Archiv für die Kategorie „Religion“

Die Krawallschachtel und der Dieter Bohlen im Talar

Montag, 15. September 2008

Gloria von Turn und Taxis hat zusammen mit dem Kölner Kardinal Meissner ein Buch geschrieben. Das Buch dürfte die neueste Sternschnuppe am Himmel der Krawallmacher sein.

In “Die Fürstin und der Kardinal: Ein Gespräch über Glauben und Tradition” hauen die beiden in die Kerbe, die Peter Hahne und Eva Herrmann vorbereitet haben. Nur kommt hier der Angriff auf die liberale Gesellschaft in Form eines radikalen Christentums nach Art Evangelikaler der USA.

Eine Kostprobe gaben die beiden in der Sendung “Maischberger”. Kondome für Afrika? Niemals. Treue und Anstinenz ist die beste Verhütung. Was tun, wenn schwul? Gloria: “Beten, beten, beten!” Und dann noch das: Die Pille? Ist Abtreibung, also Mord. Abtreibung in Deutschland: eine Mordindustrie. Wir warten bereits auf aufgebrachte “Kommandos Gloria von Thurn und Taxis”, die sich mit Knarre vor deutschen “Abtreibungskliniken” postieren.

Es gehört zum Wesen der Auseinandersetzungen dieser Art, wie sie zum Beispiel Kardinal Meissner führt, dass ihnen der Widerspruch nur nützt. Es gibt ja eine Würde, die darin besteht, dass man nicht allem widersprechen muss, was halt so gesagt wird.

Aber wir langweilen uns ja ein wenig mit den ewig gleichen Argumenten der liberalen Papstgegner so wie wir uns insgesamt mit dem anything-goes langweilen, die Meissner-Masche bietet – noch und für einige – die höchstmögliche Exotik im Krawallgewerbe. Das schlimme: Auch richtige Argumente wie jene, dass das Kondom-Verbot der katholischen Kirche in Afrika verheerend ist und dass die Kirche Schuld auf sich lädt – verbrauchen sich. Was man zu oft gehört hat, verliert an Strahlkraft, vor allem, wenn es von Berufsanprangerern wie Kroymann vorgetragen wird. Und obwohl man um den Effekt weiß, findet er doch statt. Und es tritt ein Effekt auf, der Überzeugungen nur noch als abhängige Funktion der jeweiligen Rolle erscheinen läßt: Die lesbische Kabarettistin ist eben für Homo-Ehe weil sie lesbisch ist, genauso wie der Talarträger dagegen ist, weil er Talar trägt und beides ist irgendwie naturgegeben und steht gleichberechtigt nebeneinander. Meinungen sind vor allem Teil einer Folklore.

Wenn die liberalen Gegenargumente dann, wie bei Maischberger dann also von den üblichen Verdächtigen vorgetragen werden – Maren Kroymann – kriecht unaufhaltsam das Schlafbedürfnis in einem hoch. Ein ödes Rollenspiel, in dem die zuletzt auf der Bühne erscheinenden Krawallschachteln, in dem Fall Meissner und Gloria – Vorteile haben.

Lange Zeit haben die Kroymanns das Feld beherrscht, jetzt sind eben die anderen dran, die Meissners und Glorias.

Doch es gibt Trost: Kardinal Meissner spielt sich als erzkonservativer Bewahrer des Abendlandes auf und ist doch nichts anderes als ein Dieter Bohlen im Talar. Einer, der die Bedürfnisse nach Krawall, einer, der die Logik der vielzitierten Aufmerksamkeitsökonomie genauso fulminant bedient wie Bohlen oder Gina-Lisa oder Sarah Connor: White Trash im schwarzen Talar.

Die Säkularisierung ist unumkehrbar. Und sogenannte “konservative” Aufwallungen sind nicht radikale Opposition gegen, sondern längst Teil einer Popkultur geworden mit der entsprechenden Halbwertszeit.

Sie bestätigen also, was sie zu bekämpfen vorgeben. “Konservative” (damit soll ja meistens etwas Nobles und Elitäres gemeint sein) gibt es gar nicht mehr und gab es in Deutschland in der Form, wie das immer herbeifantasiert wird, als Edelmann englischer Art, auch nie. Gäbe es welche, würden wir nicht von Ihnen erfahren, denn sie würden über Pausenclowns wie Meissner nur die Nase rümpfen und peinlich berührt schweigen.

Kardinal Meissner weiß das, er weiß, dass seine Schlacht, die er pro forma weiterführt, längst verloren ist.

Auch der Papst weiß das. Es ist überliefert, dass Benedikt bei kollektiven Aufwallungen in Woodstock-Art wie dem “Weltjugendtag” keineswegs ein gutes Gefühl hatte. Er ahnte oder wusste, dass nach den frommen Tagen die Müllabfuhr Kondome aufsammeln muß. Gebrauchte natürlich.

Die Juden und der “Stern”

Montag, 8. Oktober 2007

Die guten Deutschen und das obsessive Kreisen um das Eine

Es gibt etwas, das lässt dem “Stern”, dem Flaggschiff des linksliberalen Bürgertums, der so schön die Verwirrung seiner Klientel abbildet (mal wird das Pilgern gelobt, dann war Gott neulich auf einmal tot, wie der “Stern” bewies), einfach keine Ruhe:

Wie ist das jetzt mit den Juden? Was darf gegen sie gesagt werden, ohne gleich ein Antisemit zu sein?

Der “Stern” will es unbedingt ausloten, es scheint ihm ein tiefes inneres Bedürfnis zu sein, so als gäbe es am Ende doch nichts Schöneres und Fälligeres, als endlich gegen Israel sein zu dürfen. Das allein ist schon ein wunderbares Abbild der deutschen Obsession, sich immer und immer wieder mit “den Juden” und Israel zu beschäftigen.

Mal nennen die Deutschen ihre Kinder obsessiv Sara und Esther und finden “das Jüdische” so schön melancholisch und gleichzeitig fröhlich (Klezmer!), dann ist Scharon wieder Hitler und macht das mit den Palästinensern, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben.
(more…)

Anti-modern ist modern

Montag, 10. September 2007

Rechte Totschläger, Islam-Konvertiten und wer uns sonst noch alles vernichten will

Wer zynisch ist, würde sagen: Erst wenn wir hier einen ordentlichen Anschlag erlebt haben, wird sich die Dramaturgie des Palavers mal ändern. Eine Dramaturgie, die so geht: Ein Anschlag wird vereitelt. Die Täter sind Muslime, egal ob richtige, den Koran missbrauchende, oder welche auch immer. Sie berufen sich auf ihren Islam. Ehe noch überhaupt der Vorgang in seinem ganzen Ausmaß erhellt worden ist, und natürlich ehe jemand “die Muslime” verantwortlich gemacht hat (jeder, der bis drei zählen kann, würde das nie tun) treten die so genannten Mahner und Warner, eine berufsständisch nicht geschützte aber unglaublich umtriebige Profession, auf den Plan und sagen: Vorsicht! Jetzt bloß nicht “die Muslime” dsikriminieren!

Diesmal war es die sonst keiner Peinlichkeit aus dem Weg gehende Bischöfin Margot Käßmann. Der Käse diesmal: Wir dürfen jetzt nicht zur Islamophobie neigen!
(more…)

Der Dalai labert

Mittwoch, 25. Juli 2007

Was die Buddhismus-Welle über uns verrät

Für die neubürgerlichen Katholizismus-Fans muss es ein Greuel gewesen sein: Da kommt dieser in Orange-Weinrot gewandete freundliche alte Herr mit Pennäler-Brille, Jungs-Grinsen und zum Teil äußerst simpler Botschaft - und eine ganze Garnison von Studienräten, protestantischen Omas und sanftmütigem Jungvolk ist aus dem Häuschen.

Der Besuch des Dalai Lama hat vor allem eins gezeigt: Die ganze Idee, der Katholizismus, am besten samt strenger Lithurgie (gern auch auf Latein), sei auf dem aufsteigenden Ast, war ein totaler Rohrkrepierer des gehobenen Medien-Milieus, wie so vieles vorher auch. Eine Idee, erfunden von Leuten, die ihren aktuellen Gemütszustand und den des Rests schon seit langem nicht mehr auseinanderhalten können.

Der strenge Mann in Rom, von dem vor allem jene fasziniert sind, die endlich Ruhe haben wollten an der Ideen-Front, an der sie unablässig selbst mitgekämpft haben. Leute die schon links, rechts, konservativ, liberal und grün waren und damit ebenfalls nicht glücklich wurden. Für diese Leute müssen harte Sachen her. Katholische Kirche. 2000 Jahre alt. Strenger Chef. Fester Glaubenskanon. Bollwerk gegen Werteverfall. Dolle Sache. Natürlich nur rein theoretisch. Halten wolllen sie sich dann doch nicht dran. Schließlich ist kein Sex vor der Ehe keine so dolle Sache. Oder?

Der Dalai Lama hat gezeigt, wer wirklich Chef ist im Lande der unaufhaltsamen Säkularisation.

Glaube heißt jetzt Spiritualität. Und Leute glauben eben nicht, sondern fühlen sich “irgendwie” zu “irgendwas Höherem” schlichtweg “hingezogen”. Wenn Leute sich, quasi aus dem Nichts heraus, zu etwas “hingezogen” fühlen, ist Obacht angesagt. Dann stimmt irgendetwas nicht.
(more…)

Von der Kulturkampfindustrie

Dienstag, 26. Juni 2007

Die Friedrich-Ebert-Stiftung blickt in die Zukunft – und produziert eine Selbstauskunft des sozialdemokratischen Milieus

Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Teil der “Kulturkampfindustrie”. So nennt der SPD-Professor Thomas Meyer, der sich in der Sozialdemokratie um die großen Linien der Programmarbeit kümmert und außerdem noch Professor für Politikwissenschaft in Dortmund ist, Menschen, die den politischen Islam für eine große Gefahr im 21. Jahrhundert halten.

Die “Kulturkampfindustrie”, das ist nach Meyers Vorstellung ein offensichtlich weltweit äußerst einflussreiches Netzwerk von Menschen, die, völlig ohne Not, den Konflikt mit der “islamischen Welt” für ihre Zwecke anheizen. Die Bibel dieser “Kulturkampfindustrie” sei, so Meyer, “Der Kampf der Kulturen”, das berühmte Buch von Samuel P. Huntington.

Das alles führt Meyer in dem Papier “Kompass 2020 – Religion und Politik: Ein neu belebtes Spannungsfeld” aus. Meyer hatte den Auftrag, für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Zukunftsprojektion über das Verhältnis der Religionen im Jahr 2020 zu schreiben.

Geschaffen hat er eine aktuelle Selbstauskunft des sozialdemokratischen Milieus, wo offensichtlich die ja berechtigte Selbstkritik des Westens längst zur ewig quälenden Frage zusammengeschrumpft ist: Sind wir letztlich nicht selbst Schuld, wenn “die anderen”, die dritte Welt, die “muslimische Welt”, uns hasst?

Meyer beantwortet diese Frage zumindest teilweise mit “Ja”. Es ist in den letzten Jahren klar geworden, dass viele Leute so denken, nicht nur in der Sozialdemokratie, deshalb ist Meyers Text ein Zeitdokument über das politische Denken des juste Milieu.
(more…)