufgehört zu existieren. Aber vielleicht ist das ja das wahre Ziel der so genannten Israel-Freunde.

Die Reise nach Afghanistan (III): Kunduz

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Wir sind in Kunduz – Der Stabsfeldwebel in MES (Bundeswehr-Slang für Massar-e-Sharif) hatte die Stirn gerunzelt. „Da geh ich nicht freiwillig hin“. Zum Glück ist es mit der Freiwilligkeit in der Bundeswehr so eine Sache. Kunduz ist das Wort, in dem sich die neue Bundeswehr, die Angst, die Realität des Krieges, die Verweigerung dessen Anerkennung als solchen, bündelt.
In MES wird verwaltet. In Kunduz wird gestorben.
Ein Soldat zitiert aus dem Film „Full Metal Jacket“: „Ich bin der Priester des Todes“. Das ist gespielt martialisch. So ist keiner hier. Kriegsfilme als Bezugspunkt einer Identitätssuche: Die Bundeswehr hat keine Identität, deshalb wird eine ironisch durchgespielt.
Und wie Deutschland insgesamt sucht sich die Bundeswehr eine negative Identität. Wir wissen zwar nicht, wer wir sind und was das ganze soll: aber so wie die Amerikaner sind wir nicht.
„Die trete einfach die Türen ein, auch zu den Räumen der Frauen, und geben denen sogar die Hand“, sagt ein höherer Soldat. „Sowas machen wir nicht, unsere Stärke ist die interkulturelle Kompetenz.“
Soldat ist ein Beruf. Ausländerbeauftragter ist ein Beruf: In der Bundeswehr verschwimmen beide Genres. Man kann ja dagegen sein. Aber warum sagt in der Bundeswehr so selten jemand das, was uns der Oberstleutnant in MES sagte: „Wir sind Spezialisten im Waffengebrauch.“
Warum sind wir hier? Diese Frage wird mit großer interkultureller Kompetenz beantwortet. In der Bundeswehr-Afghanistan-Truppe gibt es diese Standard-Antwort. Dauernd muss man die über sich ergehen lassen.
„Nach afghanischem Kalender ist es jetzt 15 Jahrhundert. Das dürfen wir nicht vergessen. Und genauso ist das hier. Demokratie? Mit welchem Recht können wir diesen Menschen unsere Gesellschaftsform aufdrängen? Das beste, was wir hier erreichen können ist einigermaßen Stabilität.“

Interkulturelle Kompetenz: das ist in Wahrheit der Tarnname für bestimmte, stereotype Zuschreibungen. Der Afghane, der Araber, der kann keine Demokratie. Aber dargeboten wird das Ganze als westliche Bescheidenheit, als Verständnis für die “andere Kultur”.

Dabei ist es Verrat am afghanischen Volk.

Wenn einer nicht weiß, warum er sich in Lebensgefahr begibt, obwohl doch der Afghane immun ist gegen Freiheit, gegen jedes Bestreben der Emanzipation. Wenn einer nichts weiß von afghanische Frauengruppen, jungen Menschen mit Spaß am Journalismus, die gern die Wahrheit schreiben würden, auch wenn’s einem Clananführer nicht passt – wenn einer sich stattdessen flüchtet in jene sogenannte interkulturelle Kompetenz, die darin besteht dem Afghanen unveränderbare, genetisch festgelegte Primitivität zu unterstellen – dann sollte die Bundeswehr abziehen.
Es ist ein Problem der Politik. Bis heute hat die Politik die Begründung nicht geliefert, Struck hat den ersten und letzten Versuch gemacht, dem Einsatz eine ethisch-rechtliche Grundlage zu geben.
Deutschlands Freiheit (ich denke auch: die afghanische) wird am Hindukusch verteidigt.
Das ist die deutsche, Uelzener Variante von JFK: „As long as one man is enslaved, we all are not free.“
Wir gehen in Kunduz auf „Plattenpatrouile.“
(Ich liefere die fehlenden Texte leider erst Anfang Januar. Guten Rutsch!)

Die Reise nach Afghanistan

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Dann siegt mal schön – Theodor Heuss zu jungen Rekruten

Die Bundeswehr ist dazu da, den Feind aufzuhalten, bis eine richtige Armee kommt – Landserspruch

Die größte Friedensbewegung ist die Bundeswehr – Franz Josef Strauss

Die Bundeswehr ist die Institution, die den größten Wandel im vereinten Deutschland durchgemacht hat. Nicht nur, dass sie eine fremde Armee in sich aufgenommen hat – wirklich spürbar wird die neue außenpolitische Rolle Deutschlands eigentlich nur in der Armee. Der Großteil der deutschen Bevölkerung hält die Bundesrepublik weiterhin für eine politische Oase, die, würde man sich nur aus allem raushalten, mit keinem Konflikt auf der Welt irgendetwas zu tun hätte. Die Weltprovinz Bundesrepublik der 80er wird in diesem Irrglauben einfach fortgeschrieben, als wäre nicht passiert.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan können sich so eine Einstellung nicht leisten – zumindest sind sie hineingeworfen in den derzeitigen Hotspot der globalen Auseinandersetzung zwischen einem neuen Totalitarismus und dem freien Westen. Wer mit ihnen spricht, spürt eine Politisierung, die man sich auch in der Bundesrepublik wünschen würde: Was soll der Einsatz? Helfen wir den Afghanen? Was ist das Ziel? Warum greifen die uns an?

Diese Fragen interessieren allerdings sonst niemanden in einem Land, in dem man das Anhören von Dalai-Lama-Reden für eine politischen Akt hält.

Vom 5. bis 10. Dezember war ich mit der Bundeswehr in Afghanistan unterwegs (Köln-Termez-Massar-I-Scharif-Kunduz). Protokoll eines Truppenbesuchs.

Gestern Abflug in Köln mit dem Luftwaffen-Airbus A 310 Kennung 10+23
von Köln-Wahn. Schon im Flugzeug ist die alte und die neue Bundeswehr
versammelt: Die alte Bundeswehr, die wartet, bis eine richtige Armee
kommt. Das ist die, von der ein Kamerad von der Flugbereitschaft der
Bundeswehr berichtet, der das Essen serviert. Der war bei
einer Raketeneinheit. Um eine Rakete zu verschießen, muss man einen
Wetterballon starten, um die Winde in bestimmten Höhen zu ermitteln.
Die Daten müssen per Kabel (aus Gold) in den Befehlscontainer
übertragen werden. Fährt ein Auto, evtl vom Feind über das Kabel, ist
der Krieg vorzeitig vorbei, dann ist das Kabel kaputt. Das kostet
10.000 Euro. Es gäbe aus Schweden eine drahtlose Verbindung, aber die
darf die Bundeswehr nicht nehmen, weil man Technik aus Deutschland
bevorzugt.
Im selben Flugzeug Männer mit Bärten und unförmigen, riesigen Jacken.
Das sind angeblich die Spezialjacken für Sniper, die haben auf dem Rücken
Taschen, wohl für die Munition. Ist logisch. Das sind die harten
Jungs, oder zumindest geben sie sich so: Sie umarmen sich theatralisch und neigen zur Landserromantik: Im
Flugzeug hat erst mal einer die Mundharmonika rausgeholt und Goodbye
Johnny gespielt. Bei denen hat schon eingesetzt, was man in jeder Armee
im Einsatz beobachten kann: Die kleine, ironische Veränderung der
Uniform, das Durchbrechen der militärischen Ordnung, auch: Das Zitieren
der Insignien des Feindes.
In Vietnam trugen die GIs Peace Buttons. In
Afghanistan tragen deutsche Soldaten graue Arafat-Tücher. Das ist das
Zitieren der örtlichen Folklore.
Jetzt sind wir in Termez. Termez ist der “strategische Lufttransportstützpunkt” der Bundeswehr in Usbekistan. Hausrecht haben trotzdem die Usbeken. Soldaten tragen hier keine Waffen, die Usbeken bewachen das Lager und lassen sich das fürstlich entlohnen. Gegen Usbekistan könnte man einiges sagen. Könnte man. Nur Deutsche werden das nie machen. Denn dann wäre Termez dicht.

Unvergessen die Bilder, als die deutsche Armee 2002 nach Afghanistan aufbrach. Wegen schlechtem Wetter saßen Bundeswehrsoldaten in Termez fest und tranken Mineralwasser. Krieg verschoben wegen schlechtem Wetter: So sieht sie aus, die Armee, die in Teilen der Linken immer noch eines “imperialistischen Eroberungskrieges” geziehen wird.

Gestern gab es live Bayern gegen Hoffenheim.
Bayern hat gewonnen, Wer in Afghanistan gewinnt, weiß man noch nicht.
Das deutsche Vietnam heißt Kunduz - im Rahmen dessen, was sich die
Bundeswehr zumutet.
Seit dem Einsatzbeginn sind 250.000 Soldaten durch den
Afghanistan-Einsatz gegangen. Das sind fast so viele, wie die
Bundeswehr Soldaten hat. Hier entsteht, von der Öffentlichkeit
unbeachtet, eine Generation Afghanistan. Leute, die im Krieg waren,
selbst, wenn sie auf der Stube hocken, kriegen sie Tod und Verwundung
mit und mittels “oral history”, wie der Historiiker das nennt, entstehen die Geschichten, die, tausendfach eingespeist, sich mittels Freunden und Familie über Afghanistan und den Krieg verbreitet.
Wer mit einer Usbekin anbandelt, verliert den Status Ü2, das ist irgendein Geheimnisträger-Status der Nato. Der MAD kriegt das raus. Die Dame in der Kneipe hier im Lager (Area 51) scheint
zu sagen: Nimm mich trotzdem. Blonde Haare, knapper
Rollkragen-Pullover. Bundeswehr-Jungs sind begehrte Männer. Die
verdienen in einem Monat so viel, wie die Usbeken in einem Jahr.
Gleich geht es mit der Transall nach Masar. Das sind 17 Minuten Flug. Mal sehen. wie es da ist.

Das Gegenteil von braun ist nicht bunt

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Bei neonazistischen Umtrieben aller Art ist es nur eine Frage der Zeit, wann in der jeweiligen Stadt Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy eine Demonstration organisiert wird, bei der unter dem Motto “Passau/Wunsiedel/Delmenhorst oder xy bleibt bunt” Menschen durch die Straßen ziehen um gegen das Geschehene zu demonstrieren.

Zumeist sind die Städte, in denen das stattfindet aber gar nicht “bunt”, in dem Sinne, wie die Demonstranten sich das vorstellen. Wahrscheinlich hat Delmenhorst kein afrikanisches Kulturzentrum, keinen Hindu-Tempel und kein Hundertwasser-Haus. Und: Dürfen graue Städte nicht gegen die NPD demonstrieren? Was ist überhaupt so schlimm an grau?

Gesäumt werden solche Demonstrationen, die meistens das ganze Arsenal Kirchentags und Szeneviertel-erprobten Kitsches auffahren (Kinder mit selbstgemalten Plakaten, Trommler, weiße Bürgerkinder mit Dreadlocks) ja eben von zumeist grauen Bürgern, die alles sind, nur nicht in diesem Sinne “bunt”.

Die Idee, dass “bunt”, alternativ benutzt: Vielfalt, das Gegenteil von braun, also einer totalitären neonationalsozialistischen Ordnung sei, hat sich durchgesetzt. Und bei allem guten Willen und Engagement, das hinter solchen Demonstrationen steckt, so zeugt die ganze Idee doch von Naivität und eben nicht Wehrhaftigkeit gegen die neonazistische Gefahr.

“Bunt” in diesem Sinne ist nicht nur nicht Vielfalt – man denke nur an sogenannte “bunte” Stadtteile wie das Hamburger Schanzenviertel, in dem ja in Wahrheit eine extreme Vereinheitlichung der Lebensstile vorzufinden ist, “bunt” in diesem Sinne ist eine Ansammlung diverser Kitschvorstellungen aus 30 Jahren Alternativbewegung. In dieser Welt hat der Fremde eben vornehmlich die Aufgabe “bunt” zu sein, er muss für Folkore sorgen, sein Anderssein wird in Stellung gebracht gegen den angeblich grauen Alltag. Das “Bunte” soll in Wahrheit dem Unterhaltungsbedürfnis eines bestimmten Milieus dienen, das in sich – wie gesagt – wiederum allles andere als vielfältig ist.

Man sieht das an dem Berliner Sender “Multikulti”. Der hat die übliche Hitparade ersetzt mit einer – “bunten”? – neuartigen Hitliste, in der ausschließlich afrikanische Trommeln, arabische Lauten oder kirgisische Pfeifen zu Gehör gebracht werden. Eine Monokultur, die aber angeblich gesellschaftlich wertvoll ist, weil sie einer als unerträglichen empfundenen anderen Monokultur Paroli bietet.

Das Gegenteil von braun ist aber nicht bunt. Man bekämpft eine totalitäre Bewegung nicht mit der kitschigen Idee einer Folklore-Gesellschaft, der nur wenige in bestimmten großstädtischen Milieus als Hobby anhängen. Denn die nazistische Gefahr ist in erster Linie eine antibürgerliche Bewegung, das war sie schon in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Das Gegenteil von braun heißt also: bürgerlich. Denn die totalitäre braune Gefahr würde zwar, setzte sie sich durch, tatsächlich die “bunten” Folklore-Vorlieben eines ganz bestimmten Milieus ein Ende setzen.

Aber in Wahrheit ist die ganze Palette bestimmter Milieu-Lebensweisen Frucht bürgerlicher Freiheit. Der Begriff Bürgerlichkeit ist der eigentliche Gegenbegriff zur neonazistischen Gefahr. Dennoch genießt er in den Milieus, die sich gegen Nazis wehren keinen unzweifelhaften Ruf. Vielleicht ist er sogar genau das Graue, wogegen sich das “Bunte” auch nebenbei richten soll.

Dabei reichen schlichte bürgerliche Standards um braune Umtriebe verhindern. Die und nur die. Die Idee der Bürgerlichkeit enthält bereits alle Ideen, die Nazis verhindern würden. Bürgerlichkeit enthält die Idee, dass man sich nicht gegenseitig totschlägt. Bürgerlichkeit bedeutet Gesetzestreue. Bürgerlichkeit akzeptiert auch den anderen als Bürger, wenn er sich an diese Gesetze hält, völlig unbesehen von der Hautfarbe oder des Lebensstils.

Es geht also immer noch darum, in Teilen Deutschlands bürgerliche Standards durchzusetzen, sie neu durchzusetzen, oder, wie in Passau, an sie zu erinnern.

Wer mit der Idee, bunte Folklore sei das Gegenmittel gegen Neonazis auf die Straße geht, verniedlicht in Wahrheit die Auseinandersetzung zu einer der verschiedenen Lebensstile, die sich halt gegenseitg nicht ausstehen können.

Dabei gibt es eigentlich keinen besseren Schlachtruf gegen Neonazis als bürgerliche Werte, wie sie in unserer Nationalhymmne zitiert sind: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Nazis sind gegen das Recht. Sie sind gegen die Freiheit.

Und wenn man gegen sie vorgehen will, ist eigentlich weniger die Vielfalt die Vokabel der Stunde – sondern die Einheit der Bürger.